Pubertät bei Jungs: Redet nicht. Räumt nicht auf. Lieb ich trotzdem

Pubertät bei Jungs

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Ihr Lieben, die Pubertät bei Jungs braucht irgendwie mal ein neues Image, dachte sich Familienberaterin und Bestseller-Autorin Inke Hummel und legt mit „Redet nicht. Räumt nicht auf. Lieb ich trotzdem“ ein fantastisch hilfreiches und mutmachendes Werk für Eltern mit Teenager-Söhnen vor. Wir dachten, diese Expertise nutzen wir mal und haben ihr die Anfrage einer unserer Leserinnen geschickt, die sich an uns wandte, als wir mal bei Instagram fragten, was denn grad so dir größten Baustellen bei euch in der Teen-Time sind. Sie schrieb:

redet nicht

„Ich mach mir echt Sorgen um meinen Jüngsten. Wie gehe ich denn als Mutter damit um, wenn der Sohn am Einkaufscenter rumhängt, sich Gruppen anschließt, die (verbal) gerne gegen andere austeilen, Dinge nur machen, wenn sie etwas dafür kriegen, zu spät kommen, unzuverlässig sind, mit einem Rucksack voll Böllern rumfahren… wann schwindet der eigene Einfluss und macht moralisch ungutem Einfluss Platz? Ich würde mir mal ein paar offene Worte wünschen. Auch über ungute Charakter-Eigenschaften beim eigenen Kind. Ist ein Tabu-Thema leider, aber so etwas gibt es ja!

Wie schafft man es, nicht nur Einfluss zu verlieren ohne ständig aber auch das Meiste doof zu finden, was so kommt. Er macht keine Hausaufgaben, lernt nicht, zockt nur, hat einen seltsamen Umgang. Vielleicht sagen PsychologInnen ja auch, dass es normal ist, das eigene Kind nicht mehr zu verstehen (ab und zu) oder nicht leiden zu können manchmal… Ich hab auch mal gehört, es ist ein bisschen Glückssache und keineswegs selbstverständlich ist, dass der Charakter des Kindes dem eigenen ähnelt.

Die Kunst besteht wohl darin, die Bälle in der Luft zu behalten und sich dann nicht auseinanderzuleben. Ich glaube, daher kommen dann später die Kontakteinschränkungen á la „Meine Eltern haben mich nicht verstanden usw.“. Ich liebe gerade den oben beschriebenen Sohn über alles, ich hab ihn wahrscheinlich zu sehr verwöhnt… es ist aber sehr belastend wie es grade läuft.“

Pubertät bei Jungs

Inke Hummel antwortet darauf: Ihr Lieben, danke, dass ihr mir die Frage der Mutter weitergeleitet habt. Ich spüre darin ganz schön viel Sorge – und die kenne ich aus meinen Beratungen gut. Ängste in der Schwangerschaft, vor der Kita-Eingewöhnung oder wenn es um den Schulstart geht, höre ich da auch oft, aber die Gedanken, die Eltern sich um ihre jugendlichen Kinder machen, haben oft eine andere Qualität. Und sie haben ehrlich gesagt natürlich auch mehr Wumms!

Da geht es ja meist um mehr als nur Streit um Sandspielzeug oder die ersten Lesefähigkeiten. Es geht um die Gesundheit, den Schulabschluss und den weiteren Lebensweg. Und das kann echt Angst machen, weil wir Eltern in so vielem echt Kontrolle abgeben müssen.

Jungs-Eltern betrifft das teilweise nochmal in anderen Aspekten als bei vielen Mädchen. Rollenklischees und Geschlechterverständnis sind nicht von der Hand zu weisen, so sehr wir uns auch darum bemühen, Kinder gleich zu erziehen. In dem, was die Mutter schreibt, steckt so viel drin.

Selbstwirksamkeit
Familienberaterin und Autorin Inke Hummel

In meinen Beratungen gebe ich Eltern erstmal Wissen über Pubertät und auch manchmal eindrückliche Perspektivwechsel mit, so dass sich Ängste legen können und Herzen weich bleiben – denn Nicht-Verstehen und Verhärtungen führen zu Distanz und dem klassischen „Generationenkonflikt“, der so wie man ihn klischeehaft im Kopf hat, echt nicht sein muss. Und andererseits bekommen die Eltern von mir natürlich Handlungsideen. Beides packe ich auch mal hier rein:

1.        Gruppendynamik, Risikolust und Machohaftes – Elterlicher Einfluss und gefährdende Freundschaften

Familie erweitert sich in der Pubertät durch Gleichaltrige. Was der beste Kumpel gesagt hat, wird von dem eigenen Sohn vielleicht plötzlich mehr wertgeschätzt als die Gedanken der Eltern. Das Wochenende gehört den Plänen mit der Clique. Ab und an verabschiedet sich der Teenie und die Eltern haben keine Ahnung, wer nun wieder hinter dem neuen Namen steckt, den er als Ziel nennt.

Der Radius wird nach und nach größer. Das ist spannend, manchmal lustig, manchmal auch herausfordernd. Wichtig ist, dass Eltern die Gleichaltrigen nicht als Feinde sehen. Sie sind wichtig fürs Kind und tatsächlich auch an manchen Stellen positiv entscheidend für die Entwicklung. Eltern verlieren ihren Sohn in der Regel nicht, sondern die Beziehung ändert sich. Das muss auch genauso sein und war ja schon häufiger in seinem Leben so.

Wichtig ist auch, dass Eltern die Einflüsse von außen nicht gleich abwerten, nur weil der Sohn plötzlich andere Ideen mitbringt als die, die sie selbst bislang hatten. Dabei ist es egal, ob es um eine Haarfarbe oder Musik, um eine politische Meinung oder den Fokus auf ein ganz bestimmtes Thema geht. Klar, es wird nicht immer leicht sein damit umzugehen, dass er kein Mini-me ist und in manchen Bereichen vielleicht auch langsam nicht mehr jemand, den sich die Eltern gern für ein WG-Leben ausgesucht hätten. Dass Eltern damit zurechtkommen, ist aber nicht seine Verantwortung, sondern ihre. Aber genug erhobener Zeigefinger: Das ist auch echt schaffbar.

Ein Tipp ist: Kontakt zu den anderen Jungs zu suchen.  Lade sie zum Essen ein, biete deine Chauffeurdienste an, nimm einen Kumpel mit, wenn ihr ins Freizeitbad oder Shoppingcenter fahrt, frag, ob er an der Konsole mit euch zocken will, biete einen Besuch in der Eisdiele an, wenn du deinen Sohn zufällig mit den anderen in der Stadt triffst. Und dann lern alle kennen.

Ich finde, am Esstisch geht das besonders gut, zum Beispiel bei Raclette oder wenn es Wraps gibt, die sich jeder nach und nach selbst zusammenbasteln muss. Man sitzt eine ganz Weile zusammen und kommt automatisch ins Fragen, Zuhören und Lachen.  Und Machoattitüden fallen weniger leicht als draußen vorm Einkaufscenter. Wenn du so Beziehung aufbaust, wirst du wahrscheinlich an der ein oder anderen Stelle merken, dass dir manche Freunde sympathischer sind als zuerst gedacht, aber vielleicht auch, dass dir einer der Freunde unsympathisch ist.

Dann ist es keine gute Idee, den Freund vor ihm schlecht zu machen. Du wünschst dir doch, dass du da einen loyalen jungen Mann großgezogen hast, der zu seinen Freunden hält und sich nicht manipulieren lässt?! Dann versuch das auch gar nicht erst.

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Besser ist es, Fragen zu stellen:

  • „Wie empfindest du es, wenn X immer Y macht?“
  • „Warum verhält X sich immer so? Was denkst du?“
  • „Ist dir aufgefallen, wie ich mich am Sonntag gefühlt habe, als X hier war und Y gesagt hat?“
  • „Findest du, X unterstützt dich?“

Du zeigst Interesse und auch deine Gedanken, aber er hat die Möglichkeit, frei zu antworten und selbst mit der Zeit einen kritischeren Blick zu entwickeln.

Viele weitere Tipps, auch wenn die Themen noch ernster werden, findest du in meinem Buch „Redet nicht. Räumt nicht auf. Lieb ich trotzdem“ (humboldt 2026) aus dem hier schon einige Auszüge stehen. Jetzt schon mitgeben möchte ich dir aber, dass die Risikolust eine typische Episode ist: mehr spüren, weniger weit denken, einfach mal ausprobieren, Prioritäten schlecht setzen können – alles normal. Das verändert sich mit der Zeit wie damals, als dein Kind noch nicht zuverlässig trocken war oder beim Radelnüben ab und an umfiel. Es ist eine Frage der Reifezeit.

Und auch echt blöd Machohaftes ist leider typisch, egal wie feministisch vielleicht sogar der Papa unterwegs ist. Das ist ein bisschen wie die Momente, wo die Tochter einen Kindernagellack wollte oder der Sohn sich einen Feuerwehrmanngeburtstag wünschte: Geschlechterrollenklischees helfen Kindern als Gerüst, ihren Platz zu finden. Manches muss man machen, um zu wissen, das ist nicht meins. Aber erstmal schafft es Zugehörigkeit, und in der Pubertät gibt es nicht viel Wichtigeres.

2.        Wesensunterschiede und WG-Feeling

Trotz eindeutiger Verwandtschaft kann es sehr gut sein, dass wir Eltern in der Pubertät merken, dass die Persönlichkeit, die sich da herausschält, so gar nicht dem entspricht, was uns wichtig ist. Manchmal betrifft das nur die Ernährung oder die Ordnung, andere Male auch die politische Orientierung oder eben auch die Auswahl der Freunde. Da wohnt aber eben wirklich jemand bei uns, der sich ganz eigenständig entwickeln darf und leider nicht von uns langwierig für unsere WG ausgewählt worden ist. Blöd.

Aber es kann eben wirklich sein, dass wir sogar angeborene Wesenszüge (die uns vielleicht an unseren eigenen Vater oder an die Schwiegermutter erinnern – Hilfe!) entdecken, die wir nicht wegkriegen und die vielleicht sogar dafür sorgen werden, dass wir fein damit sind, wenn der Sohn mit 23 ans andere Ende der Republik zieht und wir ihn nur noch dreimal jährlich sehen.

Das wünscht sich niemand, aber es kann passieren, auch ohne, dass man sich spinnefeind ist oder jemand etwas falsch gemacht hat. Was kannst du da tun?

Erster Tipp: Wieder fragen, fragen, fragen. Das ist dein bestes Tool, um ihn zu erreichen und zu verstehen und nicht wie ein Oberlehrer oder eine Besserwisserin vor ihm dazustehen. Und dazu gehört auch Geduld. Manchmal braucht es viele Anläufe und einiges an Zeit.

Falls ihr früher Familienkonferenzen gemacht habt, lohnt es sich, das jetzt nochmal rauszukramen und statt jeden Tag wieder über XY zu streiten, gemeinsam Regeln zu finden. Okay, es ist auch normal, dass die alle paar Wochen neu verhandelt werden müssen, aber dann vielleicht nicht mehr täglich, wenn dein Sohn sich gesehen fühlt und du auch ein Stück auf ihn zugehst (raus aus deiner Komfortzone).

Zweiter Tipp: Annehmen und zugewandt abgrenzen. Was geht und verbindet euch gut, was geht nicht und wie können Kompromisse aussehen? Diese Fragen sollten dich leiten.

3.        Schule und andere Pflichten

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Ach ja, Schule… Sie ist im Jugendalter so wichtig wie nervig und passt leider viel zu oft kaum zu dem, was dein Sohn gerade bräuchte. Du würdest ihm schulisch vielleicht gern mehr Verantwortung übergeben, aber so ganz magst du dich auch nicht heraushalten. Schwierig!

Auch hier hilft neben Ambiguitätstoleranz wieder nur ein Mittelweg, und dem würde ich die Überschrift „Zutrauen“ geben. Das hat auch viel mit dem Verlassen der eigenen Komfortzone zu tun. Streit gehört ebenso zu dieser Phase dazu wie meist auch einige miserable Noten.

„Keine Ahnung, wann die Klassenarbeit ist.“, „Ich wusste nicht, dass ein Test geschrieben wird.“, „Es ist doch egal, ob ich lerne. Meine Note ist eh mies.“, „Mein Mathebuch? Keine Ahnung. Hab ich zuletzt vor den Weihnachtsferien gesehen, glaube ich.“ – Kommen dir derlei Sätze bekannt vor? Die können auch schon in der Grundschulzeit fallen, aber im Jugendalter werden sie bei vielen Teenies mehr und teilweise Standard. Es gibt so großartige Lehrkräfte, aber leider nicht überall. Und manchmal sind Klassen auch so groß und so fordernd, dass es selbst dem besten Pädagogen oder der motiviertesten Pädagogin schwerfällt, sie für Unterrichtsinhalte oder auch nur minimales Mitarbeiten zu begeistern.

Ist dein Sohn aktuell so ein Fall? Dann kann ich dir sagen: Für Schule ist gerade einfach wenig Platz.Sie gar als Priorität zu setzen, ist wirklich schwierig für ihn. Hinzukommt aber auch eine gewisse Trägheit aus anderem Grund: Erinnerst du dich, wie wild und bewegungsfreudig dein Kind im Schulalter war? Morgens ging es gleich nach dem Aufwachen los mit Springen, Rennen und Schreien.

Diese Energie verschwindet oft, wenn die Pubertätshormone anklopfen. Selbst, wenn dein Sohn einer von den sportlichen sein sollte, der sich noch immer zum Fußballtraining oder zum Mountainbiken aufrafft, wird sich die Trägheit wahrscheinlich an anderer Stelle zeigen. Alles muss irgendwann später passieren, bloß nicht jetzt sofort; du sollst chillen, die Schule soll nicht nerven. Das Bett ist der beste Ort auf der Welt und einen benutzten Teller zur Spüle zu tragen (oder gar in die Spülmaschine einzuräumen), ist eine unzumutbare Kraftanstrengung. Woran liegt das?

Die Ich-Entwicklung braucht gerade alles an Ressourcen, und die tatsächlich voranschreitende geistige Reife sagt deinem Sohn außerdem: „Prüf mal, was überhaupt Sinn macht.“ Ein Kleinkind lässt sich von dir noch locker sagen, dass ihr jetzt gemeinsam zu Fuß heimgehen müsst, weil ihr doch unterwegs die Gänseblümchen zählen wollt. Dein Teenie-Sohn hingegen lässt sich wahrscheinlich kaum noch motivieren, zu Fuß zur Schule zu gehen: „Wieso? Ich hab doch ein Schülerticket und in zwei Minuten kommt der Bus!“

Als Elternteil mag das oft lästig sein, aber aus kognitiver Sicht ist das großartig. Dein Sohn hat eine Meinung! Du machst ja auch nicht stumpf alles mit, sondern bewertest und entscheidest über dein Leben. Das Herausfordernde an der Sache sind die Kategorien, nach denen er entscheidet. Sie sind vermutlich nicht immer nachvollziehbar für dich. Aber trotzdem sind sie legitim. Er muss seinen Weg erst noch finden und bis dahin viele Kategorien ausprobieren.

Mein Merksatz dazu: Dein Sohn geht in erster Linie nicht von der Schule (und anderen Pflichten) weg, sondern zu sich und seiner Persönlichkeit hin. Und das bringt in Sachen Mitmachen, Motivation usw. leider oft einen großen Abfall mit sich.

Und der Tipp dazu:

1. Verstehen, dass es keine faule oder böse Absicht ist.

2. Helfen, Prioritäten zu setzen und dort Minimalkonsense zu finden.

Ach, ich könnte noch so viel sagen, auch zum Schwänzen, zum Umgang mit gefährdeter Versetzung oder bloß dem ewigen Streit um Haushaltstätigkeiten – aber das habe ich alles ins Buch gepackt. Lest doch gern dort weiter.

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