Ihr Lieben, Bettina und ihre Familie fuhren im Sommer vor acht Jahren grad von Österreich nach Deutschland zurück, als sie in einen Verkehrsunfall gerieten. Wie durch ein Wunder passierte ihnen nichts, doch nicht alle Beteiligten hatten so viel Glück. Wie sie als Familie mit dem Erlebten umgehen, erzählt Bettina hier.
Liebe Bettina, ihr hattet einen Verkehrsunfall, wie lang ist das her und wer saß alles mit im Auto?
Ja, der Unfall passierte am 28.07.2018. Meine ganze Familie war an Bord: Mein Mann, unsere beiden Töchter, die damals 4 und fast 6 Jahre alt waren und unser Hundewelpe „Happy“.
War das bis dahin ein ganz normaler Tag für euch gewesen? Wo kamt ihr her, wo wolltet ihr hin?
Wir waren auf dem Heimweg von Österreich nach Hause, auf dem Weg Richtung Köln/Bonn.
Wie erinnerst du dich dann daran, dass du merktest: Hier stimmt was nicht?
Wir waren auf der Autobahn und es passierte blitzschnell. Mein Mann saß am Steuer, vor uns wurden die Autos langsamer, er sagte noch: „Was will der denn, der ist ja viel zu schnell!“
Welche Erinnerungen hast du an die Minuten direkt danach?
Die Insassen in dem Gefährt rechts neben uns stiegen nicht aus und Auto es fing gleich darauf Feuer. Mein Mann stieg aus und rannte los. Das blaue Auto, das so schnell gewesen war, fuhr auf das Auto rechts neben uns auf, überschlug sich und kam dann vor unserem Auto zum Stehen. Mein Mann wollte diesen Menschen helfen.
Es kamen auch schnell weitere Hilfskräfte hinzu. In dem blauen Auto waren zwei ältere Damen (ich glaube Schwestern), die eine war noch bei Bewusstsein die andere ohnmächtig. Es kam auch noch ein Mann aus einem LKW, der einen Feuerlöscher dabei hatte, um die Flammen aus dem Auto rechts neben uns zu löschen. Das ging so schnell mit dem Feuer und es war auch sooo extrem heiß, daran erinnere ich mich noch.
Ein anderes Auto hatte auch noch Feuer gefangen, da versuchten die Menschen. noch Dinge aus ihrem Auto zu holen. Die Einsatzkräfte waren gefühlt sehr schnell vor Ort. Mein Mann ging dann auch zur Seite und da klappte dann auch sein Kreislauf zusammen. Ich saß die ganze Zeit mit den Kindern im Auto. Zog ihnen glaub ich eine Jacke über den Kopf, damit sie nicht alles sehen mussten. Sie weinten und kuschelten mit dem Hund.
Wie ging es für euch von dort aus dann weiter? Kamt ihr zur Überwachung ins Krankenhaus?
Wir wurden von einem Polizisten befragt und durften danach weiterfahren. Wir waren alle unversehrt und auch unser Auto hatte keinen einzigen Kratzer!
Wie habt ihr als Familie das gemacht, habt ihr euch einfach ganz viel gedrückt? Ganz viel gesprochen?
Wir haben an der nächsten Parkplatz noch einmal angehalten und geredet. Es war auch schon spät geworden. Die Kinder hatten sich beruhigt und wollten schlafen. Mein Mann wollte nach Hause, also sind wir dann irgendwann weitergefahren.
Wie und wann habt ihr erfahren, dass zwei Menschen den Unfall nicht überlebt haben?
Am nächsten Tag erfuhren wir aus den Nachrichten, was geschehen war. In dem Auto neben uns waren eine Mutter und ihre Tochter verbrannt. Wer mehr Details über den Unfall erfahren möchte, kann diesen Artikel dazu lesen.
Was ging euch da zunächst durch den Kopf?
Uns wurde erst nach und nach bewusst, was für ein unglaubliches Glück wir hatten. Die Chancen waren im Prinzip 50:50. Es hätte auch uns treffen können. Wie unglaublich schrecklich für die Hinterbliebenen.
Einige Zeit später erfuhren wir wieder aus den Medien, dass eine der beiden Damen aus dem blauen Auto ebenfalls später an den Folgen des Unfalls verstorben ist.
Und langfristig: Denkt ihr noch viel dran? Hat euch dieser Tag verändert? Denkt ihr manchmal „Was wäre wenn“?
Im Prinzip denken wir jedes mal daran, wenn wir an der Stelle vorbeifahren: Ich komme gebürtig aus Linz in Österreich und wir fahren zweimal im Jahr dorthin. Aber auch immer, wenn sich der Unfall jährt, am Jahrestag. An dem Tag hat auch der Cousin meines Mannes Geburtstag und wir hatten ihm kurz vor dem Unfall noch ein Video gesungen und ihm zum Geburtstag gratuliert…
Mit dem „Was wäre wenn…“ haben wir uns am meisten an den Tagen nach dem Unfall beschäftigt. Das kam dann nochmal bei der Gerichtsverhandlung in uns hoch, zu der wir später vorgeladen wurden. Eine Art „Überlebensschuld“ spüren wir nicht, der vorwiegende Gedanke ist ehe: Was für ein unglaubliches Glück wir hatten…
Ist bei euch etwas geblieben seither? Dass ihr immer sehr vorsichtig fahrt etwa?
Eigentlich ist „nur“ das mulmige Gefühl geblieben, wenn wir an der Stelle vorbeifahren. Wir halten dann immer eine kurze Gedenkminute… mal sagt mein Mann was an der Stelle, mal ich… Meist beginnt es mit: „Weißt du noch… „
Gab es auch etwas Positives, das ihr aus all dem mitnehmen konntet?
Gerade jetzt – ehrlich gesagt – große Dankbarkeit, dass es nicht uns getroffen hat und wir unsere Kinder beim Großwerden begleiten dürfen (obwohl uns das Teenie-Alter doch sehr fordert!), unser Leben weiter genießen können und es uns gut geht!


3 comments
Ich kann mich noch gut an eine ähnliche Situation erinnern. Ich muss in der Oberstufe gewesen sein und kam mit einer Freundin aus einem Last-Minute Urlaub. Der Flieger war in Saarbrücken gelandet und meine Eltern haben uns dort vom Flughafen abgeholt und wir hatten noch ca 2 h Heimreise.
Es war dunkel und plötzlich war die ganze Autobahn vor uns mit Wrackteilen übersäht. Mein Vater konnte ausweichen, auf einer der Spuren lag ein Auto auf dem Dach.
Mein Vater ist rechts ran gefahren und zurück gelaufen (er ist Arzt). Ich bin auch raus und hinterher. Meine Freundin und meine Mutter blieben im Auto.
Es war schrecklich, wir konnten nicht helfen, die Türen des Autos waren verklemmt. Einer im Auto hat die ganze Zeit geschrien und einen Namen gerufen. Die Autobahn voll mit Autoteilen, Splittern, CDs etc.
Ich weiß nicht wie lange wir versucht haben die Menschen zu befreien. Ich weiß nicht mal mehr ob es mir lang oder kurz vorkam.
Auf jeden Fall kam dann Krankenwagen, Feuerwehr, Polizei usw. und haben sich gekümmert.
Wir haben uns dann zurückgezogen und sind weitergefahren.
Am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass die 4 Jugendlichen in dem Fahrzeug alle nicht überlebt haben. Teilweise nicht angeschnallt waren.
Ich weiß noch, wie es roch, der Geruch von kaputter Elektronik, Benzin und der metallische Geruch von dem ich heute vermute, dass es Blut war.
Rückblickend kann ich sagen, es hat mich traumatisiert und ich hätte mir wahrscheinlich Hilfe holen sollen.
Ich hab es verdrängt und wollte nicht drüber sprechen, konnte es auch gar nicht. Weder mit meinen Eltern noch sonst wem.
Erst 10 Jahre später mit meinem jetzigen Mann konnte ich drüber sprechen und dieses komische Gefühl (etwas zwischen Beklemmung, trockenem Mund und krassen Heiß-Kalt-Wellen zu bekommen)
Inzwischen ist das Ganze fast 30 Jahre her. Ich glaube aufgeschrieben habe ich es noch nie. Aber es fühlt sich ok an, nichts außer leichter Gänsehaut.
Unterschätzt so was bitte nicht, gut dass du versucht hast die Kinder davon fern zu halten. Aber das macht was mit einem und deinem Mann und auch dir tut psychologischer Beistand vielleicht gut.
Man kann so ein Trauma auch allein überwinden, so wie bei mir, aber muss man vielleicht auch nicht.
Alles Gute für euch!
@SannileinX: ich stimme Dir absolut zu, dass es sinnvoll sein kann, sich bei der Verarbeitung Unterstützung zu holen. Vor Ort kann dies oft durch ein Kriseninterventionsteam geschehen, dass zumindest bei uns regional immer von den Rettungskräften oder der Leitstelle mit dazu geholt werden kann.
Ich habe da als Feuerwehrfrau sehr gute und hilfreiche Erfahrungen gemacht. Und ich schätze diese ebenso empathischen wie sachlichen Menschen/KameradInnen sehr.
Die von Euch geschilderten Szenarion sind wirklich erschütternd. Das sind sie auch für uns Einsatzkräfte, aber wir haben etwas mehr Vorlaufzeit durch Alarmierung, Rüstzeit, Anfahrt, uns gedanklich einzustellen. Das ist dann schon ein klein wenig anders, als wenn man vielleicht sogar als Unfallbeteiligter,völlig überraschend in die Situation geworfen wird.
Was ich zur Akutsituation sagen kann: sichern, auch sich selbst, Rettung rufen, gegebenenfalls erste Hilfe leisten. Versuchen etwas zu tun, sich beschäftigt zu halten kann bei der Verarbeitung hilfreich sein, weil dann die Situation retrospektiv meist als weniger hilflos und belastend empfunden wird. Sicher kann Lisa da auch etwas zu sagen als ausgebildete Seelsorgerin.
Vielen Dank für den eindringlichen Bericht, der zeigt, wie schnell alles anders oder eben auch vorbei sein kann. Gerade in dem Zusammenhang kommt mir der letzte Satz zu fordernden Teenagern seltsam deplatziert vor.