Mobbing: Ich bin Autistin und meine Schulzeit war die Hölle

Mobbing

Ihr Lieben, heute ist Internationaler Tag gegen Gewalt und Mobbing und deswegen haben wir heute Sozialpädagogin Leserin Svenja Diederichs zu Gast bei uns im Blog. Sie ist Expertin für Autismus und Neurodivergenz, Anti-Mobbing-Trainerin und hat festgestellt, dass besonders autistische Kinder oft von Mobbing betroffen sind. Hier erzählt sie heute ihre eigene bewegende Geschichte.

In meiner Grundschulzeit wurde ich fast jeden Tag in der großen Pause von einigen Jungen aus meiner Klasse verprügelt. Oft haben sie sich dafür in Gruppen von bis zu sechs zusammengeschlossen, wobei einer oder zwei davon nur dafür zuständig waren, mich festzuhalten, wodurch ich dem hilflos ausgeliefert war.

„Mit dem Mobbing in der Schule stand ich alleine da“

Unsere Lehrerin war nicht sehr durchsetzungsfähig und mit den wilden Jungs dieser Klasse, die zwar nur klein war aber berechtigterweise als die schlimmste Klasse der Schule galt, völlig überfordert. Dennoch hat man ihr später noch einen weiteren Jungen mit schlimmem Sozialverhalten aufs Auge gedrückt, der bereits von mehreren anderen Schulen geflogen war. Sie dachten tatsächlich, durch die anderen Jungen mit schlechtem Benehmen in unserer Klasse, würde er gut da reinpassen. Die Sache ging natürlich schief, letztlich musste er auf eine Sonderschule.

Wenn ich der Lehrerin meldete, dass einer der Jungen mich verprügelt hatte, verlangte sie von ihm, mir die Hand zu reichen und sich zu entschuldigen. Damit war die Sache für sie erledigt, was sie auch ganz klar so sagte. Und dabei war es ihr egal, ob ich die Entschuldigung annahm oder nicht. Tatsächlich erschien mir das Annehmen der Entschuldigung schon nach kurzer Zeit sinnlos, da das Hauen und Treten stets am nächsten Tag wieder von vorne losging. Dennoch griff die Lehrerin zu keinen neuen oder stringenteren Maßnahmen, um es zu unterbinden.

Auch mit dem Aufstellen von Klassenregeln lief es wie erwartet: Als reines Lippenbekenntnis stimmte die Klasse ihnen zu, aber keiner hielt sich daran und für die Einhaltung wurde auch nicht gesorgt. Ich selbst konnte auch nicht viel tun. Einmal habe ich es mit Weglaufen versucht, als ich während des Unterrichts zu sehr getriezt wurde, doch ich bekam einen Mords-Ärger, da ich unerlaubt alleine das Schulgelände verlassen hatte. Ein anderes Mal schaffte ich es, einem Jungen aus der Parallelklasse, der mich oft angriff, in den Bauch zu boxen, weil jemand mir sagte, ich müsse mich gegen Angriffe wehren. Als mir das gelang, war ich stolz wie Oskar. Aber das war ein Einzelfall, denn vom Kämpfen verstand ich nichts.

Schulangst
Foto: pixabay

Am Ende der dritten Klasse warf unsere entnervte Lehrerin nach einem heftigen Streit mit dem Schulleiter das Handtuch. Ihr Ersatz war eine griesgrämige, selbst bei den Eltern unbeliebte Frau, die uns immer wieder verdeutlichte, dass wir gar nicht ihre richtige Klasse seien, sondern diese an einer anderen Schule sei und sie wegen uns nun immer zwischen zwei Schulen hin- und herpendeln müsse, was sie uns unterschwellig vorwarf.

Am Verhalten der Klasse änderte sich nichts. In den Sommerferien nach der vierten Klasse hatte ich noch eine zufällige unglückliche Wiederbegegnung mit zwei meiner ärgsten Widersacher. Diese drückten mich beim Schwimmen unter Wasser und hinderten mich eine Zeit lang am Auftauchen. Mir ist zwar nichts passiert, aber die Todespanik, die ich in dem Moment verspürte, spür ich noch heute.

Als ich aufs Gymnasium kam, hoffte ich, alles würde besser werden, doch wurde es in gewisser Weise sogar schlimmer. Während ich auf der Grundschule zumindest noch in die Gruppe der Mädchen eingebunden war und Freundinnen hatte, wurde ich nun zur totalen Außenseiterin, die von der ganzen Klasse gemobbt wurde. Unter denen, die mich besonders intensiv mobbten, war die Anzahl der Mädchen sogar noch höher als die der Jungs.

Selbst meine alten Freundinnen verloren ab der 4. Klasse zunehmend das Interesse an mir. Die Art des Mobbings änderte sich jedoch. Richtige körperliche Angriffe wie Schläge und Tritte gab es noch in der 5., vereinzelt auch in der 6. Klasse aber spätestens in der 7. hörte es ganz auf. Stattdessen wurde ab der 5. Klasse verbales Mobbing in Form von Beleidigungen, Niedermache und so weiter richtig intensiv.

Während des Unterrichts wurde heimlich geflüstert über mich, um mich zum Ausrasten zu bringen, damit ich Ärger bekomme oder mir wurde heimlich unter dem Tisch wiederholt gegen das Schienbein getreten. In den großen Pausen traf ich manchmal auf zwei Mädchen aus einer anderen Klasse, die meinen Namen in so ekliger Weise riefen, dass ich ihn schon nicht mehr hören konnte, und die zudem ständig meinten, mich verarschen zu müssen.

Sie sahen mir nicht an, dass ich die Verarschung durchschaute, und lachten mich aus, wenn ich zum Spaß darauf einging. Oft konnte ich mich in den großen Pausen jedoch meinen Mitschülern entziehen, als ich alt genug war, dass ich im Schulzoo arbeiten durfte. Besonders schlimm waren aber weiter die kleinen Pausen und die Zeiten, wo wir auf einen Lehrer warten mussten. Das war die ideale Gelegenheit für meine Mitschüler, mich fertig zu machen, da wir ja dann im Klassenraum sein mussten.

Zu den häufigsten Mobbingformen gehörte es auch, mich von allen Seiten mit zusammengeknülltem Tischmüll zu bewerfen, und das auch oft während des Unterrichts. Entsprechend viel Müll sammelte sich unter meinem Platz an. Manchmal musste ich den Tisch kippen, damit der Müll auf dem Boden landet, da ich ihn weder ansehen noch anfassen mochte, und bekam dafür Vorhaltungen.

Was mich besonders aufregte war, dass die Lehrer auch noch von mir verlangten, die Müllberge selbst wegzumachen, mit der Begründung jeder solle unter seinem eigenen Platz saubermachen. Da konnten die Mobber sich dann ja erst recht ins Fäustchen lachen. Manchmal wurde mir der Müll auch gewaltsam in den Nacken gesteckt, während man mich festhielt, oder er wurde heimlich in meiner Schultasche oder Federtasche drapiert, so dass ich versehentlich hineingriff. Das alles hat meinen Ekel vor dieser Art von Müll nur weiter erhöht.

Quereinsteiger
Foto: Pixabay

Eines Tages wurde ich während einer Wartezeit im Klassenraum immer wieder von der Klasse mit dem Klassenschlüssel beworfen. Den gegen den Kopf zu bekommen tat richtig weh, denn er war hart. Irgendwann nahm ich ihn und schleuderte ihn über meine Schulter hinweg einmal quer durch den Raum nach hinten, wodurch er zufällig genau im Papierkorb landete. Ich war zutiefst erleichtert, dass sie ihn dort nicht sofort wieder rausholten, denn so hatte ich endlich Ruhe und musste auch keine Schmerzen mehr erleiden.

Da die beiden Schüler, die Schlüsseldienst hatten, jedoch anwesend waren, nahm ich an, sie würden ihn später rausholen, zumal im Papierkorb ansonsten nur ein wenig Papier war und nichts Schlimmes, was auch andere als mich geekelt hätte. Tatsächlich holte jedoch niemand ihn raus und es sagte auch keiner den Lehrern Bescheid. Das Ergebnis war, dass die Putzfrauen den Müll irgendwann abholten… Es wurde dann beschlossen ich bzw. meine Familie müsse ein Drittel der daraus entstandenen Kosten (Ersatzschlüssel und ich denke, es wurde sogar sicherheitshalber das Schloss ausgetauscht) tragen, der Schlüsseldienst ein weiteres Drittel und die restliche Klasse zusammengenommen das letzte Drittel.

Das bedeutet, ich wurde als Hauptschuldige gesehen und meine Schuld wurde um ein Vielfaches höher bewertet als die der meisten anderen, was ich selbst heute noch als ungerecht empfinde. So konnten die Mobber wieder einen Sieg für sich verbuchen, indem ich doppelt Leidtragende ihrer Aktion wurde. Auch an dieser Stelle hätte man also ein ganz deutliches Signal der Null-Toleranz gegen Mobbing setzen können, was leider versäumt wurde.

Was soll ich sagen? So ging es weiter. In der Unterstufe unternahm der Lehrer nichts gegen die Hänseleien, nach der 7. befeuerte der neue unbeliebte Lehrer Mobbingaktionen sogar noch, weil er selbst so unfair war. Nach der 10. Klasse wechselte ich die Schule, aber auch hier ging das Spiel weiter. Als ich es nicht mehr aushielt und zudem auch meine Noten trotz Bemühungen immer schlechter wurden, weshalb ich ein Sitzenbleiben und eine damit verbundene Verlängerung meiner Leidenszeit befürchten musste, brach ich die Schule ab.

In den darauffolgenden Jahren habe ich mich oft in verschiedenen Bereichen ehrenamtlich engagiert. Besonderen Fokus hatte ich hierbei darauf, Menschen zu unterstützen, die sich in sozialen Notlagen befinden oder Behinderungen haben, denn ich hatte den Wunsch, Menschen zu helfen und ein offenes Ohr für sie zu haben. Dabei fühlte ich mich besonders zu Leuten aus gesellschaftlichen Randgruppen hingezogen, also eben jene Leute, die von anderen Menschen oft vorschnell verurteilt werden, statt dass man ihnen zuhört und sich in ihre Lage versetzt. In mir wuchs der Wunsch, Soziale Arbeit zu studieren, um danach beispielsweise Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen zur Seite zu stehen. Wegen meines Schulabbruchs musste ich aber erst einen Weg finden, überhaupt studieren zu dürfen.

Schließlich kämpfte ich mich durch eine Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistentin mit paralleler Erlangung der Fachhochschulreife. Die Noten waren nun kein Problem mehr, abgesehen von Mathematik wegen meiner Rechenschwäche, allerdings musste ich abermals heftiges Mobbing ertragen. Zudem wurde mir immer deutlicher bewusst, dass ich Besonderheiten an mir habe, die sich nicht mit der Mehrheit decken, und die daraus resultierenden besonderen Bedürfnisse sorgten immer wieder für Reibereien, da man hierfür kaum Verständnis hatte.

Freundinnen-Clique
Foto: pixabay

Den meisten Leuten fällt es schwer, sich in Autisten hineinzuversetzen. Ich bemühte mich verzweifelt, mein Denken, Fühlen und Handeln den anderen begreiflich zu machen. Es ist für Außenstehende aber schwer zu verstehen, was es wirklich bedeutet, Autistin zu sein. Für mich ist zum Beispiel der Geruch von Kaugummi oder Pfefferminzbonbons unerträglich, wer mich ärgern will, kann das also mit einfachen Mitteln recht schnell erreichen, indem er das einfach „vergisst“. Dabei sind autismusbedingte Bedürfnisse oftmals einfach zu gewichtig, um sie zurückstellen beziehungsweise unterdrücken zu können.

Man würde ja beispielsweise auch nicht von einer Spinnenphobikerin erwarten, dass sie die Spinne im Raum einfach ignoriert und sich weiter auf den Unterricht konzentriert, nur weil die anderen kein Problem mit der Spinne haben, sondern dann kommt halt jemand zur Rettung und entfernt das Tier, da Spinnenphobie eine weit verbreitete, in unserer Kultur problemlos anerkannte Phobie ist, für die jeder Verständnis hat. Je ungewöhnlicher die besonderen Bedürfnisse sind, desto geringer ist hingegen die Bereitschaft, sie zu berücksichtigen, so mein Eindruck.

Recht kurze Zeit vor Beginn meines Studiums erhielt ich dann mit Mitte 30 die Diagnosen Autismus und ADHS. Im Zuge dessen begann ich, mich intensiv in das Thema Autismus einzuarbeiten: Teils durch intensiven Austausch mit anderen Autisten, teils durch Fachliteratur. Da war es nur naheliegend, meine Fachrecherchen auch in Studienarbeiten mit einfließen zu lassen. Zusätzlich habe ich am University College Cork „Autism Studies“ (Autismusstudien) studiert. Suchthilfe finde ich nach wie vor ein wichtiges Thema, ich merkte jedoch, dass Leute, die selber Suchterfahrungen haben, leichter in diesem Bereich Fuß fassen können. Der Gedanke, dass ich als Autistin mich auf Autismusberatung und Autismuscoaching fokussiere, war also naheliegend.

Aufgrund meiner eigenen Mobbingerfahrungen entschied ich mich auch für eine Weiterbildung zur Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin für Kinder und Kindergruppen. Man hätte es auch offiziell „Anti-Mobbing-Training“ nennen können. Gerade ich als Autistin kann mich in die Sorgen und Nöte der Betroffenen besonders gut hineinversetzen. In meiner Weiterbildung zum Neurodiversitätscoach habe ich meine Kenntnisse nicht nur über Autismus sondern auch über andere Formen von Neurodivergenz schließlich noch erweitert.

Im Zuge meiner verschiedenen Ausbildungen, Studiengänge, durch die diversen Fachbücher und durch die Gespräche mit anderen Autisten habe ich viel gelernt: Über Pädagogik, Soziologie, Psychologie, über Autismus und auch über jene Menschen, die keine Autisten sind. Das ist wichtig, denn obwohl Nicht-Autisten es meist nicht schaffen, sich in Autisten hineinzuversetzen, wird umgekehrt von Autisten erwartet, sich in Nicht-Autisten hineinversetzen zu können.

Lange Zeit hielt ich mich für eine Versagerin, die selbst an ihren Problemen Schuld ist und sich Chancen kaputt macht. Da ich nun weiß, dass ich Autistin bin, ist mir klar, warum ich es immer so schwer im Leben hatte, so oft abgelehnt und irgendwo rausgeschmissen wurde und warum mir diese „Kleinigkeiten“ oft so ungeheuer wichtig sind, als hinge mein Leben davon ab.

Was die Nicht-Autisten betrifft, so sind für mich viele ihrer aus meiner Sicht bizarren Verhaltensweisen inzwischen verständlicher geworden. Beispielsweise dachte ich früher die Vorliebe meiner Mitschüler für seichte, oberflächliche Gesprächsthemen sei ein Zeichen mangelnder Intelligenz. Ich hoffte stets auf tiefergehende Gesprächsthemen oder dass mir jemand von seinen Problemen erzählt, damit ich ihn wirklich kennenlernen kann.

Inzwischen weiß ich, dass Smalltalk für die meisten Leute keine Zeitverschwendung ist, sondern in der Tat ein Weg sich kennenzulernen. Entscheidend ist dabei zu wissen, dass sie sich nicht durch den Austausch der unbedeutenden Worte kennenlernen sondern vor allem durch den gleichzeitigen Austausch an Mimik, Gestik, Augenausdruck und anderen die Worte begleitenden Faktoren, von denen ich als Autistin nicht viel mitbekomme.

Ebenso verstehe ich nun besser, wie es sein kann, dass alle anderen den Lärm, der durch das offene Fenster hereinkommt, problemlos ertragen können und keine Anstalten machen das Fenster zuhaben zu wollen. Es geht dabei nicht darum, mich zu quälen, sondern sie empfinden es einfach nicht als quälend, da ihre Gehirne diesen Hintergrundlärm problemlos runterregeln und ausblenden können. Daher begreifen sie auch nicht, wie schlimm es auf die Dauer für jemand anderen sein kann, und nehmen ungerne Rücksicht.

Da ich inzwischen beide Seiten gut verstehe, kann ich auch als Dolmetscherin fungieren, die bei Missverständnissen und Interessenskonflikten zwischen Autisten und Nicht-Autisten vermitteln kann. Ich denke, damit habe ich meine Berufung gefunden. Sicherlich hätte ich gerne auf meine Erfahrungen in der Schulzeit verzichtet, aber so kann ich als Beispiel vorangehen und erklären, was wir geholfen hätte, um es für künftige Generationen hoffentlich besser und leichter zu gestalten.

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Weiterführende Informationen:

Svenja Diederichs ist Sozialpädagogin, Expertin für Autismus und Neurodivergenz, Anti-Mobbing-Trainerin. Schaut euch gern mal auf ihrer Seite www.autismussupport.de. Sie sagt: Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwierig es ist, als Mensch mit Autismus, ADHS und weiteren Formen von Neurodivergenz aufzuwachsen. Ich verstand nicht, warum ich als anders wahrgenommen und nicht so akzeptiert wurde, wie ich war, und weshalb mir manches nicht so einfach gelang wie anderen. Immer wieder erlebte ich Mobbing, Ausgrenzung, Unverständnis, zwischenmenschliche Konflikte, kommunikative Missverständnisse und fehlende Rücksichtnahme auf mein Anderssein und die damit verbundenen Bedürfnisse.

Heute berate und coache ich autistische Kinder, Jugendliche und Erwachsene, damit sie ihre Besonderheiten und die daraus resultierenden Stärken, Schwächen und speziellen Bedürfnisse besser verstehen. Ich helfe ich ihnen, das Verhalten anderer Menschen nachvollziehen zu können und unterstütze als eine Art Mediator und Übersetzer bei der Aufklärung kommunikativer Missverständnisse zwischen Autisten und Nichtautisten.

Zudem berate ich Eltern und andere Familienangehörige, Bildungsstätten, Arbeitgeber, Fachkräfte verschiedener Sparten, die mit Autisten arbeiten, Ämter, Ärzte und Institutionen, damit Autismus besser verstanden wird und Umfeld und Umgangsformen an entsprechend angepasst werden können. Auch biete ich Sozialkompetenz- und Mobbingpräventionskurse für Kinder- und Jugendgruppen, Schul- und Vorschulklassen und  Einzelpersonen.

Mein Ziel ist, dass alle Menschen, egal ob mit oder ohne Autismus oder sonstige Form der Neurodivergenz, gemeinsam in Harmonie leben können. Auch soll die Teilhabe von Autisten an Bildung, Beruf und Freizeitangeboten nicht an unüberwindbaren Hürden scheitern. Ich arbeite regional im Großraum Hamburg und online weltweit.“

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17 comments

  1. Hallo Svenja,

    danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst. Den Weg hat mich sehr bewegt und ich ehrlich gesagt sehr erschüttert über die Erfahrungen, die du in deiner Schulzeit gemacht hast.
    Danke für deine wertvolle Arbeit, die du leistest.

  2. Ich hab eine Weile gezaudert, ob ich einen Kommentar schreiben soll. Aber es beschäftigt mich doch.
    Ich bin keine Autistin, aber ich habe eine Gemeinsamkeit: ich bin unsichtbar behindert und zudem falle ich zumindest dadurch noch nicht mal durch unerklärbares Verhalten auf: ich bin hörbehindert. Ich bin beruflich erfolgreich und arbeite mit Menschen. In den meisten Zweiergesprächen falle ich auf nicht auf. Ich adressiere meine Umwelt nur selten mit Inklusionsbedarf und scheitere trotzdem leider sehr oft. Sogar in meiner Familie setzt sich die Regel, ich kann nicht über zwei Räume mit Dir sprechen, nicht durch. Zuletzt in einem Yogakurs, deren Kursleitung schon beim nächsten Termin „vergessen“ hatte, dass die musikalische Breiuntermalung mir es schwer macht zu folgen. Und dann auch beim übernächsten und nochmal habe ich mir dieses Gespräch nicht gegeben. Hätte ich natürlich machen können.. ich habe mich dagegen entschieden.
    Ich habe sehr viel beruflich und privat Kontakt mit Autisten, es gibt ja auch so viel mehr, als wir glauben. Ich schreibe im weiteren nur über die Bedürfnisse – d. h. nicht, dass ich nur Bedürfnisse wahrnehme und ich meine damit nicht Mobbingsituationen, da ist Gewalt und muss verhindert werden.
    Autisten sind sehr unterschiedliche Menschen, mit sehr unterschiedlichen Möglichkeiten, sich „trotzdem“ anzupassen, manche ecken nie an, andere ständig. Manche leiden unter mangelnden Kontaktmöglichkeiten oder Ausgrenzungserfahrungen andere nicht. Mittlerweile gönn ich mir auch die Erkenntnis, dass ich nicht für alles Verständnis haben muss. Manches kann ich trotzdem ermöglichen und manches ist so wie mein Yoga mit Breiuntermalung, schmerzlich (für mich war es sehr verletzend), aber nicht verhinderbar.
    Im Zusammenleben mit autistischen Menschen entstehen Barrieren, die nicht durch das Ausstellen eines Abspielgerätes zu entfernen sind. Die betreffen oft Kerneigenschaften des Menschen – das soziale Miteinander. Der Ablauf von oft nonverbaler Kommunikation, das Gruppengefühl, viele Dinge, die niemals verbalisiert werden und deswegen für autistische Menschen nicht erfasst werden können und von Nichtautisten nicht explizit kommuniziert werden können, da wir durch den Lauf der Evolution aus guten Gründen dies nonverbal tun. Eine perfekte Inklusion ist nicht möglich. So sehr sich alle anstrengen würden, es geht nicht. Es ist also nicht vermeidbar, dass Ausgrenzungserfahrungen entstehen. Für die betroffenen Menschen geht es dann aber erstmal los mit der Frage: kann ich für mich eine Lösung finden oder sogar einen Kompromiss? Wieviel Energie kann ich dafür aufbringen? Manchmal kommt man dann an den Punkt zu sagen, kann ich nicht. Schmerzlich und tragisch, aber nicht verhinderbar.
    Dazu kommt, dass die Lösung eben nie gleichförmig sein kann, da ja jede Gruppe anders ist. Für manche Gruppen ist es kein Problem im Sommer auf ein Pfefferminz zu verzichten. Im Winter wenn viele Reizhusten haben schon. Andere sehen es gar nicht ein und die nächsten machen daran ihre Richtschnur für Autism Awareness fest. Wie soll man da als Autist*in eine Regel für sich ableiten?

    Trotzdem finde ich die Schlussfolgerung @Svenja schwierig, daraus eine Aussage/Bewertung über Sympathie oder Entgegenkommen der anderen festzumachen. Das befreit Dich nicht aus einer passiven-erleidenden Rolle und das wird dem Umstand nicht gerecht, dass eine Gruppe trotzdem heterogen ist. Vor allem, wenn sich die Teilnehmer*innen eigentlich nicht kennen.

  3. Liebe Svenja,
    danke dass Du Deine Geschichte teilst… Du gibst damit ganz vielen anderen eine Stimme, die ähnlich Schlimmes erlebt haben.
    Ich wünsche jedem Betroffenen, dass er/sie wenigstens auf einige mutige LehrerInnen trifft, die dieses Verhalten nicht so hinnehmen…
    Diversität wird überall postuliert, aber selten wirklich gelebt.
    Herzliche Grüße!

    1. Liebe Andrea, ich danke dir für deine Worte und sehe das ganz genau so! Daher ist es um so wichtiger, Lehrer im Umgang mit Mobbing fortzubilden, denn oft wissen sie einfach nicht, was sie dagegen tun sollen! Auch wissen sie oft nicht mit Diversität umzugehen und passenden Umgang damit zu lehren. Grüße, Svenja

  4. Vorweg, mein Mitgefühl für Deine furchtbaren Schulerfahrungen. Was für Nullpen von Lehrern!
    Thema Autismus: in meinem Umfeld sind viele Menschen im Spektrum, sowohl in der Familie aus auch befreundet. Ich hab sie sehr gerne, es sind empathische, humorvolle, vielseitig begabte Menschen.
    In meiner Beobachtung „fahren“ die Menschen mindestens so gut, wenn sie keine explizite Diagnose haben, wie wenn sie viel Diagnostik und Therapie sowie Nachteilsausgleich in Anspruch nehmen und sehr explizit über ihren Autismus kommunizieren. Im Moment geht der Trend zu Diagnose, Kommunikation und Awareness. Das ist für viele auch gut und wichtig, aber ich glaube, nicht für alle und nicht in jeder Hinsicht. Es ist mir wichtig, dass es da einen Entscheidungsspielraum gibt. Und genauso, wie eine scheinbar normale Mehrheit umarmen sollte, dass jemand anders „tickt“, sollten die Menschen, die mit einer Divergenz anecken, so gut wie möglich nach Lösungen Ausschau halten, wie sie weniger anecken.
    Das Beispiel mit der Phobie hat mich zu dem Kommentar angeregt. Phobien kann man wohl sehr gut behandeln. Da finde ich es nicht okay, wenn einer sich selbst lebenslang einschränkt und seine Umwelt belastet, anstatt sich behandeln zu lassen. Das ist ja bei Autismus nicht so, dass man es „heilen“ kann, aber für mich ist Autismus auch gar nichts Schlechtes, sondern eine andere Art, wahrzunehmen und zu denken. Die brauchen wir als Gesellschaft!
    Mein Plädoyer wäre, muten wir uns gegenseitig einander zu. Der Mehrheit die Divergenten und den Divergenten die Mehrheit. Und pathologisieren nur, wenn‘s hilft.
    Alles Liebe!

    1. Hallo Sophie. Das Beispiel mit der Spinnenphobie (die ich nicht habe), habe ich angebracht, um darzustellen, wie unterschiedlich die Leute auf besondere Bedürfnisse reagieren in Abhängigkeit davon, ob diese etwas Vertrautes darstellen oder nicht. Spinnenphobie ist ein weitverbreitetes, gesellschaftlich anerkanntes Phänomen. Wenn sich eine Spinne im Klassenzimmer befindet und eine Schülerin deswegen ein Problem hat, selbst wenn diese nur in der hinteren Ecke sitzt, wird keiner sagen: „Ignorier die Spinne doch einfach!“ sondern es wird sich immer ein guter Samariter finden, der die Spinne gerne und bereitwillig entfernt, weil es für ihn eine Kleinigkeit darstellt, eben weil er selbst kein Problem mit Spinnen hat. Da würde niemand sagen: „Wir warten jetzt mal, bis es gelungen ist das bei dir wegzutherapieren und bis dahin musst du halt dem Unterricht fernbleiben, wenn eine Spinne im Raum ist“.

      Ganz anders reagieren Leute jedoch, wenn es sich um ein ungewöhnlicheres Anliegen handelt, selbst wenn dieses ebenfalls nur eine Kleinigkeit darstellt. Denn gerade, weil es in ihren Augen eine Kleinigkeit ist, sehen sie nicht ein, deswegen etwas machen zu müssen, da sie sich nicht reinversetzen in die Person, die anders ist als sie und für die es eine schlimme Sache ist. Das gilt selbst dann, wenn der Triggerreiz genau im Blickfeld ist, wenn die Person nach vorne Richtung Tafel bzw. zur Lehrkraft schaut. Dabei ist es genau dieses kleine Bischen Rücksichtnahme, was oft gebraucht wird, damit bestimmte Menschen überhaupt am Unterricht teilnehmen können.

      Behinderungen und Krankheiten als persönliches Problem zu betrachten, das man nicht berücksichtigen muss, ist nicht im Sinne von Inklusion. Zudem können Therapien unter ungünstigen Umständen sehr langwierig sein und dem Reiz immer wieder in zu schwerwiegender Form unfreiwillig ausgesetzt zu werden, kann zudem therapeutische Fortschritte bei z. B. Angstpatienten zunichte machen.

      Im Grunde gibt es sogar drei Faktoren, die die Bereitschaft zur Rücksichtnahme beeinflussen können. Neben dem Faktor, ob es etwas ist, was derjenige aus eigener Erfahrung kennt bzw. was sehr bekannt ist, gibt es noch den Faktor der Beliebtheit der Person und den Faktor, ob man den Hintergrund kennt. Wenn Leute wissen, warum jemand mit etwas ein Problem hat, ist die Person oft eher zur Rücksichtnahme bereit. Es ist allerdings viel erwartet, dass jemand sich ständig jedem gegenüber „outen“ und z. B. von traumatischen Erfahrungen und / oder Diagnosen berichten muss, weil man sonst keine Rücksicht erfährt.

      Für Autisten kommt das Problem hinzu, dass sie aufgrund ihrer Andersartigkeit oft sehr unbeliebt sind. So habe ich es erlebt, dass in einer Berufsschulklasse auf meine besonderen Bedürfnisse kaum Rücksicht genommen wurde sondern im Gegenteil teils sogar gezielt meine Auslösereize produziert wurden. In der selben Klasse war ein Mädchen, das mich ebenfalls viel gemobbt hat. Dieses Mädchen war jedoch bei den anderen sehr beliebt. Daher hatten sie kein Problem damit, ihrer ungewöhnliche Phobie zu berücksichtigen: Sie ekelte sich extrem vor Füßen, die nur mit Socken und nicht mit Schuhen bekleidet sind.

      Tatsächlich habe ich die Autismusdiagnose erst nach meiner Schul- und Berufsschulzeit bekommen und ich glaube doch, dass es einiges erleichtert hätte, wenn ich sie eher bekommen hätte. Dann hätte ich vielleicht mehr Schutz und Rücksichtnahme und Verständnis erfahren.

      Autismus ist zwar keine phobische Erkrankung, jedoch geht Autismus oft einher mit neuronal bedingten sensorischen Überempfindlichkeiten und Abneigungen gegen bestimmte Sinnesreizen. Zudem ist es Autisten aus neuronalen Gründen oft nahezu unmöglich sich selektiv nur auf wichtige Reize zu konzentrieren und bei ablenkenden und quälenden Reizen wegzuhören. Wenn dann noch eine richtige Phobie hinzukommt, macht es das um so schlimmer. Leider wissen viele Leute jedoch nicht, dass Autismus nicht „wegtherapierbar“ ist und dass es durch „Gewöhnung“ nicht besser wird sondern der Zustand sich sogar verschlimmert bei langanhaltender Reizüberflutung.

      Und übrigens müssen Autisten eh schon alles mögliche tun, um in unserer nicht für Autisten gemachten Gesellschaft halbwegs bestehen zu können. Oftmals geht das ertragen und sich astrengen und anpassen so weit, dass sie auf lange Sicht an Burnout erkranken. Von daher ist etwas Entgegenkommen nicht zu viel erwartet. Aber auch wenn psychische Erkrankung nicht mein Hauptthema ist, finde ich es wichtig, auch diesen Menschen faire, für sie bewältigbare Bedingungen zu bieten, erstrecht da auch Autisten oft psychisch erkranken. In manchen Fällen sogar so extreme Angst vor Mitschülern, Lehrern, Ärzten und Menschen allgemein, dass weder Beschulung in der Gruppe noch Therapie für sie funktioniert, und das nur, weil ihr Autismus zu oft unberücksichtigt und unverstanden blieb und sie so zu viele negative Erfahrungen gemacht mit Gleichaltrigen und Erwachsenen gemacht haben. In meinem Beruf habe ich es leider immer wieder mit solchen Fällen zu tun!

      1. Die Spinne ist aber auch ein Beispiel, wo wenig von anderen verlangt wird. Im Zweifel setzt die Lehrkraft die Spinne mehr oder weniger einfach vor die Tür. Dabei wird nur in die nicht vorhandenen Rechte der Spinne eingegriffen, nicht aber in die anderer Menschen. Prinzipiell mag ich den Freiheitsbegriff: „die eigene Freiheit endet an der Nasenspitze eines anderen“. Über die Pfefferminzbonbons eines anderen zu entscheiden, steht mir dann nicht zu. Auf ein einzelnes Pfefferminzbonbon zu verzichten, wäre aus meiner Sicht nicht das Problem. Aber auf die Bedürfnisse aller Menschen Rücksicht zu nehmen, ist dann nicht mehr „ein bisschen“, sondern unmöglich.

  5. Ich bin fassungslos, wie es sein kann, dass an einer Grundschule massive Übergriffe vom Lehrpersonal bzw. der Schulleitung offenbar letztlich toleriert wurden.
    In anderen Artikeln habe ich schon öfter ähnliches gelesen. Teilweise wurde dann die Schule zitiert: „Man habe keine Handhabe“ o.ä. Ist das wirklich so? Oder handeln Lehrkräfte oft nicht, weil sie überfordert sind, weil sie „keinen Ärger wollen“, weil sie nicht „mitverantwortlich“ sein wollen, wenn ein Kind der Schule verwiesen wird, haben sie womöglich selbst Angst vor übergriffigen Kindern? Ich verstehe es nicht. Wenn über Jahre von bestimmten Kindern wieder und wieder körperliche und psychische Gewalt verübt wird, wie kann das „laufen gelassen“ werden?

    1. Liebe Mona,
      Lehrkräfte werden darauf nicht ausgebildet, sondern auf das Lehren. Sinnvolles Antimobbingverhalten zu lernen ist freiwillig, in einem Rahmen von die Erwartungen was Lehrkräfte alles lernen, tun und lassen sollen sind insgesamt vielerorts zu hoch.
      Zum Glück sind Schulen mittlerweile verpflichtet Kinderschutzkonzepte aufzustellen. Das war früher nicht so.
      Lieben Gruß

      1. Aus folgenden Gründen sollte es verpflichtend sein:

        1. Lehrer haben den pädagogischen Auftrag Schüler auf das Leben vorzubereiten. Dazu gehört nicht nur die akademische Bildung sondern auch das Sozialverhalten. Schließlich werden später im Berufsleben auch Kompetenzen wie Teamfähigkeit usw. erwartet, die meist noch stärker gewichtet werden als die fachlichen Kompetenzen. Daher echt blöd, dass man ständig Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken fördert, statt Schüler zu sozialen Wesen zu erziehen, die der Gemeinschaft dienen.

        2. Die Schulgebäudebesuchspflicht gilt in Deutschland für nahezu sämtliche Schüler. Also sollte man dort auch zumutbare Bedingungen schaffen. Wenn ein Kind aus Angst vor weiterem Mobbing die Schule nicht mehr betritt und der Arzt keine Krankschreibung mehr ausstellen will, kommt es schnell dazu, dass die Schule eine Kindeswohlgefährdung ans Jugendamt macht. Dieses reagiert meist darauf, indem es den Eltern des gemobbten Kindes Erziehungsberater ins Haus schickt. Bei fortdauerndem Problem kann es sogar passieren, dass den Eltern das Kind weggenommen wird. Und dabei hat es ja mit den Eltern gar nichts zu tun, denn eigentlich handelt es sich um eine institutionelle Kindeswohlgefährdung, die von der Schule ausgeht.

        3. Ebenso wie Arbeitgeber sind Schulen dazu verpflichtet, gesundheitsgefährdende Arbeitsbedinngugen zu vermeiden. Es ist hinreichend belegt, dass Mobbing sich oft nachhaltig auf die psychische Gesundheit auswirkt. Traumatisierungen, Angststörungen, Depressionen, psychosomatische Schmerzen, Suizidalität und jegliche Art psychischer Erkrankung können als Folge von Mobbing entstehen. Die gesundheitlichen und / oder sozialen Folgen (z. B. verlorene berufliche Chancen durch Schulabbruch) können sich auf den ganzen Rest des Lebens auswirken!

        Jede Schule hat die Möglichkeit einen Anti-Mobbing-Trainer zu buchen, der Schulklassen trainiert und dazu Pädagogenschulungen gibt. Man müsste nur endlich die Prioritäten entsprechend setzen, erstrecht um auch Kindern eine Chance zu geben, die aufgrund von Behinderung, Migrationshintergrund, Aussehen oder anderen aus der Norm fallenden Faktoren bevorzugt zu Mobbigopfern werden.

    2. Hallo Mona. Hier mal eine kurze Aufstellung:

      Klassenstufe 1 bis 3: Die Klassenlehrerin war relativ bemüht aber mit ihrer wilden Klasse völlig überfordert. Zudem wurden körperliche Auseinandersetzungen im Grundschulalter offenbar noch als relativ normal betrachtet, weshalb ihnen härteres Durchgreifen z. B. in Form von temporärer Suspendierung nicht in den Sinn kam. Mehr Probleme gab es nur dann, wenn das Verhalten sich direkt gegen die Lehrerin richtete.

      Klassenstufe 4: Die neue Lehrerin war unfreundlich und so gar nicht an uns interessiert und selbst bei den Eltern unbeliebt.

      Klassenstufe 5 bis 7: Der Klassenlehrer war lieb aber hat die Klasse so gar nicht gebändigt bekommen.

      Klassenstufe 8 bis 10: Ausgerechnet den Lehrer, den ich von allen Lehrern am schlimmsten fand, als neuen Klassenlehrer bekommen. Ich hatte ständig Auseinandersetzungen mit ihm. Er hat auch selbst die Schüler gehänselt Letztlich hat die ganze Klasse ihn gehasst. Körperliche Gewalt wurde schon ab der 6. oder 7. Klasse nicht mehr toleriert, auch nicht als Reaktion auf Mobbing. Das Mobbing selber fand mein Klassenlehrer hingegen gar nicht schlimm und meinte ich müsse damit leben.

    3. Wenn ich nur das Wort „Mobbing“ lese, krampft sich bei mir alles zusammen. Mein Sohn würde während seiner ganzen Schulzeit gemobbt. Vor kurzem traf ich eine seiner Lehrerinnen auf der Straße. Erst wollte sie nur über meinen anderen Sohn sprechen. Dann fing ich an, ihr zu erzählen, dass es meinem ersten Sohn jetzt gut geht. Ihr Kommentar: „Ach ja, der war ja ein bisschen komisch und hatte Probleme in der Klasse“. Dass er ein guter Schüler war, hatte sie vergessen. Aber, dass er Probleme mit den Mitschülern hatte, das wusste sie noch. in diesem Moment wurde mir klar, warum gegen Mobbing so wenig getan wird. Die Lehrkräfte sind oft selbst auf der Seite der Mobber. Die Mobber haben ja keine andere Wahl, denn die gemobbten Kinder sind ja „komisch“.

      1. @Tanja, was deinem Sohn passiert ist, tut mir leid und dass die Lehrerin auch später noch so reagiert, ist schlimm! Es zeigt, dass sie wenig Empathie aufbringt.
        Daraus abzuleiten, dass „Lehrkräfte auf Seiten der Mobber“ sind, ist aber auch nicht in Ordnung. Solche Pauschalisierungen treffen immer sehr viele falsch und zeugen ebenso von wenig Verständnis und Einblick.

  6. Deine Erfahrungen sind schrecklich. Ich frage mich, wie es klappen kann, wenn ein Mitschüler oder eine Mitschülerin ganz spezielle Bedürfnisse hat. 29 Sechstklässler erzeugen Lärm, selbst, wenn man ihnen das Problem erklärt. Gar nicht aus Bösartigkeit, sondern weil sie ihre eigene Lautstärke gar nicht wahrnehmen. In meinem Oberstufenkurs darf die Autistin jederzeit das Klassenzimmer verlassen, wenn es ihr zu laut wird, aber in der Grundschule geht das nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob meine großen Schüler auf Kaugummi und Bonbons verzichten würden, das ist ja durchaus ein tieferer Eingriff in ihre Wünsche und Bedürfnisse. Das soll nun auf keinen Fall Mobbing entschuldigen, aber im Doing ist Inklusion nicht so einfach.Hast du Erfahrungen gemacht, wie man das hinbekommt?

    1. Hallo Sannai. Ich unterscheide sprachlich klar zwischen Bedürfnissen und Wünschen, denn nur so kann ich das Ausmaß der unterschiedlichen Wichtigkeit klarmachen. Wenn du z. B. einfach Lust hast auf einen Bonbon, dann ist das ein bloßer Wunsch. Das ist etwas, was auch verzichtbar für dich wäre. Wenn ich hingegen von Bedürfnissen schreibe, dann meine ich damit Dinge, die von essentieller Wichtigkeit sind, da ohne sie selbst bloßes Ausharren zur absoluten Folter wird und ein konzentriertes Lernen und Arbeiten völlig unmöglich wird.

      Zum Beispiel war ich mal in einem Sprachkurs in einem kleinen geschlossenen Raum und jemand fing an ein Pfefferminzkaugummi zu kauen. Dieser unerträgliche Gestank, der von da an die Luft erfüllte, war etwas, dem ich mich nicht entziehen konnte, außer indem ich die Luft anhalte (was natürlich nicht lange möglich ist) oder den Raum verlasse (und dadurch den Kurs verpasse). Ich bat um Rücksichtnahme, doch vergebens. Auch die Kursleiterin hatte kein Verständnis. Das Endete damit, dass ich in Tränen aufgelöst von dannen fuhr und den Kurs abbrechen musste. Und das war bereits im Erwachsenenalter. Ich würde das allerdings nicht als Mobbing werten sondern als fehlende Rücksichtnahme bzw. als nicht barrierefreie Unterrichtsgestaltung.

      Ich hatte z. B. mal versucht in einer Berufsschulklasse bei Bestimmung der Klassenregeln die „nicht im Unterricht essen“ Regel auf Kaugummi und Co. zu erweitern und wurde schlichtweg überstimmmt. Und dabei sollten Schule und Ausbildung doch so gestaltet sein, dass es für alle fuktioniert. Daher darf nicht alles per Mehrheitsentscheid bestimmt werden. Es gibt aber auch Autisten, die das ständige Kaugummikauen zur Selbstberuhigung brauchen. Mit denen könnte ich nicht in einem Raum sein. Früher hat ein Junge, der ständig Kaugummi gekaut hat, mich besonders oft gemobbt, das hat meinen Ekel davor noch verstärkt.

      Mobbing ist es, wenn Leute absichtlich Dinge tun, von denen sie wissen, dass es mich triggert. Also z. B. absichtlich haufenweise Papier zusammenknüllen, weil sie wissen, dass ich mich vor zusammengeknülltem Papier ekle, was eben auch teils Resultat früherer Mobbingerfahrungen ist wie damit beworfen zu werden und es in den Nacken gesteckt zu bekommen. Einmal wurde mir so ein Teil sogar mitten während einer Klausur an einer Berufsschulklasse direkt vor die Nase geworfen, was mich so erschrocken hat, dass ich völlig aus meiner Konzetration gerissen wurde und für 15 Minuten gar nichts mehr schreiben konnte.

      Was Lärm betrifft so gibt es eine ganze Reihe an Dingen, die man tun kann für die Lärmreduktion. Z. B. für mehr Ruhe im Unterricht sorgen, Pausen in einem Ruheraum verbringen dürfen, Gruppenarbeiten mit der eigene Gruppe in einem separaten Raum machen, bessere Schallisoliuerung der Räumlichkeiten etc. In meinen Beratungen und Seminaren gehe ich darauf genauer ein. Das eigentliche Kernproblem ist jedoch, dass man, obwohl man Förderschulen zunehmend abbaut, noch immer kaum etwas tut, um Regelschulen autistenfreundlicher zu gestalten. Warum gibt es z. B. kaum Grundschulklassen, Realschulklassen und Gymnasialklassen mit extra geringer Klassenstärke? Warum gibt es sowas fast nur auf Förderschulen? Warum wird es nicht wie in einem bestimmten afrikanischen Land so gemacht, dass wenn ein autistisches Kind in eine Klasse eingeschult wird, dieses eine Kind so viel zählt wie 7 Kinder und entsprechend wenige Kinder noch hinzukommen? Warum sind schallisolierte Ruheräume bei Neu- und Anbauten von Schulen noch immer nicht Standard? Und warum werden Lehrer noch immer nicht standardmäßig alle im Studium oder in Fortbildungen im Umgang mit autistischen Schülern geschult? Solange es diesbezüglich nicht vorangeht, haben wir Inklusion nur auf dem Papier!

      Den Raum während des Unterrichts verlassen dürfen ist ja schön und gut, aber besser wäre es, die Dinge so zu gestalten, dass das gar nicht nötig wäre, zumal es sich immer zum Nachteil auswirken kann, wenn man Unterrichtsinhalte verpasst.

    1. Ich danke dir für dein Mitgefühl. Genau das hätte ich damals gebraucht. Ich hätte mir gewünscht, dass mich jemand in meiner Opferrolle bestärkt und deutlich sagt, dass es wirklich nicht in Ordnung ist, wie ich behandelt wurde. Solch ein in Worte gefasstes Verständnis hätte mir zumindest etwas Erleichterung verschafft. Stattdessen wurde von allen Seiten nur an meinem Verhalten in Reaktion auf das ständige Mobbing rumkritisiert und versucht durch pädagogisch wertvolle Brettspiele meine Sozialkompetenz zu stärken und dergleichen, während das Mobbing einfach so weiterlief. Da habe ich mich als 15-Jährige nicht ernstgenommen gefühlt. Sogar mein Klassenlehrer meinte damals ich müsse das Mobbing einfach so hinnehmen. Der konnte nicht ermessen, wie es ist, wenn das ständig auf mich einprasselt von allen Seiten Tag für Tag. Um so wichtiger ist es mir heute, mich für Kinder einzusetzen, denen es ähnlich ergeht.

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