Ihr Lieben, wir alle wollen es richtig machen mit unseren Kindern, aber wie geht das? Es gibt nicht DAS Geheimrezept (leider!), aber so manches Gutgemeinte ist gar nicht so gut, wenn wir es damit übertreiben und ihnen zum Beispiel alles abnehmen statt ihnen mal etwas zuzutrauen. Kinder sollten Selbstwirksamkeit erleben dürfen! Indem sie auch mal Dinge selber machen. Deswegen hat Familienexpertin Inke Hummel nun das Buch Zu viel des Guten, zu wenig fürs Leben geschrieben.
Die Welt, in der dein Kind groß wird, stellt hohe Anforderungen – und genau deshalb braucht es in der Zukunft mehr denn je: innere Stärke, soziale Kompetenz und das Gefühl, selbstwirksam zu sein. Wie kann also mein Kind lernen, kreativ mit Langeweile umzugehen? Wie kann es Stress und Krisen für sich bewältigen und wie schafft es es, digitale Medien verantwortungsvoll zu nutzen?
Inke Hummel zeigt uns, wie wir unserem Kind den Rücken stärken – ohne es zu überfordern, zu verwöhnen oder in jeder Situation zu „retten“.
Liebe Inke, wie kann ich meinem Kind Bewältigungskraft mitgeben?
Mein Lieblingswort! Ich halte das wirklich für das Wichtigste, was Kinder von Eltern brauchen: Urvertrauen, um sich sicher genug zu fühlen, Herausforderungen zu bewältigen, plus Selbstwirksamkeit, um das auch immer besser allein zu schaffen.
Kinder entwickeln diese Bewältigungskraft, wenn wir ihnen Schritt für Schritt zeigen, WAS sie tun können und WIE sie ruhig genug bleiben, wenn irgendwas zu schaffen ist: ein Streit, Hektik, Frust, unangenehme Gefühle durch Langeweile, ein Missgeschick, ganz egal.
Gibt es Momente, in denen wir unsere Kinder zu wichtig nehmen?
„Zu wichtig“ halte ich eigentlich für die Falsche Beschreibung. Im Grunde kann man ein Kind kaum zu wichtig nehmen. Ich würde eher sagen, es gibt Momente, in denen wir unser Kind „überhöhen“, also es derartig in den Mittelpunkt stellen, wie es gar nicht notwendig und oftmals auch eher gar nicht förderlich ist. Zum Beispiel wenn wir seine morgendliche Unlust in Sachen Kindergarten mit einem zweistündigen Begleitspiel einzufangen versuchen und gar nicht mehr bei uns selbst sind oder auch nicht annehmen können, dass es einfach unveränderlich morgenmuffelig ist.
Was hältst du von dem Spruch: „Wir können nicht zu viel Liebe schenken, aber zu viel Aufmerksamkeit“?
Wenn ich „Aufmerksamkeit“ mit „Hinwendung“ gleichsetze, würde ich den Spruch für falsch halten. Es kommt aber drauf an, wie die Hinwendung aussieht. Beinhaltet sie eben auch so etwas wie „Ich ermutige mein Kind, ein Problem selbst zu lösen – es echt zu bewältigen?“ oder meinte es eher „Übernehmen, Überanimation, Besänftigen“? Ist letzteres gemeint, wäre der Spruch für mich richtig und wichtig. Denn es kann tatsächlich bei falscher Fürsorglichkeit so laufen, dass Kinder fast eher „gelebt werden“ als selbst zu leben.
Wie kann ich meinem Kind helfen, unabhängig zu werden?
In der Ergotherapie gibt es den Leitspruch „Hilfe zur Selbsthilfe geben“ und genau das sollte auch Eltern antreiben: Wie kann ich meinem Kind sagen und zeigen, wie es eine Herausforderung immer besser allein meistern kann? Anfangs braucht es mich sicher noch als Begleitung und oft auch zur Beruhigung. Aber nach und nach sollte ich es immer mehr einbeziehen und auch „anschubsen“.
Zum Beispiel wenn es meinem Grundschulkind schwer fällt seinen Ranzen sinnvoll zu packen: Das ändert sich nicht, wenn ich das ständig für mein Kind mache, sondern wenn ich ihm zeige, wie ich organisiere, und wenn ich ihm Hilfsmittel an die Hand gebe.
Du sprichst von „Bewältigen statt Besänftigen“, kannst du uns dazu ein konkretes Beispiel nennen?
Dabei geht es um unangenehme Gefühle, zum Beispiel Langeweile. Wenn ich meinem Kind dann immer gleich 20 Vorschläge unterbreite, sofort übernehme und Animateur spiele oder aber gleich digitale Medien erlaube, kann mein Kind nicht lernen, das Gefühl selbst zu bewältigen oder selbst auf kreative Gedanken zu kommen.
Zeige ich ihm stattdessen, dass es gut ist, in diesen Momenten erst ritualisiert etwas anderes zu tun, was die Kreativität anregen kann, wird es in dem Bereich immer unabhängiger von mir. Das kann zum Beispiel Bewegung sein, denn die sorgt dafür, dass unser Wahrnehmungssystem ruhiger und aufmerksamer wird und unser Gehirn sich quasi einmal resettet und konstruktiver weitermachen kann.
Du sagst ein Kind brauche eine starke Ich-Kompetenz. Meinst du damit, dass ich nicht immer sein Zimmer aufräume, damit es im Zweifel nicht überfordert ist, wenn es das mal allein machen muss, weil der Schwarm zu Besuch kommt?
Das Beispiel ist natürlich auch ein wichtiger Punkt, wobei mir da der Mittelweg wichtig wäre: Erstmal nach und nach miteinander aufräumen, wenn es allein schwerfällt – also Hilfe zur Selbsthilfe geben und dann immer weiter loslassen.
Aber Ich-Kompetenz meint etwas anderes: Ich bin ich-kompetent, wenn ich weiß, wie ich ticke, was ich brauche und bewusst oder auch unbewusst gut dafür sorgen kann, dass ich ganz gut durchs Leben komme.
Ein paar Beispiele für Ich-Kompetenz: Wenn ein schüchternes Kind zum Beispiel weiß, dass es am besten immer ganz früh zu einer aufregenden Veranstaltung kommt, so dass es erst nach und nach mit all den Leuten und Reizen konfrontiert wird. Oder wenn es weiß, ihm hilft es bei Übergängen, ein Lied zu pfeifen. Ich-kompetent kann auch bedeuten, dass ein wildes Kind gelernt hat, seine Hände bei aufkommender Wut in seine Hosentaschen zu drücken, damit es nicht doch wieder etwas oder jemanden umhaut.
Es hat also vor allem mit Selbsterkenntnis und Selbstfürsorge zu tun, die kleine Kinder natürlich noch nicht haben, aber unbedingt nach und nach aufbauen sollten.
Würdest du so weit gehen, zu sagen, die Jugendlichen müssen ihr Praktikum selbst organisieren, beim Betrieb anrufen etc., selbst wenn sie im Zweifel dann ohne Praktikum dastehen? Damit sie es lernen?
Eine clevere Zielsetzung wäre das, ja, aber mit einer wichtigen Einschränkung: Ich muss nicht hart sein, damit mein Kind lernt, mit Härte umzugehen. Also auch hier wieder bitte Hilfe zur Selbsthilfe geben. Eltern können Jugendlichen, denen ein Anruf schwerfällt, beim Üben und Planen helfen, und denjenigen, die nicht gut organisieren können (was bedingt sein kann durch den pubertären Umbau im Hirn), Orientierung geben, indem sie klar darauf bestehen, dass ein Plan geschmiedet wird, wann was, wie zu tun ist, um keine Fristen zu verpassen.
Das Kind durfte zum ersten Mal in die Wand bohren und der Spiegel hält – meinst du solche Erfolgserlebnisse, die unsere Kinder in die Selbstwirksamkeit führen? Weil sie sich beim nächsten Umzug schon nicht mehr so hilflos fühlen?
Unbedingt. Da war Zutrauen: das Kind durfte mal machen. Da war wahrscheinlich Unterstützung, denn ihm wurde gezeigt, wie das gut geht. Die Eltern haben nicht übernommen, sondern reinbegleitet. Das ist genau das, was es braucht, auch bei Wut, Frust, Langeweile, Enttäuschung oder Stress.
Was möchtest du als letzten Satz noch unseren Leserinnen mitgeben?
Ich würde mich freuen, wenn alle die verunsichert mitlesen oder sehr sicher mitfordern bei Themen wie „Smartphoneverbot“ nicht vergessen hinzuschauen, was gleichzeitig zu möglichen Einschränkungen auch immer wichtig ist: nämlich die Skills. Hat ein Teenie oder Kind es drauf, sich bei unangenehmen Gefühlen nicht zu betäuben, sondern die reizvollen Angebote gut zu nutzen? Weiß es sicher, dass es immer Unterstützung bei uns erfragen und bekommen kann? Begleiten wir es in Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Sicherheit?


