Pubertät mit ADHS: Wie impulsiv wird mein neurodivergenter Teenager?

Pubertät

Ihr Lieben, in der Teen Time eurer Kinder passiert eh schon so viel, was aber hat es mit einer Pubertät mit ADHS auf sich? Melanie Klefeldt berät Eltern zu diesem Thema und ist mit ihrem Buch „Ich lass dich los und geb dir Halt“ auf der SPIEGEL Bestsellerliste gelandet. Es zeigt: Es gibt einen hohen Leidensdruck und eine Menge Fragen. Wir durften der Expertin einige wichtige dazu stellen.

Du Liebe, du bist selbst spätdiagnostiziert mit ADHS und dein Sohn hat es auch. Für wen war seine Pubertät schwieriger – für dich oder für ihn?

Wir sind beide noch mittendrin und ich würde sagen, es ist phasenweise für uns beide mal schwierig – nur eben auf unterschiedliche Weise. Mein Sohn jongliert seine oft stärkeren Emotionen, die vielfältigen sozialen Erwartungen und den schulischen Druck und für mich als Mama ist es oft einfach ziemlich schwer auszuhalten, ihm nichts davon wirklich abnehmen zu können. Was es mir aber leichter macht, ist, dass ich seine Reaktionen und Gefühle sehr gut nachvollziehen kann und nichts davon persönlich nehme. Das ist allerdings auch hartes Training gewesen 😉

Empfindest du es als Fluch oder Segen, dass ihr beide neurodivergent seid?

Pubertät mit adhs

Weder noch. Manchmal ist es ein Vorteil, dass wir beide neurodivergent sind, weil ich ihn eben gut verstehe, z.B. bei Reizüberflutung oder Aufschieberitis. Auf der anderen Seite bringt es auch Herausforderungen mit sich: Bei uns zuhause gibt’s doppelte Vergesslichkeit, doppelte Impulsivität und doppelte Anfälligkeit für Chaos. Das Gute ist aber: Je besser man das durchschaut, desto konstruktiver kann man auch damit umgehen. 

Viele Eltern sagen, dass sich ihr Verhältnis zum Kind mit der Diagnose verbessert hat, weil sie plötzlich wussten: Ah, mein Kind KANN gar nicht anders, es stellt sich nicht an. Kennst du das aus deinen Beratungen als ADHS-Trainerin?

Ja, das erlebe ich recht oft in meiner Arbeit mit den Familien, denn viel Streit entstand vor der Diagnose aus Missverständnissen. Eltern interpretieren das Verhalten des Kindes dann z.B. als fehlende Motivation, unterstellen „kein Bock-Haltung“ oder Absicht und Trotz. Die Jugendlichen fühlen sich dann oft gleichzeitig ständig kritisiert und falsch verstanden.

Eine Diagnose allein kann diesen Kreislauf noch nicht zwingend unterbrechen, denn entscheidend ist die Einordnung des Erlebens im Kontext zu dieser Diagnose. Und dafür ist eben ein gutes Elterntraining so wichtig. Denn die Diagnose ADHS liefert für vieles eine Erklärung und ist keine Ausrede. Wenn man also die Hintergründe gut versteht, führt das oft auf beiden Seiten zu viel mehr Verständnis. 

Was, wenn dein Kind nach der Diagnose sagt: Auf keinen Fall nehme ich Medikamente, weil mein Freund, der sie auch bekommt, seitdem nicht mehr lacht?

Der wichtigste Punkt ist, dass wir das dann ernstnehmen und uns bewusst machen, dass Jugendliche erst einmal verstehen möchten, was sie da einnehmen und wieso. Recht oft habe ich schon mit Jugendlichen gesprochen, die seit Jahren Medikamente einnahmen und nicht wussten, wofür überhaupt und was ADHS eigentlich ist, weil sie die Diagnose vielleicht schon als 7-jähriges Kind bekommen haben.

Wir sollten uns dann mit den Jugendlichen und dem Arzt/der Ärztin gemeinsam anschauen, welche Schwierigkeiten sie aktuell haben, welche Möglichkeiten es gibt, diese zu verbessern und inwieweit die Medikation ihnen dabei helfen kann. Wenn ein Jugendlicher sagt, sein Freund lache seit der Medikation nicht mehr, sollten wir das offen besprechen, denn häufig steckt dahinter einfach eine falsche Dosierung oder ein nicht passendes Medikament. 

Was, wenn dein Kind nach der Diagnose sagt: „Auf keinen Fall darfst du den Lehrkräften davon erzählen, auch nicht, wenn es dann einen Nachteilsausgleich gäbe, weil es megapeinlich wird, wenn ich dann zwar pro Klausur 10 Minuten mehr Zeit kriege, die ganze Klasse mich aber hänselt“?

Das kommt gar nicht so selten vor, denn viele Jugendliche haben einfach total Angst, stigmatisiert zu werden. Dann sollte man gemeinsam abwägen, was der konkrete Nutzen eines Nachteilsausgleichs wäre und welche Befürchtungen es genau gibt. Vielleicht kann sich der/die Jugendliche darauf einlassen, erst einmal nur eine einzelne Lehrkraft einzuweihen. Auf jeden Fall sollte die Entscheidung darüber immer gemeinsam getroffen werden. 

Welche Herausforderungen stehen nun in der Pubertät mit ADHS an?

Die Pubertät ist auch ohne ADHS eine Phase massiver Veränderungen auf neurologischer Ebene. Bei ADHS verstärken sich jedoch einige typische Themen nochmal. Sie haben oft stärkere emotionale Schwankungen, mehr Probleme in der Organisation und Alltagsstruktur, ein noch höheres Bedürfnis nach Autonomie – und gleichzeitig meist einen weiterhin hohen Unterstützungsbedarf durch die Eltern. Das ist der Punkt, weshalb es dann auch oft knallt: Jugendliche wollen mehr Freiheiten, aber bestimmte Fähigkeiten sind eben noch nicht vollständig entwickelt und reifen bei ADHS oft auch deutlich langsamer heran. 

Gibt es auch die Jugendlichen mit ADHS, die VOR der Pubertät besonders mit ihrer Impulskontrolle und zu kämpfen hatten und dann durch die Reife der Pubertät viel ruhiger werden, sich vielleicht sogar für die Schule plötzlich selbst organisieren, was viel mehr Harmonie in der Familie möglich macht?

Ja, das gibt es durchaus, wobei ich das deutlich seltener höre. Der Verlauf ist aber letztlich immer individuell, es gibt da also keine „Standardentwicklung“.

Wie macht man das: Halt geben und Freiraum lassen? Kannst du uns da ein konkretes Beispiel nennen?

Wir können als Eltern viel tun, indem wir Struktur anbieten, zum Beispiel durch Wochenpläne und vorhersehbare, kurze Lernzeiten, während wir aber gleichzeitig mehr und mehr die Verantwortung für die Umsetzung loslassen. Die Kunst ist also, eher begleitend als kontrollierend zu sein. Es ist also mehr die Suche nach „Wie kann ich dich unterstützen, hast du eine Idee?“ statt „Hast du die Hausaufgaben endlich gemacht?“.

Wie kann eine offene, respektvolle Kommunikation mit deinem Jugendlichen helfen, Symptome zu verstehen und ein positives Selbstbild zu entwickeln – ohne Überforderung, Schuld oder unnötigen Druck?

Pubertät mit adhs
Ich lass dich los & geb dir Halt

Es ist bekannt, dass Kinder mit ADHS deutlich mehr negative Rückmeldungen einstecken müssen als Kinder ohne ADHS. Dadurch entsteht bei vielen das unterschwellige Gefühl, einfach „falsch“ zu sein. Wenn sie merken, dass auch ihre Bemühungen nicht (mehr) gesehen werden, kann es sein, dass sie auch diese einstellen und ihr Verhalten eine self-fulfilling prophecy wird.

Wichtig sind daher offene Gespräche, damit wir als Eltern und auch Lehrkräfte verstehen, warum bestimmte Dinge so schwerfallen und den Fokus auf das legen, was gut läuft – auch, wenn wir das Gefühl haben, an manchen Tagen eine Lupe dafür zu brauchen. Wir sollten sie trotzdem unbedingt in die Hand nehmen. 

Nun neigen Jugendliche mit ADHS auch zu digitaler Überstimulation und Suchtdynamiken. Wie können Eltern da sinnvoll Grenzen setzen, ohne in Machtkämpfe zu geraten oder Jugendliche sozial zu isolieren?

Auch für Jugendliche ohne ADHS sind Medien natürlich total attraktiv, bei ADHS treffen sie aber auf ein Gehirn, das diese schnellen Reize und Belohnungen besonders fesselnd findet. Ich bin kein Freund von Verboten, denn diese führen eben oft zu Machtkämpfen und entstehen oft impulsiv mitten im Konflikt (ich erinnere mich, wie ich einmal „1 Jahr Fernsehverbot!“ gebrüllt und das sehr schnell bereut habe).

Besser sind also gemeinsam entwickelte Regeln, die klare Zeitfenster und auch ausreichend medienfreie Zeit beinhalten. Zudem sollten wir natürlich auch schauen, dass es im „echten Leben“ etwas gibt, das dem/der Jugendlichen Freude bereitet, z.B. Sport oder ein kreatives Hobby. Wenn es da nichts gibt, sind Medien natürlich noch attraktiver. 

Ein letzter mutmachender Satz bitte noch an alle, die die Pubertät mit ihrem neurodivergenten noch vor sich haben…

Die Pubertät mit einem neurodivergenten Teenie kann ein ziemlich wilder Ritt sein, aber sie ist auch eine Zeit großer Entwicklung. Wenn ihr versteht, was da in eurem Kind (und in euch selbst?) vorgeht, ihr euch viel Wissen über ADHS aneignet und eure Beziehung zu eurem Kind auf Augenhöhe gestaltet, kann diese Phase euch sogar näher zusammenbringen. Und genau das wünsche ich euch!

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2 comments

  1. Bei unserem pubertierenden ADHSler knallt es vor allem abends. Da kommt er regelmäßig noch mal runter und sucht Streit. Hier hilft es nicht drauf einzusteigen. Ich sage dann einfach ein paarmal, dass ich jetzt nicht streiten möchte und steige nicht drauf ein. Meistens motzt er dann noch eine Weile rum und trollt sich dann wieder nach oben (er ist knapp 16).
    Medienregeln sind auch immer ein Thema, ebenso wie das Lernen für die Schule. Hier läuft es besser, wenn er mehr darf, dann macht er in der Regel auch zeitnah aus wenn es genug ist und man ihm das sagt . Auch klappt es gut, dass er dann im Anschluss noch etwas für die Schule macht etc.
    Die größten Streits entstehen durch die Diskrepanz was er möchte (chillen & zocken) und was wir Eltern wollen (nicht zockeln& lernen für die Schule). Mir leuchtet ein, dass unsere Wünsche ihm keinen Spaß machen und versuchen einen Mittelweg zu finden. Damit sich nicht auf Diskussion und Streit einzulassen ist man immer gut beraten. Diese konsequente Strenge, die die Psychiaterin empfahl funktioniert allerdings bei unserem Sohn nicht gut. Er wird dann sehr oppositionell. Ich reagiere dann oft auch oppositionell ihm gegenüber, was meist dazu führt dass er einlenkt oder dass er sich sauer zurückzieht und dann später kompromißbereiter ist.

    Es gelingt mir aber auch nicht immer ruhig zu bleiben aber häufig. Seitdem läuft es besser. Er hat nicht viele Freundschaften, aber seine Peergroup in der Schule ist zum Glück gut.

  2. Bei uns hilft es schon, die “ Sprache des Kindes“ zu sprechen, was die Regeln anbelangt.
    Wir haben die Medienregeln mittlerweile in einer WhatsApp Gruppe fixiert, in der wir Eltern und unser Sohn sich befinden. zur Computernutzung schreibt mein Sohn eine Nachricht, wir genehmigen auch per WhatsApp. das vermeidet problematische direkte Gespräche. Wenn die Regel neu verhandelt werden, tun wir das in einem ruhigen Moment, in dem die Medikamente wirken und wir alle besonnen sind.

    Überhaupt ist der Schlüssel zur Problemlösung besonnenheit, das heißt, man muss wieder stehen Probleme gleich lösen zu wollen während alle überhitzt sind.
    Lieber am Abend oder am nächsten Tag.

    Die Peergroup ist super wichtig für alle Teenager. Der Freund unseres Sohnes, der älter ist und ebenfalls ADHS hat, ist für ihn Gold wert. Er versteht einfach, wie unser Sohn tickt und kann ihm eigene Erfahrungen weitergeben. Das hilft.

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