Ihr Lieben, wie oft denken wir, wenn wir Geschichten hören: Ach, das passiert doch nur den anderen. Und dann gibt es doch Situationen, in denen man selbst oder enge Bekannte in eine Situation geraten, mit der sie niemals gerechnet hätten. Heute geht es um Drogen in der Jugend und wie in einer ganz, ganz gewöhnlichen Familie plötzlich genau dieses Thema alles veränderte.
Vielen lieben Dank an die Mama von Philipp, die so reflektierte und realistische Einschätzungen zum Leben mit ihrem Sohn gibt. Wir drücken euch die Daumen, dass jetzt endlich alles gut geht und wünschen euch für die Zukunft einfach mal… ein bisschen Langeweile. Das wäre doch ganz schön, oder?!
Du Liebe, dein Kind hat mit 11 angefangen zu rauchen, wie hast du davon mitbekommen?
Tatsächlich haben wir lange Zeit gar nichts bemerkt, obwohl wir durchaus eine enge Beziehung zu Philipp hatten. Es gab keinerlei Hinweise wie Nikotin- bzw. Rauchgeruch, Zigaretten oder Feuerzeuge im Haus oder Ähnliches. Erst so mit ca. 13 Jahren – ich weiß es nicht mehr so genau – hatte ich Philipp einmal zufällig vom Auto aus gesehen mit einer Zigarette.
Wie ging das dann weiter?
Als ich ihn anschließend zur Rede stellte, tat er es ab. An seinem 14. Geburtstag dann – die ganze Familie saß noch an der Kaffeetafel und Philipp hatte sich kurz zuvor verabschiedet, um sich mit Freunden zu treffen – klingelte bei uns das Telefon. Die Polizei hatte Philipp beim Kauf von einer geringen Menge Cannabis aufgegriffen. Das Entsetzen war natürlich groß.
Wie hat dein Kind darauf reagiert?
Philipp beteuerte anschließend, lediglich einem Kumpel einen Gefallen getan zu haben. Das Gras sei nicht für ihn selbst gewesen und ja, ab und zu – aber nur ganz selten – würde er auch mal kiffen. Das täten schließlich alle. Vor seiner Familie schämte er sich allerdings ein bisschen. Wegen der geringen Menge wurde kein Strafverfahren eingeleitet.
Wie erklärst du dir diesen frühen Beginn?
Philipp war immer schon sehr neugierig, hatte ein starkes Autonomiebedürfnis und probierte sich gern aus – auch im Überschreiten von Grenzen. Seine Impulsivität (tatsächlich hat er seit seinem 6. Lebensjahr eine ADHS-Diagnose) befeuerte dies.
Wie erklärt dein Kind es selbst?
Rückblickend sagt er selbst, dass er durch seine Pfadfinder-Kumpel das erste Mal zum Rauchen kam. In der Corona-Zeit trafen er und seine Kumpel sich und hatten viel Langeweile. Die Pubertät kickte zudem. Später waren in der Schule Drogen recht präsent. In den Pausen und nach, aber auch vor der Schule wurde in einem angrenzenden Waldstück gekifft.
Es ging dann aber mit anderen Dingen weiter…
Ja, später machten diverse Tabletten die Runde. Die Lehrer waren sehr aufmerksam und kontrollierten regelmäßig die Taschen von verdächtigen Schülern. Philipp wurde nie etwas nachgewiesen und er beteuerte auch, nichts damit zu tun zu haben. Es gab auch keine größeren Auffälligkeiten, die unsere Aufmerksamkeit erregt hätten.
Hast du an deinem Kind durch die Drogen in der Jugend Veränderungen festgestellt?
Philipp wurde insgesamt etwas ruhiger, zog sich mehr zurück. Das schoben wir auf die Pubertät, in der Abgrenzung ja auch normal ist. In dieser Zeit entwickelte sein Verhalten sich allerdings in mancher Hinsicht auch positiv. Teilweise führten wir dies auf die Verhaltenstherapie, die er wegen seinem ADHS gemacht hatte, zurück. Es gab deutlich weniger Streitereien zuhause, er kooperierte mehr, half auch im Haushalt usw. Er ging auch immer zur Schule, die Leistungen war mäßig wie eh und je – einen Absturz aber gab es nicht.
Es gab also erstmal keine großen Auffälligkeiten…
Es schlich sich ein, dass er abends immer länger wegblieb. Ermahnungen halfen nicht, Vereinbarungen wurden eingehalten. Er machte schließlich seinen mittleren Schulabschluss. In den Sommerferien eskalierte es dann.
Inwiefern eskalierte es?
Er blieb jetzt teilweise bis spät in der Nacht weg, hatte mehrere Freundeskreise, die wir nicht alle kannten. Wir sollten ihm doch seine letzten Ferien gönnen. Nach den Ferien startete er dann seine Ausbildung im Handwerk. Um den Ausbildungsplatz hatte er sich komplett selbstständig gekümmert und es machte ihm Spaß.
Aber?
Immer öfter schaffte er es nicht, morgens aufzustehen. Deutliche depressive Symptome zeigten sich. Er ließ sich zwar immer krankschreiben, aber nach 4 Monaten wurde er mit Ende der Probezeit gekündigt. Dies war ein herber Schlag, auch wenn inzwischen mehr als klar war, dass er die Ausbildung so oder so in diesem Zustand nicht hätte fortsetzen können.
Wann war das?
Das war Ende Dezember 2023. Fortan war er nachts unterwegs und schlief den ganzen Tag. Am 18. Januar fanden wir ihn in einem völlig desorientierten Zustand in seinem Zimmer vor. Er war die Nacht zuvor nicht nachhause gekommen und wir hatten morgens schon nach ihm gesucht. Abends fanden wir ihn dann wie beschrieben vor und verständigten den Rettungswagen.
Wie ging es dann weiter?
Der Rettungswagen brachte ihn wegen der Gefahr einer Atemlähmung ins Krankenhaus, wo er dann über Nacht auf der Intensivstation überwacht wurde. Es stellte sich heraus, dass es ein Selbstmordversuch gewesen war durch eine Überdosis diverser Substanzen. Danach wurde er für weitere 24 Stunden auf der psychiatrischen Akutstation überwacht. Da er aber beteuerte, unmittelbar keinen weiteren Suizidversuch zu unternehmen, wurde er nachhause entlassen.
Welche Maßnahmen habt ihr danach ergriffen?
Er erklärte sich bereit, sich in der Drogenambulanz des Uniklinikums in Hamburg vorzustellen. Eine weitere Behandlung lehnte er zu dem Zeitpunkt noch ab. Wir fragten beim Jugendamt um Rat, aber da vermittelte man uns nur weiter. Wir seien ja handlungsfähig und in der Ambulanz waren wir bereits. Wir sprachen bei der benannten Beratungsstelle vor und man bot uns an, uns bzw. Philipp zu unterstützen, wenn er denn kooperieren würde. Tat er nicht.
Und dann?
Es dauerte dann noch einige Monate und Zusammenbrüche von Philipp, bis er einsah, dass es so nicht weitergehen konnte. Er ließ sich dann schließlich am Ende des Jahres in der Klinik für einen Entzug aufnehmen. Zunächst lief es ganz gut, doch dann wurde er nach ca. 4 Wochen wegen Regelverstößen rausgeworfen.
Die Folge?
Er fing sofort wieder an zu konsumieren – hauptsächlich Cannabis und Ketamin. Erst Monate später wurde er dann erneut aufgenommen und blieb diesmal mehrere Wochen. Es machte alles einen wirklich guten Eindruck. Über eine angeschlossene Berufsberatung kümmerte er sich um ein Praktikum. Er ließ sich dann – allerdings mit einem quasi Segen der Ärzte – vorzeitig entlassen und hatte wirklich gute Vorsätze.
Aber auch das hielt nicht lange…
Leider blieb er gerade einmal 2 Tage clean. Ein simples Frusterlebnis war der Auslöser und sicher auch sein Umfeld, in dem er weiterhin verkehrte. Es ging dann wieder bergab. Mehrere Überdosen, schwerste Depressionen, keinerlei Wille bzw. Kraft etwas zu ändern. Er verlor nach und nach seine Freunde und stand bald fast allein da. Er schlief den kompletten Tag und war nachts wach und konsumierte.
Hattet ihr als Eltern noch Zugang zu ihm?
Uns ging er komplett aus dem Weg. Er wirkte nur noch wie ein Zombie, ein Gespräch war nicht mehr möglich. Zwischenzeitlich versuchte er über eine Drogenberatungsstelle eine Langzeit-Therapie bzw. Reha zu beantragen. Ich unterstütze ihn dabei und kam auch mit zu den Terminen. Dann überlegte er es sich anders und brach alle Bemühungen ab. Leider ist es so, dass nichts ohne die Initiative des Süchtigen läuft. Obendrein war er inzwischen volljährig. Weihnachten und Silvester verschlief er komplett.
Er wurde dann zunehmend aggressiver…
Ja, allerdings zunächst nur verbal. Silvester griff er uns dann erst verbal an, warf uns vor, wir würden ihn im Stich lassen und schlug in seiner Wut die Glastür in der Küche ein. Er verschwand dann und vertraute sich seinen Omas, die bei uns um die Ecke wohnen, an. Nach einigen Gesprächen holten wir ihn heim und er legte sich wieder schlafen.
Nun versucht er es selbst nochmal in den Griff zu bekommen…
Am 2.01. setzte er den Entschluss um, selbstständig zuhause zu entziehen. Es sieht so aus, als ziehe er das tatsächlich bis heute durch. Inzwischen geht es ihm deutlich besser, sein altes Wesen kommt wieder durch und er hat wieder Anschluss in der Klinik gesucht. Dort bemüht er sich nun um eine ambulante Reha.
Wie geht ihr damit grad um?
Wir haben Hoffnung, sind aber auch realistisch. Sucht ist wirklich tückisch. Wir hoffen weiterhin, dass er sein Leben in den Griff bekommt und unterstützen, wo wir können. Viele Steine – wie auch die hohen Schulden, die er gemacht hat – sind aus dem Weg zu räumen. Das ist aber alles nebensächlich. Zuallererst muss er stabil clean werden. Erst dann kann er auch in Psychotherapie, weil Abstinenz die Voraussetzung ist.
Und was macht das mit dir als Mama?
Meine Muttergefühle, tja… Ich bin durch alle Phasen durch… Ungläubigkeit, Verzweiflung, Wut, Trauer, Hoffnung, Hoffnungslosigkeit, Resignation, Hilflosigkeit… Ich halte alle Optionen für möglich – auch den totalen Absturz mit Obdachlosigkeit, Gefängnis, Tod… Aber die Hoffnung, dass alles gut wird, bleibt. Wir kämpfen weiter. Philipp geht inzwischen sehr offen mit seinem Konsum um. Das hilft ein bisschen, zu verstehen und trotzdem bin ich oft noch fassungslos.
Welche Hoffnung hast du?
Ich hoffe wirklich, wirklich – vor allem für ihn selbst –, dass er sich fängt und am Ende ein glückliches Leben führen kann. Er trägt so viel Potential in sich. Schon als Kleinkind war er so besonders mit seinem enormen Forscherdrang. Immer war er geistig hellwach in seiner Wahrnehmung, hat so vieles hinterfragt, was die meisten für selbstverständlich nehmen. Nervig manchmal, aber auch lustig und freundlich.
Aber er hat auch viel abgekriegt…
Leider hat er durch seine Art und seine ADHS-bedingten Symptome sein ganzes Leben lang soziale Probleme und hat pausenlos „auf den Kopf bekommen“. Die Drogen haben ihm auch Zugehörigkeit ermöglicht. Und das Fatale ist ja, dass das bei ihm wirkte.
Wie genau?
Endlich Ruhe im Kopf, endlich nicht mehr so gehemmt im sozialen Miteinander. Weniger Impulsivität und weniger Streit zuhause. Das ist ja leider oft so, dass neurodivergente Menschen versuchen, sich selbst mit Drogen zu therapieren. In seinem Fall war das auch ein Faktor, trotz frühzeitiger auch medikamentöser ADHS-Therapie.
Welche Dinge beschäftigen dich noch?
Das, was neben der eigentlichen Problematik auch so erschwerend für Angehörige ist, ist die Schambehaftung von Suchtproblemen – nicht nur, aber vor allem bei Jugendlichen. Das Problem ist inzwischen überhaupt gar nicht mehr so klein. Es wird immer größer durch die leichte Verfügbarkeit und Verherrlichung z.B. durch einschlägigen Deutsch-Rap.
Und dann wird schnell verurteilt?
Genau. Die Scham hält einen oft davon ab, sich anzuvertrauen und Hilfe zu suchen. Ich habe zum Beispiel keinen einzigen Tag auf der Arbeit gefehlt wegen der Geschichte. Meine Kollegen sind absolut ahnungslos von allem.
Wieso?
Ich habe Angst, verurteilt zu werden, als schlechte Mutter dazustehen, die versagt hat. Andererseits ist das aber auch mein Safe Space, wo ich so tun kann, als hätte ich die Probleme nicht. Es ist ein Zweispalt.
Aber hier sprichst du ganz offen mit uns.
Ja, weil ich ja selbst sehe, wie wichtig es ist, das Thema mehr in die Öffentlichkeit zu bringen, Berührungsängste abzubauen. Es fehlt auch manchmal Orientierung im Hilfesystem.
Was hilft dir?
Ich tausche mich mit manchen engen Freunden aus und auch mit anderen betroffenen Angehörigen. Das hilft ein bisschen, ist aber auch belastend. Es gibt wirklich so schlimme Geschichten und manche gehen auch echt schlecht aus. Wir können nur da sein und hoffen.

2 comments
Vielen vielen Dank für das Teilhaben lassen an eurer Geschichte. Und auch ein Danke an die einfühlsamen und wertvollen Fragen. Ich muss so an das Interview mit einer Betroffenen vor wenigen Wochen denken die erzählt hat, wie schwer es für sie war von allen im Stich gelassen zu werden. Wie wunderbar dass ihr das anders macht! Ich kann mir vorstellen dass viele Ratschläge gekommen wäre ihn nicht ins Haus zu lassen, das nicht durchgehen zu lassen. Aber ihr wart immer da für euren Sohn! Das wird sehr wertvoll für ihn sein!
Vielen Dank für deinen Mut! Wir müssen endlich anerkennen, dass man alles richtig machen und das Kind trotzdem falsch abbiegen kann. Ich finde es ist nur immer noch schwierig wirkliche Hilfe und Unterstützung zu bekommen. Bestimmt wird Philipp es schaffen!! Ihr unterstützt ihn und liebt ihn und daran glaube ich nach wie vor.
Liebe Grüße
Lena