Ihr Lieben, ihr kennt Familiencoach und Medienexpertin Petra Trautwein möglicherweise noch vom Beitrag „Raus aus dem Schulchaos“. Damals war der Notenstress noch das dominante Thema bei ihr. Heute hält sie die Medien für die größte Herausforderung für Eltern und genau darum geht es in ihrem neuen Buch „Handyfrei – so bringen Eltern ihren Kindern den vernünftigen Umgang mit Handy & Medien bei“.
Petra Trautwein sagt: „Die Ursache Nr. 1 für Schulprobleme sind digitale Medien“. Sei seien heute die größte Herausforderung der Erziehung. Darin seien sich auch PsychologInnen mittlerweile einig. Und zwar nicht manchmal, nicht bei manchen Kindern, sondern flächendeckend. Wenn Kinder täglich mehrere Stunden vor dem Bildschirm säßen – sei es mit Spielen, Youtube oder Social Media – dann sei das Gehirn dauerhaft überflutet mit Reizen. An ADHS, Konzentrationsproblemen, Lernschwierigkeiten, Bewegungsmangel, Wutanfällen könne man die Reizüberflutung erkennen, sagt sie.
Liebe Petra Trautwein, Sie sagen, der Umgang mit Medien sei heute die größte elterliche Herausforderung unserer Zeit. Erzählen Sie mal, wieso.
Wenn ich mit Eltern arbeite, sehe ich überall den gleichen Schmerz: Wir spüren, dass das Handy zu viel Raum im Familienalltag einnimmt und wissen nicht, was wir dagegen tun sollen. Nicht, weil wir schlechte Eltern sind, sondern weil digitale Medien so entwickelt wurden, dass selbst Erwachsene mit ihrem ausgereiften Gehirn kaum widerstehen können.
Was wir in diesem Zusammenhang unbedingt verstehen müssen: Unsere Kinder haben noch nicht diesen inneren Filter, der zuverlässig Wichtiges von Unwichtigem unterscheidet und keinen ausgereiften präfrontalen Cortex, so dass Reize nicht zuverlässig sortiert und Emotionen nicht immer gut reguliert werden können. Das macht sie anfälligere für die sogenannten Dopamin-Kicks und das lässt sie schneller in eine Sucht abrutschen als Erwachsene.
Das alles führt dann dazu, dass viele Familien heute nicht mehr entscheiden, wie ihr Alltag aussieht – das tun eher Algorithmen. Wenn wir Eltern die Mechanismen jedoch verstehen, fühlen wir uns dieser Herausforderung nicht mehr so hilflos ausgeliefert und werden handlungsfähig. Dafür habe ich mein Buch „Handyfrei – so bringen Eltern ihren Kindern den gesunden Umgang mit Handy & Bildschirmen bei“ geschrieben, denn genau darum geht es uns ja.
Psychologen wie Jonathan Haidt und Neurobiologen wie Gerald Hüther bestätigen übrigens diesen Befund: Noch nie gab es ein Medium, das so tief ins kindliche Gehirn eingreift, Beziehung ersetzt und Abhängigkeit erzeugt. Wir haben es mit einer stillen Pandemie zu tun, sichtbar in Schulproblemen, Konzentrationsverlust, emotionaler Unruhe, Einsamkeit und Konflikten zu Hause. Eltern spüren: Das ist kein „Tick“ oder „Phase“. Das ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen.
Sie sagen, Reizüberflutung sei ein großes Thema in der heranwachsenden Generation. Inwiefern und welche Folgen hat das?
Unsere Kinder wachsen in einer Welt auf, in der das Gehirn permanent unter Strom steht. TikTok-Videos, Games, YouTube: jede Sekunde ein neuer Reiz, ein neuer Kick. Für ein kindliches Nervensystem ist das wie ein Dauerfeuerwerk ohne Pause. Und dieser Zustand macht etwas mit ihnen.
Wir sehen die Folgen überall:
– ADHS-ähnliche Symptome
– Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten
– Wutanfälle und innere Unruhe
– Schlafprobleme
– Erschöpfung
– Motivationsverlust, vor allem in der Schule aber auch zuhause sind Kinder sehr schnell gelangweilt
Wenn ein Kind täglich mehrere Stunden online ist, verändert das nachweislich die Struktur des Gehirns. Das bedeutet nicht, dass unsere Kinder „schwächer“ wären als frühere Generationen, sie sind schlicht überfordert von einem System, das stärker ist als sie. Und diese Erkenntnis ist nicht beängstigend, sondern befreiend: Denn dann wissen wir als Eltern, dass wir gebraucht werden.
Sie gehen sogar noch weiter und sagen, mit weniger Medienkonsum täten sich unsere Kinder leichter in der Schule. Du hältst digitale Medien für Ursache Nr. 1 für Schulprobleme…
Ja, und ich sage das ganz bewusst so klar: Neun von zehn Schulproblemen, die mir Eltern schildern, haben ihre Wurzeln im Medienkonsum. Das habe ich nicht erfunden, das zeigt sich in meiner Praxis, in Studien und im Alltag jeder Lehrkraft.
Wenn ein Kind abends am Handy hängt, schläft es schlechter. Wer schlecht schläft, kann sich am nächsten Tag nicht konzentrieren. Und ein Kind, das ständig zwischen Apps hin- und herspringt, verliert die Fähigkeit, über längere Zeit bei einer Sache zu bleiben. Wir verwechseln das oft mit „Faulheit“, „Desinteresse“ oder „mangelnder Motivation“, dabei kann das Gehirn schlicht nicht mehr in den Fokus zurückfinden.
Wenn wir den Medienkonsum reduzieren, passiert in fast jeder Familie das gleiche: Plötzlich wird wieder miteinander gesprochen, die Eltern sind klarer, die Kinder motivierter und alle feiern Erfolgserlebnisse wie beispielsweise positive Rückmeldungen aus der Schule. Es fühlt sich an, als würde man dem Kind den Weg frei räumen, damit es wieder atmen kann. Das gilt übrigens auch für Verhaltensauffälligkeiten.
Manchmal habe ich aber das Gefühl, Kinder regulieren sich mit Medien auch. Ich mache das ja selbst, ist das nicht okay?
Natürlich nutzen wir alle Medien, um kurz runterzukommen. Und ja, Kinder tun das auch. Nur: Erwachsene haben ein vollständig entwickeltes Gehirn. Wir können unterscheiden, wann „kurz abschalten“ dann kippt in „Flucht aus dem Leben“ oder „Ablenkung von Emotionen, die wir nicht fühlen wollen“.
Kinder haben diese Fähigkeit nicht. Wenn sie müde, überreizt oder überfordert sind, greifen sie zum Handy, weil es scheinbar sofort beruhigt. Ich beobachte jedoch – und Studien bestätigen das – dass es nicht in der Tiefe beruhigt, sondern ganz im Gegenteil unser Gehirn weiter stimuliert, das dann wirklich nie zur Ruhe kommen kann. Das ist so, als würde man Zucker essen, um sich zu entspannen. Kurz hilft es, langfristig macht es alles schlimmer.
Die Frage ist also nicht: „Darf mein Kind Medien zur Regulation nutzen?“, sondern: „Kann es auch andere Wege?“: atmen, spielen, reden, draußen sein, Langeweile, Nähe. All das kommt in der digitalen Welt zu kurz. Wenn wir sehen, was Ruhe oder Regulation wirklich ist und unseren Kindern echte Regenerationsmöglichkeiten zurückgeben, brauchen sie das Handy viel weniger. Und wir dürfen lernen, was die Medien mit unserer Lebensqualität machen und ich lade Eltern und Kinder gerne ein, das mal wirklich an sich selbst zu beobachten: Wie sind wir, wenn wir stundenlang passiv in diese Bildschirme starren, was macht das mit uns als Familie?
Andere warnen: Früher sagte man das auch über Bücher oder Fernsehen. Ist das nicht einfach wieder so eine Phase der Skepsis gegenüber Neuem?
Es stimmt, jede Generation hatte ihre Sorgen. Nur: Ein Buch belohnt nicht mit Hunderten Dopaminkicks pro Minute. Ein Fernseher passt sich nicht sekundengenau an die Emotionen eines Kindes an. Ein Roman ist nicht darauf ausgelegt, ein Gehirn abhängig zu machen. Kurz gesagt: sie machen alle nicht süchtig und wir nutzen sie in der Regel auch nicht so lange wie unsere Bildschirme.
Digitale Medien sind qualitativ anders. Nicht „böser“, eher wirkmächtiger. Wir müssen endlich anerkennen, dass wir es hier nicht mit Fantasie oder Unterhaltung zu tun haben, sondern mit einer Industrie, die Aufmerksamkeit verkauft.
Das ist kein Kulturpessimismus, das ist Neurobiologie. Und sobald Eltern verstehen, wie diese Mechanismen funktionieren, ändert sich alles. Deshalb schreibe ich dieses Buch: um Wissen in Handlungsfähigkeit zu verwandeln.
Ich habe aber auch das Gefühl, dass unsere Kinder durch Medien viel lernen. Mein Sohn spricht fast perfekt Englisch…
Das ist eine wunderbare Beobachtung und sie stimmt. Digitale Medien können ein Tor zur Welt sein. Sie erweitern Wortschatz, Wissen, Perspektiven, wenn man sie produktiv nutzt. Nur: Das funktioniert einerseits nur, wenn ein Kind psychisch stabil, sozial eingebunden und schulfähig ist. Wenn es vorher geschlafen hat und sein Gehirn nicht überreizt, sondern bereit ist aufzunehmen.
Und andererseits ist Lernen vielleicht eine Stunde am Tag, was ist mit den anderen bis zu 6 Stunden, die Jugendliche in Deutschland laut einer OECD-Studie am Bildschirm verbringen? Da sind sie auf Social Media, spielen oder sind irgendwo unkontrolliert gefährlichen Inhalten ausgesetzt.
Medien sind also nicht per se das Problem. Ich befürworte auch ausdrücklich, das Handy oder den Laptop beim Lernen gezielt zu nutzen. In der restlichen Online-Zeit verwenden die Kinder und Jugendlichen jedoch meist die Bildschirme ungesund oder gegen sich und setzen sie nicht mehr produktiv ein.
Ich vergleiche das oft mit Salz: Eine Prise macht das Essen besser, eine ganze Packung zerstört es. Jedes Werkzeug ist nur so gut, wie wir lernen, es zu verwenden und genau das müssen Kinder von uns Eltern lernen: den gesunden, den produktiven Umgang mit Handy & Bildschirmen.
Die meisten Eltern wissen nicht genug. Viele haben Angst vor Grenzen oder Konflikten. Was raten Sie ihnen?
Ich möchte Eltern zuerst beruhigen: Niemand hat uns auf diese Aufgabe vorbereitet. Wir sind die erste Generation, die Kinder durch eine Entwicklung im digitalen Zeitalter begleiten. Wir dürfen Fehler machen, wichtig ist nur, dass wir nicht stehen bleiben und dass wir uns das Thema anschauen.
Drei Dinge helfen sofort:
1. Verbindung vor Regeln.
Ein Kind folgt Regeln nur, wenn es sich gesehen fühlt. Bindung ist der Schlüssel, nicht Kontrolle oder Druck.
2. Klare, liebevolle Führung.
Grenzen sind kein Angriff auf die Freiheit eines Kindes. Grenzen sind ein Geschenk der Liebe, wie Gerald Hüther das im Interview in meinem Buch formuliert hat. Sie sagen sozusagen: „Ich schütze dich, auch wenn du mich gerade doof findest.“ Das ist Liebe und Verantwortungsbewusstsein, wie ich es mir von Eltern wünsche.
3. Vorbild sein.
Kinder hören nicht auf das, was wir sagen, sie orientieren sich an dem, was wir tun. Wenn wir selbst ständig auf das Handy schauen, lernen sie: „So sieht Nähe aus.“ Wenn wir präsent sind, lernen sie: „So fühlt sich Beziehung an.“
Eltern müssen oder besser dürfen dabei auf keinen Fall perfekt sein. Sie brauchen einen Kompass, an dem sie sich orientieren können.



6 comments
Hey Janina, ich bin auch Grundschullehrerin und ich sage es ganz genauso radikal und „undifferenziert“- das Handy (Smartphone) ist tatsächlich DIE Hauptursache aller Bildungs-Verhaltens- und Beziehungsprobleme! Ich denke bei keinem andren Thema so schwarz-weiß wie dabei und ich unterschreibe alles, was du geschrieben hast, ganz genauso!
Sehr guter Beitrag!
Als Grundschullehrerin sage ich: Doch, es ist DIE Wurzel allen Übels. Und es ist unfassbar wichtig, dass wir hinschauen und handeln. Diese Diskussion darf man nicht jeder Familie einzeln überlassen. Ich befürworte dringend eine analoge Kindheit mindestens im Grundschulalter, besser bis 14. Die grundlegende Medienkompetenz ist Lesen. Das lernt man am besten mit Menschen, zu denen man eine gute Beziehung hat, aus echten Büchern. Alles weitere kann man später ohne Probleme nachholen. Zocken und wischen ist keine Medienkompetenz.
Als Berufsschullehrerin und Mutter von 4 Kindern sehe ich das ganz genauso. Meiner Meinung nach dürfte frühestens ab der 7. Klasse ein (im besten Falle schulisch und familiär) begleiteter Umgang mit dem Handy beginnen!
Jedes Argument in dem Buch klingt stark vereinfacht und gefiltert. Wie so oft: Wenn jemand meint, die Wurzel allen Übels gefunden zu haben, dann ist es (fast) nie so einfach, sondern lässt die Komplexität des Themas völlig außer acht. Auch finde ich schade, dass in dem Interview beim Medienkonsum nicht differenziert wird. Es macht einen großen Unterschied, wenn das Kind stundenlang mit einem anderen per Videotelefonie spielt und bastelt (weil es zum Beispiel weit weg wohnt), programmiert, lernt, liest, Musik hört,… oder TikTok etc. konsumiert.
Natürlich gibt es auch dafür Regeln, aber die gäbe es genauso ohne Smartphone. Es ist unabhängig davon wichtig, regelmäßig Sport zu treiben, rauszugehen, Kontakte (innerhalb und außerhalb der Familie zu pflegen). Auch vor dem digitalen Zeitalter war das nicht selbstverständlich.
Mit dem Smartphone gibt es neue Herausforderungen. Das passiert, wenn die Zeiten sich wandeln und den Wandel gab es schon immer.
Hallo Ilka, doch es wird differenziert zwischen produktivem Medienkonsum und berieseln lassen. Gleichzeitig ist es einfach trotzdem schädlich für die Gehirnentwicklung, wenn sie vor den Bildschirmen miteinander kommunizieren und sie erwerben nicht die gleichen sozialen Fähigkeiten wie im echten Leben. Und ich habe es mir tatsächlich gar nicht einfach gemacht, sondern super viel recherchiert, mit Fachleuten gesprochen und in der Praxis getestet.