Ihr Lieben, wenn die Kinder größer werden, kann es auch vorkommen, dass die psychischen Herausforderungen größer werden. Psychische Erkrankungen bei Jugendlichen haben rasant zugenommen: Depressionen, ADHS, Gaming, Handysucht, Zwangserkrankungen. Für ihr Buch „Zwischen TikTok und Therapie: Wie Jugendliche und junge Erwachsene psychische Krisen überwinden“ hat Ulrike Bartholomäus über anderthalb Jahre 25 Jugendliche begleitet.
Die jungen Menschen haben sie tief in ihr Inneres blicken lassen. Sie hat intensive Gespräche mit ihren Ärzten, Therapeuten und Eltern geführt. Entstanden ist ein einfühlsames und vielschichtiges Porträt von Menschen, die erzählen, wie sie ihre Krise überwunden haben – und was sie stark gemacht hat. Hier gibt sie uns Einblicke in ihre Erkenntnisse.
Liebe Frau Bartholomäus, seit 25 Jahren begleiten sie Jugendliche durch psychische Krisen, welcher Fall ist Ihnen aus den letzten Jahren besonders in Erinnerung geblieben und warum?
Der 13-jährige Georg, inzwischen ein erwachsener junger Mann, verlor in seiner Jugend völlig den Boden unter den Füßen. Er stammt aus der ganz normalen Mittelschicht. Sieben Jahre versank er in der Drogenabhängigkeit. Er bekämpfte seine Probleme, sein ADHS, seine Panikattacken, seine Depressionen mit Kiffen, Pillen, Kokain. Er stahl, dealte, verbrachte Zeiten in der Psychiatrie mit Entzug.
Seine Familie stand an seiner Seite, wenn auch jahrelang viel Unverständnis da war. Er lebte auf Anraten der Psychologen dann in einer Jugendgruppe, wo er eine Sozialarbeiterin fand, der er sich anvertraute mit all seinem Frust, den Schwierigkeiten. Er sagt, diese Frau habe ihn gerettet. Er machte eine Ausbildung, erlangte dadurch sein Fachabitur und studiert jetzt seit ein paar Jahren an einer Hochschule.
Der Mann ist unglaublich intelligent, unfassbar nahbar und ein sehr interessanter Gesprächspartner. Es ist erstaunlich, wie er es aus einer völlig verfahrenen Situation heraus geschafft hat, in der fast niemand mehr an ihn geglaubt hat. Aber die Sozialarbeiterin, seine Eltern, seine Geschwister, waren für ihn da. Eine solche Geschichte gibt Hoffnung.
Wie haben sich die Probleme der Jugendlichen im Laufe der Zeit verändert?
Die Kindheit hat sich dramatisch verändert. Das freie, unbeobachtete Spiel ist in weiten Teilen einer überorganisierten Freizeit gewichen mit viel zu langen Schultagen. Beim Spielen lernen Kindergehirne aber sehr viel schneller als durch betreutes Lernen. Kinder trainieren ihre sozialen Fähigkeiten, erschließen sich spielerisch, wie die Welt funktioniert.
Sie finden Freunde und verbringen Zeit mit ihnen, sie werden innerlich starke Persönlichkeiten, werden resilient. Sie entwickeln eine innere Stimme, dass sie es schon schaffen, denn Spielen baut Selbstvertrauen auf. So ganz nebenbei, ohne Kurs. Ebenfalls erodiert der Halt in Familien, die Gründe sind vielfältig. Trennungen der Eltern, hohe Arbeitsbelastung beider Elternteile, wenig Zeit für die Familie, fehlende Rituale am Wochenende.
Viele Menschen sind sehr mit sich selbst beschäftigt, das gilt für Eltern wie für Jugendliche. Zusammenhalt, Zugehörigkeitsgefühl, gemeinsame Erlebnisse prägen Kinder und Jugendliche aber und stärken sie. Hinzu kommen Social Media wie Tiktok, unendlich viele Nachrichten beantworten, exzessives Gaming, Streamen und YouTube bis zum Pupillenstillstand. TikTok macht Hackfleisch aus jugendlichen Gehirnen.
Was raten Sie denn einem Jugendlichen, der nicht mehr aufhören kann, zu tiktoken?
Das trifft wohl auf sehr viele zu. Einige der von mir interviewten jungen Anfang 20-Jährigen haben in einem solchen Fall die App gelöscht. Den meisten ist klar, dass sie es sonst nicht schaffen, die Zeit zu begrenzen. Sie merken auch, dass es ihnen dadurch schlecht geht. Jüngere Jugendliche haben aber Angst, den sozialen Anschluss dadurch zu verlieren, da sie ja durch TikTok leben und sich ausdrücken.
Hier sind Eltern gefragt. Sie haben laut der Aussage von Experten das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre Kinder, auch im Internet. Warum lassen wir es zu, dass dieser Konzern die Aufmerksamkeit unserer Jugendlichen zerschießt, ihre Konzentrationsfähigkeit, ihre Lebenszufriedenheit?
Und was, wenn mein Kind das Essen einstellt, schulen Sie da auch die Eltern, weil es das ganze „System Familie“ betrifft?
Nein. Das gehört definitiv in die Hand von Ärzten. Meine Schwester ist niedergelassene Kinderärztin, von ihr kenne ich das Prozedere bei Essstörungen.
Kinderärzte sind der erste Anlaufpunkt bei dem Thema. Sie können beraten, ob die Vermeidung oder Verweigerung der Nahrung am Anfang ist und wie Eltern es schaffen, dass ihre Tochter, meistens sind es ja Mädchen, wieder besser isst. Oder ob die Störung schon weit fortgeschritten ist. Mädchen mit Essstörungen sind Meisterinnen im Verbergen. Das ist Teil der Krankheit. Sie müssen lügen, um keine Kalorien zu sich zu nehmen, so jedenfalls haben sie es mir selbst erzählt.
Das System Familie ist immer betroffen von Essstörungen, dazu gehört dann auch eine Therapie der Betroffenen, wenn die hausärztlichen Hinweise nicht ausreichen. Wenn ein Mädchen, sagen wir mal mit 12 Jahren noch nicht so stark untergewichtig ist, dass sie in eine Klinik muss, dann können Eltern noch mit viel Zeit und Geduld helfen. Das erfordert manchmal drastische Schritte.
So kann es sein, dass ein Arzt oder eine Ärztin mal rät, dass sich ein Elternteil für ein paar Monate ein Sabbatical nimmt, um frisch zu kochen, was der Jugendlichen schmeckt, und beim Essen mit viel Zeit am Tisch zu sitzen. Wenn das Kind schon so stark ins Untergewicht gerutscht ist, dass der Zustand lebensbedrohliche Gesundheitsrisiken birgt, erfolgt ja ohnehin eine Einweisung ins Krankenhaus.
Was raten Sie der Mutter eines Jungen mit ADHS, der ganze Nächte durchzockt, am Wochenende sein Zimmer nicht verlässt und die Schule nach dem Motto „Dabei sein ist alles“ angeht?
Hier kommt es darauf an, ob es wirklich ADHS ist, und wenn ja, wie stark es sich zeigt und wie. Da gibt es sehr große Unterschiede. Wenn es stark ausgeprägt ist, würde ich der Mutter raten, einen Psychiater mit dem Sohn aufzusuchen, der auf ADHS spezialisiert ist. Hier ist wichtig, eine genaue Diagnose zu stellen, das ist nicht trivial. Nicht alle Verhaltensauffälligkeiten, die nach ADHS aussehen, sind auch ADHS. Danach heißt es, gegebenenfalls eine medikamentöse Therapie mit einer Gesprächstherapie zu kombinieren. Medikamente können Kindern in der Schule enorm helfen, aber nicht alle benötigen sie.
Gleichzeitig würde ich der Mutter empfehlen, dass der Sohn sich austoben kann. Kickboxen, Fußball, Klettern in der Halle, Basketball, Sportarten, wo er auch mal laut und wild sein darf. Das ist schwierig, wenn er nur noch zockt und sich zurückzieht. Aber vielleicht interessiert ihn ja doch etwas Spannendes, was sein Dopaminbedürfnis stillt: Klettergarten, Riesen-Achterbahn auf dem Stadtfest, Cart-Rennbahn, ein Trip an einen See zum Wakeboarden, ein Schwimmbad mit Riesenrutsche. So würde ich versuchen, ihn zu locken.
Es ist wichtig, dass der Sohn dabei nicht immer nur lieb sein muss. Ich würde außerdem empfehlen, zu kochen, kein Fertigessen anzubieten. Ich würde auch erklären, warum es wichtig ist, erstmal den Druck aus der Schuldiskussion zu nehmen. Beim Gamen würde ich durch eine App die Zeit zum Zocken einschränken. Durchzocken kann der Sohn ja nur, wenn er unendlich Zugang zum W-Lan hat.
Dabei sollten Eltern wissen, dass Jugendliche dabei die Elternsperren umgehen können, also muss das absolut dingfest sein. Und dann muss man noch den Ärger aushalten, was mit der schwierigste Part ist. Aber besser ein paar Tage schlechte Stimmung, als später ein junger Mann, der nicht aus der Gaming-Falle herausfindet. Das Problem verschwindet nicht von alleine.
Wie kann ein Vater auf seine jugendliche Dauerkifferin reagieren, die in Depressionen versinkt und bei der er sich fragt, ob sie ihre Panikattacken mit Kiffen bekämpft oder die Joints die psychischen Probleme erst ausgelöst haben?
Die erste Frage dazu ist: Woher hat das Mädchen das Geld zum Dauerkiffen? Das kostet nämlich ein paar hundert Euro im Monat. Gegen einen Joint mal ausnahmsweise ist nichts einzuwenden. Da könnten sich Eltern entspannen. Das ist weniger schädlich als Alkohol in exzessiven Mengen. Aber wenn es Dauerkiffen ist, dann ist die Situation ernst. Zunächst einmal sollte der Vater ihr den Geldhahn zudrehen, kein Bargeld. Punkt.
Das Mädchen möchte sich nach der Schule etwas zu essen kaufen? Es bekommt eine Karte für die Bäckerei. Ein paar neue Schuhe? Der Vater geht mit, um sie zu bezahlen oder sie sucht aus und er kauft, wenn er nicht mitkommen kann, online. Aber das gemeinsame Aussuchen wäre auch ein wichtiger Punkt, denn es geht auch darum, die Beziehung zu stärken. Im Leben einer Dauerkifferin darf kein Geld in der Wohnung herumliegen, es gibt keine Geldgeschenke, auch nicht von Oma und Opa etc., keinen Zugang zum Geldgeschenk irgendeines Verwandten.
Das klingt hart, aber eine Dauerkifferin hört normalerweise nicht von alleine auf. Ebenfalls sollte der Vater versuchen, mit dem Mädchen in eine Beratungsstelle zu gehen. Viele Beratungsangebote sind niedrigschwellig, etwa die Caritas bietet so etwas in vielen Städte an. Es gibt ja eine Alternative zum Kiffen. Das sollte ein Suchtexperte mit ihr besprechen. Als nächstes ist wichtig, was ist mit der Depression? Das ist in dem Fall ein Henne-Ei-Problem, das der Vater sehr ernst nehmen sollte. Auch dies kann der Suchtexperte klären… ob die Depressionen und Panikattacken vor dem Dauerkiffen bestanden haben oder ob sie erst aufgetreten sind, nachdem so viel gekifft wurde.
In der Regel besprechen Kinder das nicht mit ihren Eltern, aber mit einem Mentor eventuell schon. Das kann ein Onkel oder eine Tante sein, ein Pate oder ein Freund, eine Freundin der Familie. Wichtig ist das Alter des Mädchens, denn je früher sie anfangen mit dem Dauerkiffen, desto mehr kann das Gehirn geschädigt werden, manchmal irreversibel. Das sollte dem Vater klar werden, indem er sich darüber informiert. Es geht darum, das Mädchen zu schützen, so wie er es vor anderen Gefahren schützt.
Dauerkiffen kann ja ebenfalls Psychosen sowie eine Schizophrenie auslösen, dass sollte auch mal vorsichtig ins Spiel gebracht werden.
Ich habe das Gefühl, dass wir heute viel offener über psychische Erkrankungen sprechen können, trotzdem wirkt es, als gäbe es immer mehr Hilfe-Bedarf für Jugendliche, wie passt das zusammen?
Allein vom offen sein verschwinden die psychischen Probleme ja nicht. Die Offenheit habe ich vor allem bei den Jugendlichen erlebt, viel weniger von den Eltern. Nichts ist mehr tabuisiert als die psychische Erkrankung des eigenen Kindes. Da mag es Ausnahmen geben, selbstverständlich. Zudem sprechen Kinder selten oder gar nicht mit ihren Eltern über die Probleme, sie wollen sie schonen.
Was braucht es für eine psychisch gesunde Jugend, welche Faktoren sind da entscheidend?
Resilienz entsteht durch das eigene Erleben, durch elterliche Liebe, durch gute, verlässliche Beziehungen, dadurch, dass man ab dem frühen Alter lernt, eigene Aufgaben zu bewältigen, Hürden zu nehmen. Kinder brauchen Zeit zum Spielen, Zeit mit ihren Eltern. Die Annahme, das Jugendliche ihre Eltern weniger brauchen trifft meiner Meinung nach nicht zu.
Denn die Probleme, die sie haben, soziale Probleme mit den Freunden, den ersten Liebespartnern, mit der Schule, mit ihrem Selbstbewusstsein sind enorm. Gerade, wenn sich Jugendliche ablösen, benötigen sie Halt. Wenn sie in Schwierigkeiten geraten, sollten sie den Eltern vertrauen, dass es keinen Ärger gibt, wenn sie sie um Hilfe bitten. Dieses Vertrauen kommt nicht von ungefähr, sondern wird vorher aufgebaut.
Geborgenheit und Sicherheit herzustellen, ist ebenfalls die Aufgabe der Eltern.

4 comments
Den ersten Kommentar kann ich überhaupt nicht nachvollziehen…
Ich fand den Text sehr gut. Insbesondere wegen der vielen ganz konkreten und im Alltag anwendbaren Tipps. Im näheren Umfeld habe ich selbst mit psychisch labilen Jugendlichen zu tun und ganz daher vieles gut nachvollziehen.
Mir ging es genauso.
„ …gegen einen Joint mal ausnahmsweise ist nichts einzuwenden“. – was für ein bodenlos gefährlicher Schwachsinn! Aus dem eigenen Bekanntenkreis ist das Auslösen einer akuten Psychose durch einen einzigen Joint bekannt – und im übrigen längst nachgewiesen und publiziert. Dass eine selbsternannte Expertin unredigiert solche steilen Thesen verbreiten kann, ist mindestens unverständlich.
Der Text ist leider aufgrund vieler Rechtschreibfehler schwer zu lesen gewesen.