Ihr Lieben, als ich die 37 Grad-Doku „Kein Kind der Liebe“ (die Sendung wird am 15.06. um 23:55 auf 3Sat wiederholt) sah, habe ich Protagonistin Ulrike Dierkes sofort angeschrieben. Ich hatte von ihrer Geschichte schon einmal in einem anderen Kontext gehört, sie hatte auch das Buch Schwestermutter: Ich bin ein Inzestkind. Eine wahre Geschichte geschrieben. Nun schrieb ich ihr, wie sehr mir ihr Umgang mit der Familiengeschichte imponierte und fragte sie nach einem Interview, das wir nun wirklich führen durften.
Triggerwarnung: Es geht um sexualisierte Gewalt innerhalb der Familie. Schau dass du den Text nur liest, wenn du dich bereit dazu fühlst oder jemanden an deiner Seite hast, der oder die dich unterstützen kann.
Liebe Ulrike, wenn du an die ersten 11 Jahre deiner Kindheit denkst, was siehst du da vor deinem inneren Auge?
Ich war ein fröhliches Kind. Wir hatten ein schönes Haus mit einem großen Garten, in dem alles wuchs. Als Kind hielt ich mich gerne in diesem Garten und in der Natur auf. Mein Vater war mal da und mal wieder weg. Damals konnte man noch auf den Straßen spielen. Als ich in den Kindergarten ging und wenn ich draußen spielte hörte ich Bezeichnungen wie „Bastard“ und „Blutschande“. Manche Kinder durften nicht mit mir spielen. Das fand ich schade. Ich verstand es nicht.
Du hast mit 11 Jahren erfahren, was dein Vater deiner Schwester angetan hat, wer hat dir das erzählt und erinnerst du dich dran, welche Gefühle das in dir ausgelöst hat?
Einen Tag bevor mein Vater nach Hause kam, rief mich die Frau, die ich für meine Mutter hielt, zu sich. Sie sagte mir wörtlich: „Morgen kommt Vati zurück, aber er kommt nicht aus dem Krankenhaus, sondern aus dem Gefängnis. Er hat deiner Schwester ein Kind gemacht und dieses Kind bist du. Für eine Abtreibung war es zu spät. In dir sah ich immer das Kind der Sünde meines Mannes.“
Ich verstand gar nichts, nur dass diese Sätze nichts Gutes hießen. Ich war sexuell nicht aufgeklärt, war aber verletzt und schockiert.
Zu wem hattest du bis dahin „Mama“ gesagt?
Zu der Frau meines Vaters, die ich für meine Mutter hielt.
Diese Frau, also die Mutter deiner leiblichen Mutter, wusste vom Missbrauch innerhalb der Familie, richtig?
Ja. Sie hatte sich an den katholischen Dorfpfarrer gewandt und sich über die sexuellen Übergriffe ihres Mannes auf ihre Tochter beschwert, er hatte ihr geraten, sie solle schweigen und beten, dass „es“ vorüber gehe.
Deine Mutter war also nur 13 Jahre älter als du und eben eigentlich deine große Halbschwester, die Missbrauch durch den Vater erfahren hat. Wie war euer Verhältnis zueinander?
Da ich nicht wusste, dass sie meine Mutter ist, war sie bei mir als Schwester abgespeichert und so hab ich sie auch erlebt. Unser Verhältnis war schwesterlich, aber ich spürte, da war mehr.
Dein Vater war auch zweimal im Gefängnis wegen seiner Taten, ist er auch dir gegenüber übergriffig geworden?
Da er zweimal wegen sexuellen Kindesmissbrauchs im Gefängnis war, kann er mich in diesen Jahren nicht missbraucht haben. Aber sexueller Missbrauch ist ja nicht auf körperliche Übergriffe begrenzt, sondern geht mit Manipulation und Machtmissbrauch einher. Seine Ehefrau, also meine vermeintliche Mutter, stand ihm in nichts nach. Sie war eine Co-Täterin, die während seiner Abwesenheit sein System erhielt.
Wie wurde innerhalb eurer Familie darüber gesprochen, wenn er im Gefängnis war?
Es wurde nicht gesagt, dass mein Vater ein Verbrecher ist und im Gefängnis sitzt. Es wurde meiner leiblichen Mutter die Schuld gegeben. Sie wurde von ihrer eigenen Mutter als Hure bezeichnet, die sich mit dem Vater eingelassen hätte und mit ihrem Schweigen die Familie ins Unglück gestürzt hätte.
Wie war die Stimmung bei euch im Dorf dir als „Inzestkind“ und deiner gegenüber?
Die Stimmung im Dorf war aufgebracht gegen meinen Vater, der im Gefängnis saß, die Ächtung entlud sich aber gegen uns als seine Familie. Es wurde getuschelt. Jeder Gang durch das Dorf war ein Spießrutenlauf.
Wie ging es dann weiter mit eurer Familie?
Als mein Vater das zweite Mal aus dem Gefängnis nach Hause kam, holte mich meine leibliche Mutter zu sich nach Berlin. Aufgrund der jahrelangen emotionalen Manipulationen im Elternhaus war es für uns beide sehr schwierig. Wir hatten völlig falsche Erwartungen aneinander. Ich wollte sie als Mutter, konnte ihre Erwartungen aber nicht erfüllen.
Als sie einen Mann kennenlernte, gab sie mich ihm gegenüber erst als kleine Schwester aus, was ich nicht akzeptierte. Als er erfuhr, dass ich ihr Kind, noch dazu vom eigenen Vater bin, sollte ich in ein Internat. Tiefenttäuscht ging ich ins Elternhaus zu meinem Vater zurück. Ich blieb in diesem Elternhaus, bis ich 18 war.
Du hast später selbst Kinder gekriegt, wie war und ist es für dich, selbst Mutter zu sein?
Als Mutter eigener Kinder eröffnen sich einem ganz neue Gefühlwelten und Sichtweisen, besonders auch auf Missbrauchserlebnisse im Elternhaus. Als ich erfuhr, dass mein Vater trotz zweier Gefängnisstrafen neue Opfer hatte, entschied ich, dass er niemals Kontakt zu meinen Kindern haben sollte. Er starb ein halbes Jahr nach seiner Ehefrau ohne meine Kinder in zweiter Ehe kennengelernt zu haben.
Du hast dann 1996 den Verein M.E.L.I.N.A. e.V. gegründet, damit sich andere Betroffene nicht ganz so allein fühlen wie du damals?

Richtig. Das Alleingelassensein zwischen einem Opfer und einem Täter war schrecklich. Alle redeten „über“ mich, aber nicht „mit“ mir. Egal was ich tat, jeder wusste, was falsch war, aber keiner konnte mir sagen, was richtig war. Durch meinen Beruf traf ich Fachleute, Frauen, Kinderschützer, hatte Kontakt zum Weissen Ring, absolvierte viele Fachseminare, die mich weiterbrachten.
2008 wurde dir das Bundesverdienstkreuz verliehen, was hat dir das bedeutet?
Es hat mir gezeigt, dass meine Arbeit und mein Weg, meine Bücher und meine TV-Beiträge Erfolg und Anerkennung fanden. So viele positive Rückmeldungen kannte ich bis dahin in meinem Leben nicht.
Nun wurde eine 37 Grad Doku im ZDF über dich ausgestrahlt, welche Reaktionen bekommst du darauf?
Der ZDF-Beitrag 37° löste eine überwältigend positive Welle an Rückmeldungen aus. Betroffene teilen mir bis zum heutigen Tag mit, dass mein Beitrag ihnen geholfen hat. Nichtbetroffene reagieren empört gegen Täter und zugunsten der Betroffenen.
Schon am nächsten Tag hatte das ZDF-Kurzvideo mit meinen Aussagen 11.800. Abrufe, 826 Kommentare, das Video war 399mal geteilt worden. Über das Mailfach meines Vereins M.E.L.I.N.A e.V. kamen etliche Anfragen.
Hättest du damit gerechnet, irgendwann mal an dieser Stelle in deinem Leben zu stehen?
Ich hatte es mir gewünscht. Schon ab meinem 11. Lebensjahr, als ich erfahren hatte, dass meine Schwester meine Mutter war, wünschte ich uns, dass die abfälligen Aussagen über uns Betroffene korrigiert werden würden. Es konnte so nicht sein.
Zu guter Letzt: Das Leben ist ein Geschenk. Kein Kind kann sich aussuchen, unter welchen Umständen es das Licht der Welt erblickt. Kein Mensch kann sich sein Schicksal aussuchen. Vor dem Gesetz und vor Gott ist jeder Mensch gleich. Lasst euch eure Daseinsberechtigung und eure Rechte von niemandem abschwatzen. Steht zu euch. Steht auf und verlasst destruktive Familienstrukturen. Hört niemals auf, für euch selbst zu kämpfen. Holt euch Hilfe dazu. Jeder Mensch hat das Recht auf Glück. „Ob man das Leben weinend oder lachend verbringt: es hat die gleiche Länge.“ (Konfuzius)

12 comments
Ich freue mich sehr über deine Worte, die sehr stark klingen, auch wenn es heute wahrscheinlich nicht leicht ist für dich.
Toll, dass du versuchst, anderen Menschen zu helfen, wie du selbst Hilfe gebraucht hättest.
Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Glück im Leben!
Herzlichen Dank!
Ich schließe mich an und ziehe meinen Hut. Alles erdenklich Gute!
Herzlichen Dank!
Herzlichen Dank für die Rückmeldung!
Ich bin auch sehr beeindruckt von deinem Werdegang, deinem Engagement und wünsche dir alles Gute für deine Arbeit, deine Ziele und dein persönliches Glück!
Ein sehr interessantes und inspirierendes Interview! Danke!
Herzlichen Dank für die liebevolle Rückmeldung!
Auch von mir Respekt für diesen Werdegang! Du klingst nach einer bodenständigen, engagierten und hilfsbereiten Frau! Das ist wirklich alles andere als selbstverständlich, wenn man solch eine Kindheit hinter sich hat. Danke für das Interview!
Herzlichen Dank!
Das ist sehr schwer zu lesen. Was für eine beeindruckende Frau, die sich selbst befreit hat und soviel für den Opferschutz getan hat. Chapeau.
Herzlichen Dank!
Wie beeindruckend, dass du dich da so heraus gekämpft hast und nun sicherlich vielen Menschen Mut mit deiner Geschichte machst.
Von Herzen alles Gute für Dich!