Ihr Lieben, was sind „schwierige Kinder“ beziehungsweise: Gibt es überhaupt „schwierige Kinder?“ Genau damit beschäftigt sich Martha Wirtenberger. Sie ist seit über 20 Jahren als psychosoziale Beraterin, Mentorin und Autorin tätig. Ihr Schwerpunkt liegt auf mentaler Gesundheit, Resilienzförderung und der Begleitung von Erwachsenen, Kindern, Jugendlichen sowie deren Bezugspersonen. Für uns hat sie ihre Gedanken zu „schwierigen Kindern“ und unseren Umgang aufgeschrieben.
Was wir durch „schwierige Kinder“ lernen können
Immer wieder hören wir in den Medien, aber auch bei Gesprächen im Bus, im Freundeskreis oder von Nachbarn: „Dieses Kind ist einfach so schwierig!“ In diesem Artikel möchte ich dir sehr gerne erzählen, was mich an dieser Aussage so stört und wie wir eine ganz andere Sichtweise lernen können.
Immer, wenn ein Kind, das sich nicht so verhält wie wir es vielleicht gerne hätten oder uns wünschen (meistens bedeutet das, dass das Kind ruhig und höflich ist, brav lernt, viele Interessen und sympathische Freunde hat), können wir erkennen, dass dieses Kind etwas anderes braucht. Manchmal zeigt das Verhalten des Kindes ganz klar auf, wo etwas nicht stimmig ist. Kinder nehmen enorm viel wahr und können stark fühlen. Oft sind sie sehr klug, feinfühlig und möchten in ihrer Einzigartigkeit erkannt werden.
Vielleicht liegt es also an uns Erwachsenen, aus einem anderen und vielleicht neuen Blickwinkel auf das Kind zu schauen? Heute möchte ich dir aus meiner Erfahrung und Sichtweise fünf Dinge sagen, die wir lernen und erkennen können:
Wenn ein Kind dich an deine Grenzen bringt, erkenne die Grenzen
Was meine ich damit? Manchmal haben wir einfach unrealistische Vorstellungen. Wir wünschen uns X von unserem Kind und erhalten Y durch unser Zutun. Kinder spüren häufig genau, was nicht ausgesprochen wird. Vielleicht können wir bei uns selbst überprüfen, wo genau wir stehen. Und ob wir Druck aufbauen, das Kind in eine bestimmte Richtung lenken wollen oder einfach selbst die innere Überzeugung vertreten: „Genauso muss es sein und nicht anders!“ Was wäre, wenn wir uns immer wieder die Zeit nehmen, unser Verhalten zu reflektieren?
„Schwierige“ Kinder zeigen uns häufig das auf, was dahintersteckt
Wenn ein Kind laut und unruhig wird, zappelig ist oder absolut in den Widerstand geht (Hausaufgaben sind dafür oft ein gutes Beispiel) können wir unabhängig von ihrem Verhalten schauen, was genau die Ursache dafür ist.
Sind wir selbst ruhig innerlich oder begleitet uns eine innere Anspannung und Nervosität, die sich eventuell auf das Kind überträgt? Oder braucht das Kind einfach gerade Entspannung und noch etwas Zeit, sich auf die Situation einzulassen?
Erkenne, was das Kind gerade wirklich braucht
„Schwierige“ Kinder können beispielsweise die sein, die nicht stillsitzen (können), immer dagegenreden, frech oder respektlos sind, häufig provozieren, das Lernen verweigern oder ihre Grenzen nicht spüren.
Sie haben häufig keine andere Art, sich mitzuteilen als durch ihr auffallenderes Verhalten. Wenn wir uns auf jedes Kind einstellen und eine (Ver)Bindung herstellen, werden wir meistens besser verstehen, was uns das Kind sagen möchte.
Im Grunde möchte ein Kind immer lernen, ist neugierig und lässt sich begeistern. Wenn das nicht der Fall ist, braucht es vielleicht andere Methoden oder das Kind fühlt sich nicht wohl. Je besser wir das Kind kennen, umso klarer wird uns auch werden, ob das Verhalten in bestimmten Situationen vorkommt, phasenweise auftritt und/oder intensiver wird. Das Kind möchte sich mitteilen und zeigt auf, was es braucht und wo die Bedürfnisse nicht gewahrt sind.
Hinterfrage, ob bestimmte Systeme oder Strukturen passen
Weiter gefasst zu Punkt 3 fühlen sich bestimmte Kinder in einem gewissen Kontext sehr wohl und andere ziehen sich zurück, werden „verhaltenskreativ“ oder reagieren auf eine Art und Weise, die uns viel aufzeigen kann. Die Schule ist dafür ein sehr gutes Beispiel! Viele Kinder lieben es, in die reguläre Schule zu gehen und lernen mit Freude und Begeisterung.
Ebenso gibt es viele Kinder, die sich in einer anderen Form der Schule/Bildung besser entfalten können. Um langfristig gesund zu sein und bleiben, braucht es auf jeden Fall das Umfeld, in dem Kinder sich entfalten können und ihr Potential gesehen, erkannt, gefördert und unterstützt wird. Was wäre, wenn uns das Verhalten mitunter auch aufzeigt, dass etwas einfach nicht „passt“?
Mehr Nähe, mehr Pausen
Manche sogenannten „schwierigen“ Kinder brauchen viel Körperkontakt, können sich selbst nicht spüren und sind unruhig, manchmal auch aggressiv. Sehr oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese Kinder zeigen möchten: „Nimm´ mich bitte in den Arm!“ und sich ihre Kuscheleinheiten entweder aktiv holen oder durch ihr Ausagieren wie einen Hilferuf aussenden nach mehr Zuwendung.
Ebenso kann es ein Ausdruck davon sein, dass sie massiv überfordert sind und einfach entspannte Pausen brauchen. Wir Erwachsene können dadurch auch lernen, dass wir uns selbst mehr Ruhephasen gönnen und uns auch die Anerkennung geben. Die Beziehung und das Gefühl von Geborgenheit, des „Sicher-Seins“ ist ganz wichtig, damit wir das Verhalten richtig deuten, verstehen und die Kinder so begleiten, wie sie es brauchen und es förderlich für sie ist.
Wichtig ist ausserdem, dass wir immer die Wahl haben was wir als „schwierig“ betrachten und ob wir wirklich hinsehen und erkennen möchten. Denn das Bewusstmachen bedeutet natürlich auch, dass wir selbst mit dem Kind dazu lernen und uns weiterentwickeln. Die Wahl, wie wir agieren und reagieren liegt immer bei uns und je mehr wir uns einlassen auf die Welt des Kindes, umso besser können wir auch verstehen und erkennen.



29 comments
@Nina: von erhobenem Zeigefinger und Empörung sprach doch niemand?
Und gegen Verständnis und zugwandter Beziehung auch nicht. Aber wie sieht denn der Weg von da „zum besseren Menschen“ (deine Worte. Wundere mich, sind „schwierige Kinder“ keine „guten Menschen“?) aus?
Danke dir! Ja… ich hatte in keinster Weise einen erhobenen Zeigefinger. Die Bezeichnung „schwierige“ Kinder war bewusst unter Anführungszeichen, da es oft sehr schnell gesagt wird und ein sehr dehnbarer Begriff ist. Liebe Grüße
Ich habe den Text nicht so verstanden, dass man Kindern alle Wünsche erfüllen sollte und die komplette Lebenswelt genau auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet sein soll. Mehr als Einladung, genauer hinzusehen und hinter das anstrengende Verhalten zu gucken. Dann kann ich auch besser Veränderungen anstoßen. Und dazu können ja dann auch durchaus eine gut erkennbare Struktur und klare Grenzen gehören.
Ein problematischer Faktor ist, dass der Text das Kind quasi im Zentrum allen Strebens festzementiert und die Umwelt trotz ihrer Verpflichtungen und Bedürfnissen an den Rand drängt. Und insgesamt wird dieses Gesamtgefüge wie eine Insel präsentiert, die sich nur an sich selbst, und dabei insbesondere am Kind orientieren könne und sollte.
Es hat für mich persönlich auch einen Hauch von Gaslighting, wenn man Familien und dem Umfeld ernsthaft vermitteln will: „Vielleicht liegt es also an uns Erwachsenen, aus einem anderen und vielleicht neuen Blickwinkel auf das Kind zu schauen?“ Klingt für mich wie: „Mit deiner Wahrnehmung stimmt was nicht. Nicht das Kind muss sich ändern, sondern du.“ Mindestens aber klingt es naiv. Als ob Aggression, destruktives Verhalten etc. uns nichts ausmachen dürften.
Wenn Familie, Freunde, Mitschüler, Lehrer etc. allesamt ein Kind „schwierig“ finden, dann muss in erster Linie das Kind was lernen. Wenn Aggression, Verweigerung etc. seine Sprache sind, wird’s Zeit, dass das Kind eine neue lernt, eine sozialverträglichere. Auf der Autobahn wechseln ja auch nicht alle die Richtung, wenn ein Falschfahrer kommt, nur damit der das Gefühl hat, er sei ja ganz toll so, wie er ist.
genau so war es gedacht liebe Tamara! Danke dir für deine Worte
Was ist die Grundaussage dieses Textes? Das ist mir zu verquast und beliebig ausgedrückt. Und diese undifferenzierte Glorifizierung von Kindern und ihren besonderen Fähigkeiten finde ich auch befremdlich.Die sind doch schließlich auch nur Menschen 🙂 – Ich kenne richtig viele Kinder, die keine feinen Antennen haben und so manche davon sind schwierig und wollen mir gar nichts mitteilen…
Mehr Substanz bitte – Was soll denn z. B. genau mit „schwierig“ gemeint sein?
Als Lehrerin einer 2. Klasse, in der 3-4 richtig, richtig „schwierige“ (was immer das heißt) sind…geht mir (und den anderen freundlichen, sozialen und lerninteressierten Kindern) die Hutschnur hoch.
Bei respektlosem, unsozialem, störenderen, beleidigendem Verhalten wird ständig Verständnis und Zugewandheit für diese tollen Kinder gefordert. Und die anderen? Die „stinknormalen“? Deren Rechte und Bedürfnisse gehen aktuell sowas von unter, das ist echt eine Katastrophe!
Ich bin selbst Lehrerin (Quereinsteigerin, 2. Jahr in einer Volksschule und war jahrelang in Wien in der Freizeitpädagogik tätig). Mir ging es darum, dass alle gesehen werden, gehört werden und Verhalten reflektiert wird. Das war eine Anregung, zu reflektieren. Liebe Grüße
Danke für deine Gedanken/Worte. Es tut mir leid zu lesen, dass dir die Substanz und Grundaussage fehlt in meinem Text. Genau das was „schwierig“ ist wollte ich zum Anregen bringen und auch zum Reflektieren. Liebe Grüße
Weiß nicht, irgendwie ist mir der Artikel gleichzeitig zu trivial und zu abgehoben.
Same. Vielleicht gibt es auch mal einen Artikel über die Balance, sich in Gruppen und Strukturen einfinden können inkl. dessen Wert und daneben die eigenen Bedürfnisse nicht vergessen?
Klar sollen Strukturen den Menschen dienen und nicht sich selbst erhalten. Aber der kleinste gemeinsame Nenner, was für alle beteiligte okay ist, ist für mich keine erfreuliche Aussicht.
Würde aus dem Ansatz nicht eine Gesellschaft aus lauter Menschen, die keine Frustrationstoleranz gelernt haben (und das geht auch liebevoll und einfühlsam begleitet) werden? Finde die Vorstellung gruselig
Das war in keinster Weise mit meinem Artikel gemeint…
@Martha: denk mir, dass Du es so nicht gemeint hast, aber vielleicjt ist es eine Anregung für ein Gedankenspiel, wenn man deine Ausführungen zu Ende denkt und gesamtgesellschaftlich extrapoliert?
Als Lehrerin einer 2. Klasse, die ich auch bin, bin ich aber tatsächlich auch für die 3-4 richtig Schwierigen zuständig. Und die lernen soziales Lernen (und auch alles andere) am besten, wenn ich ihren guten Grund sehe (den haben sie eigentlich immer) und zugewandt mit ihnen in Beziehung trete und für eine gute Passung Sorge. Erhobene Zeigefinger und Empörung machen keine besseren Menschen aus ihnen.
Das heißt aber hoffentlich nicht, dass ihre Bedürfnisse über denen der anderen rangieren? In meiner Jugend (Einschulung 1975, Abi 1988) haben die „zugewandten“ Lehrer dann die „schwierigen“ Kinder neben die braven, leistungswilligen und sozial eingestellten Kinder gesetzt, damit die „einen guten Einfluss ausüben“. Wie es diesen kleinen zwangsrekrutierten Sozialhelfern dabei ging, war egal. Die hat man auch noch emotional oder ganz autoritär unter Druck gesetzt, wenn sie protestierten. Ich war eine davon, und ich hoffe, dass wenigstens diese Praxis in Schulen heutzutage nicht mehr üblich ist.
Nebenbei bemerkt: In der 3. Klasse meiner Tochter (quasi „Musterschülerin“) war ein Junge, der derart „schwierig“ war, dass es seinetwegen eine Klassenkonferenz oder sowas Ähnliches gab. Während der Sitzung beklagten alle Beteiligten sich im Namen ihrer Kinder über diesen Jungen. Nur ich hatte noch nie von diesen Problemen gehört und konnte mir das gar nicht erklären. Als ich meine Tochter am nächsten Tag fragte, ob sie denn selbst gar keinen Ärger mit diesem Jungen habe, meinte sie: „Doch, einmal, in der Pause. Am Klettergerüst, da wollte er mich runter ziehen. Aber ich habe ihm zwischen die Beine getreten. Mich ärgert der nicht mehr.“ Tja.
Der Junge landete übrigens ein Jahr später in der Jugendpsychiatrie, nachdem er die Schule wechseln musste und an der neuen Schule einen Kleineren krankenhausreif trat.
Danke! Erhobener Zeigefinger und Empörung waren in keinster Weise in meinem Artikel beabsichtigt… es war eine Einladung für Reflexion
Tatsächlich war mein Kommentar auch in keinster Weise auf den Artikel bezogen, sondern auf die Kommentare. Im Gegenteil spricht mir der Artikel aus dem Herzen. Und es hilft auch den oben zitierten „Stinknormalen“, wenn man die Umstände so gestaltet, dass auch die „Schwierigen“ teilhaben KÖNNEN, denn kooperieren WOLLEN Kinder eigentlich immer.
Als Mama von 3 leiblichen Kindern und einem Pflegekind mit FASD/ADHS ist es mir ein ganz besonderes Bedürfnis auch die anderen Kinder im Blick zu haben, die natürlich nicht dazu da sind, die “ schwierigen“ Kinder zu erziehen. Das ist nicht ihre Aufgabe und das können sie tatsächlich auch nicht. Auch diese Kinder wollen gesehen und in ihren Bedürfnissen ernstgenommen werden. Das ist ja unsere Aufgabe als Erziehende (ob als Mama oder Lehrerin). Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass es nicht auch richtig ist, die Umstände so zu gestalten, dass sie auch Kindern mit schwierigem Verhalten Kooperation und Teilhabe ermöglichen.
Geht mir genauso. Er strotzt vor Binsenweisheiten auf der einen, gleichzeitig aber auch vor realitätsfremden Ansprüchen an die Eltern auf der anderen Seite.
Nur mal ein Beispiel raus gegriffen: Wenn Haushalt, Alltag und Beruf laufen sollen, kann man eben nicht Pausen machen oder sie dem Kind gönnen, wann immer es dem Kind gerade in den Kram passt. Auch nicht bei den Hausaufgaben. Und erst recht nicht mit mehr als nur einem Kind. Selbst ein schreiender Säugling muss im Fall eines Falles warten, bis das Elternteil auf der Toilette fertig ist, oder das Auto sicher parken konnte, oder den Einkauf fertig bezahlt hat.
Da muss ich als Eltern nicht genauer hinschauen, horchen, fühlen oder von mir aus auch riechen. Sondern da muss auch jedes der beteiligten Kinder lernen, dass es nicht der Nabel der Welt ist. Und wenn es dann herum knatscht, dann ist das eben so und wir werden es alle überleben.
Meine sind ja mittlerweile junge Erwachsene. Je älter sie wurden, desto mehr Frusttoleranz und Kompromissbereitschaft habe ich erwartet. Wenn ich mich so umschaue, welche der Kinder, die mit ihnen aufgewachsen sind, damals schwierig waren und heute noch immer schwierig, egozentrisch und zimperlich sind, dann sind das genau diejenigen, deren Eltern dauernd „hinein gehorcht“, geschaut, gefühlt und wahrscheinlich auch geschnuppert haben. Die mit ihren Kindern noch mit zusammengekniffenen Beinen diskutierten und sich rechtfertigten, warum sie nun leider-leider auf die Toilette müssen und nicht weiter mitspielen können. Die es also leider versäumten, ihrem Nachwuchs dauerhaft klar zu machen, dass auch das Umfeld Wünsche, Bedürfnisse und Rechte hat. Was die Außenwelt angeht, war komischerweise Schluss mit Fühli-Fühli.
Und genau _das_ wird letzten Endes ein gesellschaftliches Problem, wenn lauter Kinder solcher Eltern aufeinander und auf den Rest der Welt treffen. Ich habe es mal erlebt, dass mein Cousin (damals 7 Jahre alt), zu einem Freund der Familie sagte: „Du, [Name des Familienfreundes], deinen Sohn brauchst du aber nicht nochmal mitzubringen.“ (Besagter Sohn war damals ca. ein Jahr jünger als mein Cousin, obendrein das Zentrum der Welt seiner Mutter und definitiv „schwierig“.) Tja. Mein Cousin hatte von dem Jungen durchaus was gelernt: Dass der ihm nicht gut tut, nämlich.
Danke für die Gedanken! Es ging darum, anzuregen weiter zu denken und auch das Phänomen von Spiegeln mit zu denken. Es ging mir darum, zu reflektieren. Es kann immer mit unterschiedlichem Filter gelesen werden. Realitätsfremd weiß ich nicht… ich denke, es geht um Hinsehen, Beobachten, Erkennen und ganzheitlich sehen. Liebe Grüße, Martha
Ist vielleicht nicht für jeden… und das ist völlig ok.
Ich glaube das ganzheitliche im weiteren Sinne, nicht das ausschließlich das Individuum im Fokus, war genau das, was mir und vielleicht auch anderen gefehlt hat
Genau das. Und die Bemerkung „Ist vielleicht nicht für jeden…“ (man beachte die Ellipse am Ende) macht’s nicht besser. So entzieht man sich der inhaltlichen Auseinandersetzung und suggeriert, dass es am Leser liegt, wenn der Text nicht „richtig“ verstanden wurde. Tsss…
Der Text betrachtet Kind und Umfeld eben gerade _nicht_ ganzheitlich. Nicht mal in einem Nebensatz wird der Tatsache Rechnung getragen, dass das Kind nicht nur auf Eltern, Geschwister und sonstige Familie trifft, sondern eben auch auf Lehrer, Mitschüler, Verkaufspersonal, ÖPNV-Fahrerinnen und -Fahrer, Nachbarn, Passanten auf der Straße … Die haben nun mal alle völlig zu Recht gewisse Erwartungen bzgl. des sozialen Miteinanders, und Grenzen dessen, was sie auf die Dauer tolerieren. Und sie werden sich bedanken, wenn auch noch „Verständnis“ zeigen und „ihren Blick ändern“ sollen. Werden sie nicht. Müssen sie auch nicht. Das ist in der Breite einfach zu viel verlangt. Und dem weiteren Umfeld kann man auch kaum vermitteln, was an den schwierigen Kindern denn bitte ach so toll sein soll. Es widerspricht schlicht ihrer persönlichen Erfahrung.
Wie oben schon Krista sagte: Die „normalen“ Kinder gehen immer mehr unter. Die müssen sich doch veräppelt vorkommen, wenn die Erwachsenen für die schwierigen Kinder derartige Argumentationsakrobatik vollführen, während sie selber für selbstverständlich genommen werden.
@Ute: sehe ich ganz genauso. Mir drängt sich auch der Verdacht auf, dass besonders „gefühlsstarke“ (aka „schwierige“?) Kinder, eigentlich nur verzweifelt nach etwas suchen, worauf sie ein Recht haben: liebevolle Grenzen, Orientierung an souveränen Erwachsenen, Sicherheit.
Ihnen das vorzuenthalten macht so unzufriedene, unglückliche kleine Menschen aus ihnen, ein Drama in meinen Augen, und dass auch noch mit den allerbesten Absichten.
Wenn man Inklusion ernst nimmt, heißt das nicht einfach Verhaltenserwartungen zu stellen und alle, die sie nicht erfüllen (können) raus zu schmeißen. Daher halte ich ein gewisses Verständnis für schwieriges Verhalten bei Lehrkräften, die in erster Linie Pädagogen sind, für sinnvoll. Aber die Erwartung, daraus könne man schließen, dass Lehrkräfte bis zu 30 teils völlig verschiedene Individuen unter einen Hut versammeln können, und es kommt noch guter Unterricht bei raus, ist auch abwegig.
Und dennoch: „einfache“ Kinder haben Eltern, bei denen sie nicht zu kurzkommen. Das freut mich für jedes einzelne, weil es nicht selbstverständlich ist. Ich bin bei dir, dass sie selbstverständlich auch wichtig sind.
vielleicht ist mein Artikel nicht für jeden und das ist völlig ok!
@A: das halte ich für einen Trugschluss, dass „einfache“ Kinder per se Zuhause nicht zu kurz kommen. Fatalerweise entwickeln viele Kinder aus dysfunktionalen Familien ja auf dem viel zu harten Weg eine hohe Sozialkompetenz und Überangepasstheit. Und manches „schwierige“ Kind kommt vielleicht aus sonnigsten Verhältnissen und ist einfach nur grenzenlos überhätschelt.
Vielleicht hätte ich dazuschreiben sollen, dass einfach für mich nicht still und zu allem ja und ahmen sagend heißt. Da hast du recht. Sondern die ganze Bandbreite zwischen diesem einen Ende und mitunter schwierig genießbar am anderen Ende.