Ihr Lieben, für viele Kinder steht nun bald der Wechsel an die weiterführende Schule an (für meinen Sohn übrigens auch, wie das in Berlin läuft, gibt’s hier nachzulesen). Irinas Sohn Ben hat ADS und eine Realschulempfehlung. Doch die Wunschschule ist schon voll, es gibt einfach zu wenige Plätze für den kinderreichen Jahrgang. Das hat nun zur Folge, dass Irinas Sohn wohl die nächsten Jahre in einer Schulform verbringen muss, die nicht geeignet für ihn ist. Da er ein sehr sensibles Kind ist, macht Irina sich große Sorgen:
Liebe Irina, Ihr habt vier Kinder, beim Ältesten steht nun ein Schulwechsel an. Euer Sohn hat ADS, seit wann wisst ihr das und wie beeinflusst ihn das in der Schule?
Ben ist zunächst auf die Einzugs-Grundschule gegangen, hier werden Klasse 1 und 2 gemeinsam unterrichtet. Dies hat ihm große Schwierigkeiten bereitet. Er äußerte häufig, er wüsste nicht welche Klasse (1 oder 2) angesprochen würde, welches Heft er braucht und sein zugeordneter Pate aus Klasse 2, der ihn unterstützen sollte, sprach kaum Deutsch. Nach vielen schlaflosen Nächten haben wir die Grundschule gewechselt.
Ab Klasse 2 ist er also auf eine einzügige Grundschule gegangen und hatte großes Glück in eine Klasse mit nur 16 Kindern zu kommen. Der Jahrgang war so groß, dass an dieser Schule zum ersten Mal zwei Klassen eröffnet wurden. Dort stellte sich heraus, dass Ben häufig verträumt ist, sich schlecht konzentrieren kann, sich mündlich nicht beteiligt.
Das habe ich zu Hause auch bei den Hausaufgaben gemerkt. Im Vergleich zu seinen Geschwistern benötigt er länger, braucht mehr Unterstützung und ist mit seinen Gedanken immer woanders. Nach langem Warten auf einen Termin bei einer Psychologin begann die Testung und 2024 bekamen wir die Diagnose auf ADS.
Wir haben uns lange gegen Medikamente gewehrt, aber wir kamen irgendwann an den Punkt, an dem Ben nur noch frustriert war. Das erste Medikament brachte allerdings Schlafstörungen als Nebenwirkungen, ein zweites Medikament verträgt er nun besser. Seine Leistungen haben sich deutlich verbessert und auch von Seiten der Schule kam positive Rückmeldung. Er hat keine vier auf seinem Zeugnis der Klasse 4 und strengt sich wirklich sehr an.
Nun steht der Wechsel auf die weiterführende Schule an…
Ja, wir haben uns sehr viele Gedanken darüber gemacht, welche Schulform für Ben die Richtige ist. Wir haben ihn in einem so großen System wie der Gesamtschule nicht gesehen, da er aufgrund seines ADS häufig etwas mehr Orientierung und Anleitung benötigt.
Die Realschule ist hier bei uns im Ort ist die „kleinste“ Schule und liegt 3km entfernt von uns. Ben hat auch eine Realschulempfehlung von seiner Lehrerin erhalten, also waren wir im Februar an der Realschule zum Anmeldegespräch. Der Schulleiter hat ein ausführliches, halbstündiges Gespräch mit uns und Ben geführt. Ihm ist direkt aufgefallen, dass es Ben wohl etwas schwer fällt sich zu konzentrieren. Er sagte, dass Ben an der Schule gut aufgehoben sei und wir haben das Gespräch mit einem sehr positiven Gefühl verlassen.
Letzte Woche kam der Anruf von dem Schulleiter, dass Ben keinen Platz an seiner Schule bekäme – sowie 54 andere Kinder auch nicht. Er erwähnte weiterhin, dass es jedoch eine Schulpflicht gäbe und wir uns kümmern müssen. Für Ben und uns ist an diesem Punkt kurz die Welt zusammengebrochen. Wir haben absolut nicht mit einer Absage gerechnet.
Hast du dann auch schon andere Schulen angeschaut und nach einem Platz gefragt?
An den Tagen der offenen Tür haben wir uns alle Schulen in der Umgebung angesehen, außer einer Schule, auf die Ben auf keinen Fall wollte. Nach der Absage habe ich alle Schulen abtelefoniert und bekam ausschließlich zu hören: „Tut uns leid, wir sind voll.“ Ich bin somit mit den Unterlagen und dem Brief der Absage dann von Schule zu Schule gefahren. Einige Mitarbeiter vor Ort haben mich kaum ausreden lassen, andere Schulleiter haben sich zwar nett Zeit genommen, aber haben mir keine Hoffnung gemacht.
Also bin ich dann zu dieser einen Schule gefahren, auf die Ben ja eigentlich auf keinen Fall wollte. Hier wurde mir ein erneutes Anmeldegespräch angeboten und ich erhielt die Aufforderung die entsprechenden Unterlagen sowie meinen Sohn mitzubringen. Diesen Termin haben wir heute mit Bauchschmerzen wahrgenommen. In der Schule saßen wir zwischen vielen Kindern, die selbst mit Einser Durchschnitt an Gymnasium abgelehnt wurden….
Wie fühlt es sich für euch Eltern an, dass euer Kind also nicht auf die Wunschschule gehen kann, die für ihn ja die Beste wäre?
Es ist erschütternd, dass hier das „Los“ über die Zukunft unseres Kindes entscheidet. Wir sind traurig.
Wie geht es eurem Sohn gerade damit?
Ben fühlt sich abgelehnt. Er tröstet sich damit, dass er nicht das einzige Kind aus seiner Klasse ist. Insgesamt haben aus seiner Klasse von 16 Schüler/innen, 5 keinen Platz an der Wunschschule erhalten.
Und wie geht es jetzt weiter? Wer entscheidet, wohin euer Sohn wechselt?
Derzeit haben wir keine Wahl außer der sechszügigen Gesamtschule. Bei dem Anmeldegespräch wurde uns ein Zettel vorgelegt, den ich unterschreiben sollte. Hier stand drauf, wenn wir an dieser Schule nun keinen Platz erhalten, ob wir dann an die andere Gesamtschule wollen (ja, aber der Punkt wurde gestrichen, da die Schule ja voll ist) oder die Unterlagen zurückerhalten wollen.
Das Los hat entschieden, dass unser Sohn nicht an seine Wunschschule darf, die Kapazitäten entscheiden wohin er nun wechselt.
Wie fühlt ihr euch generell im deutschen Schulsystem aufgehoben?
Ich bin selbst Grundschullehrerin. Ich fände ein System wie in Amerika besser. Alle gehen auf die High school. Ich finde diese frühe Klassifizierung anhand von Noten unangebracht. Noten sind Momentaufnahmen und sagen nichts über das Kind selbst aus. Insgesamt habe ich das Gefühl, das deutsche Schulsystem macht krank. Und zwar Kinder, Eltern und Lehrer/innen.

13 comments
Ich kann die Autorin verstehen…
es geht in diesem Fall wie ich verstanden habe nicht darum, dass das Kind einen Schulplatz an seiner Lieblingsschule (alias ‚Mein Sohn muss auf das Elitegymnasium‘) ergattert, sondern dass die Schulform passend ist. Der Sohn hat eine ADS Diagnose und diese Kinder kommen meistens mit ‚klaren Strukturen‘ besser klar als mit offeneren Systemen, die Gesamtschulen meistens eher haben.
Alles Gute!
Ich finde es ebenfalls sehr befremdlich, sich mit Hilfe eines Rechtsanwalts also Druckmitteln Zugang zu der vermeintlichen Wunschschule zu verschaffen. Es wurde dann zwar beschwichtigend von der Kommentatorin angeführt, dass auch die anderen Kinder dadurch nachträglich auf die Klassen verteilt wurden, aber wo bleibt dann da der Sinn? Dann sind die Klassen auf der Wunschschule ja auch ziemlich groß!
Außerdem würde ich meinen, dass wenn man so anspruchseinfordernd startet, man direkt bei der Schulleitung / Lehrerschaft versch…en hat. Sollten da in der Schullaufbahn für das Kind Probleme auftreten, ist die Motivation seitens der Schule sicher nicht die größte. Oder will man dann wieder Klagen? z.B. gegen schlechte Noten, Wahlfach nicht bekommen usw.
Generell noch zur Wunschschule: auch an der vermeintlich tollen Schule kann es für das Kind blöd laufen z.B. eine Klassenleitung, mit der das Kind nicht klar kommt, wenige MitschülerInnen, die den ganzen Unterricht sprengen, schlechte Klassengemeinschaft, Mobbing….Das alles kann man vorher nicht absehen und gehört leider auch zum Leben der Kinder dazu.
@Kommentare: Ich weiß nicht. So sehr ich verstehen kann, dass man sich für sein Kind die (vermeintlich?) ideale Wunschschule wünscht, so befremdlich empfinde ich es, wenn die Schule schon mit Rechtsanwalt startet um etwas zu erzwingen, worauf man im Grunde kein verbrieftes Recht hat und mit anderen da auch im gleichen Boot sitzt. Man fordert eine Wunscherfüllung und da liegt für mich die Diskrepanz, Wünsche lassen sich nicht einfordern.
Und kann man im Vorfeld wirklich immer so genau wissen, welches die ideale Schule ist?
@die andere S: grundsätzlich stimme ich dir zu, zumindest in einer idealen Welt, in der sich alle an die Regeln halten. Es gibt für mich ein großes Aber: man sitzt offensichtlich nicht mit allen anderen in einem Boot. Meine eigene Erfahrung aus dem Umfeld und auch die Rückmeldung des Anwalts (und seine Erfolgsquote) zeigen, dass es scheinbar fast immer Kinder gibt, bei denen die Regeln für alle nicht gelten (Stichwort Vitamin B) und diese Kinder erhalten dann Plätze, die andere Kinder eben nicht bekommen. Prinzipiell lässt man vom Anwalt auch nur überprüfen, dass alles rechtens abgelaufen ist und sollte dies nicht der Fall sein, darf man aus meiner Sicht durchaus etwas dagegen tun. Wenn die Kita/Schule sich korrekt verhalten hat, wird der Anwalt nichts bewirken.
Was die Frage nach der „idealen“ Schule betrifft, gibt es schon ein paar objektive Kriterien wie im Text genannt (kurze Wege, wenig Klassen/Schüler, etc.), die die Schule für Eltern und Kind attraktiver machen als eine große Schule am anderen Ende der Stadt…
@Anne: ich verstehe den Ansatz. Aber wenn der Anwalt ja lediglich einen Formfehler aufdeckt und man dadurch doch noch einen Platz bekommt, dann sicherlich alle anderen, deren Wunschschule es war, auch? War ja dann für alle ungerecht?
@die andere S: das kann ich leider nicht beantworten, weil sich das Problem bei uns schon nach dem Vorgespräch gelöst hat. Zur tatsächlichen Akteneinsicht kam es gar nicht.
@Anne: Ihr wisst also gar nicht, ob es wirklich unfair zugegangen ist, weil es gereicht hat mit dem Rechtsanwaltsschreiben zu wedeln, beziehungsweise zu drohen um Euer „Problem“ zu lösen? Und das unterscheidet Euch jetzt in welcher Hinsicht von den Leuten mit dem Vitamin B? Wie gesagt, ich verstehe das Anliegen, aber die Handlung und auch die Anspruchshaltung kommen mir doch fragwürdig vor
Danke! Genau mein Empfinden!
Wir wissen, dass Kinder aufgenommen wurden, deren Eltern Beziehungen haben, unabhängig vom regulären Auswahlverfahren (weil diese Eltern nicht sehr diskret waren). Deswegen wollten wir das Auswahlverfahren rechtlich überprüfen lassen. Diese Überprüfung war aber direkt nicht gewünscht.
Ich finde es etwas unfair, von einem „Wedeln mit dem Rechtsanwaltsschreiben“ zu sprechen, wenn wir nur unser gutes Recht in Abspruch nehmen, wohingegen die Schule/Kita sich nicht rechtens verhalten hat und deswegen eine Überprüfung vermeiden wollte und von sich aus sehr an einer anderen Lösung interessiert war. Alle Eltern, die von ihren Rechtsmitteln Gebrauch machen, sollten das auch dürfen, denn dafür sind die Rechtsmittel da! Und wenn alles ordentlich gelaufen ist, hat keine Schule/Kita ein Problem. Wenn es nicht ordnungsgemäß gelaufen ist, ist es gut, dass jemand unabhängiges das Verfahren überprüft hat. Warum man den Kitas/Schule blind vertrauen sollte, erschließt sich mir zumindest nicht. Ich höre an allen Ecken und Enden vom Sportverein, Schwimmkurs etc. bis zur Kita/Schule wie begehrte Plätze unter der Hand vergeben werden. Warum sollte man das hinnehmen, an den Stellen, wo man sich auch wehren kann?
Mittlerweile wird alles nur noch eingefordert. Ich kann dieses Wunsch und Anspruchsdenken nicht mehr nachvollziehen. Ich bin Jahrgang 1975. Ich wurde nie so gepampert von meinen Eltern. Ich kam nicht auf meine Wunschschule. Ich war ziemlich früh auf mich gestellt. Und es hat mich fürs Leben stark gemacht. Es wird hier eine Generation von Kindern geben die komplett unfähig und unselbständig ins Leben losgelassen werden. Gepampert von Helikoptermüttern. Wenn ich schon die ganzen Berichte von Schulverwrigerung etc lese. Was ist denn mal mit diesen Kindern in der Berufswelt? Das Leben ist kein Ponyhof und jeder hat in der Gesellschaft seinen Beitrag zu leisten
Aus ihren persönlichen vergangenen Erfahrungen und Meinungen auf die Persönlichkeit von Kindern und Eltern von heute zu schließen ist sehr herablassend. Könnten sie ihre Meinung wenigstens mit einer wissenschaftlichen Studie belegen?
Trösten Sie sich einfach damit, dass Sie in ca. 16 Jahren in Rente gehen und diese Kinder ihnen im Berufsleben nicht mehr begegnen werden.
Ich kann den Tipp mit dem Anwalt nur bestätigen. Versucht euch so gut es geht gegen die Entscheidung zu wehren!
Wir hatten ein super Vorgespräch mit einem Fachanwalt für Kita- und Schulrecht, der uns zugesichert hat, dass er den gewünschten Platz in 95 % der Fälle auch bekommt. Die restlichen 5 % seien Fälle, in denen Eltern leider Fristen verstreichen lassen und sich zu spät bei ihm melden. Er hat uns gesagt, dass seiner Erfahrungen nach immer irgendwelche Kinder aus verschiedenen Gründen außerhalb des Los-Verfahrens aufgenommen werden, was das Verfahren ungültig macht und er kann Einsicht in das Verfahren nehmen. In unserem Fall war der besagte Anwalt in der Stadt schon so bekannt, dass wir den Wunschplatz bekommen haben als bekannt wurde, dass wir uns diesen Anwalt nehmen werden. Tatsächlich beauftragen mussten wir ihn gar nicht und haben nur das Erstgespräch bezahlt. Vielleicht habt ihr auch eine Rechtsschutz? Euch in jedem Fall viel Erfolg und alles Gute für euren Sohn!
Liebe Autorin,
das tut mir leid, und den Fall hatten wir auch. Unser Kin wurde von der weiterführenden Schule abgelehnt aufgrund zuvieler Anmeldungen. Das ging mehreren anderen Kindern aus unserem Umfeld auch so. Wir wohnen ca. 5 Fußminuten entfernt.
Nach kurzer Überlegung und einem Tipp aus der Elternschaft haben wir einen Anwalt eingeschaltet, der sich auf Schulrecht spezialisiert hat. Er hat es tatsächlich geschafft, uns nachträglich einen Platz zu sichern. Die Anwälte haben dann Einsicht in das Losverfahren und können auch Fehler aufdecken, zum Beispiel, wenn nach der Loswahl noch Kinder aufgenommen wurden, was entsprechend das Losverfahren unwirksam macht. Kostet alles Geld, aber uns hat es gelogen und war uns den Weg wert, der Anwalt war sehr kompetent und kennt die Abläufe seit Jahren. Die anderen Kinder sind übrigens dann auch noch nachträglich aufgenommen und auf die Klassen verteilt.
Wenn du mehr Fragen hast. melde dich gern.