Hannah Stiftung: Gegründet nach dem Mord an meiner Schwester

Hannah Stiftung

Ihr Lieben, der „Fall Hannah“ sorgte im Jahr 2007 bundesweit für Schlagzeilen. Auf der Website der Hannah Stiftung gegen sexualisierte Gewalt, die Hannahs Vater nach der Katastrophe gründete und die nun Hannahs Schwestern Linda und Jana übernommen haben, heißt es zur Geschichte:

„Hannah, ein kraftvolles und selbstbewusstes, lebenshungriges und fröhliches Mädchen, feiert am 10.03.2007 ihren vierzehnten Geburtstag. Wenige Monate später wird sie am 29.08.2007 um 20:30 Uhr von einer 25- jährigen männlichen Person mit einem Messer feige überwältigt, gefesselt und geknebelt, über Stunden festgehalten, vergewaltigt und kurz nach Mitternacht brutal durch Messerstiche ermordet.

Nach diesem extremen Machtexzess melden sich mehr und mehr Opfer von Gewalt, Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen bei uns, also der Familie und Freunden, um über ihre anhaltende Not und das dauerhafte Leid durch das Erlebte zu berichten. Dies und zweieinhalb Jahrzehnte berufliche Erfahrung mit den Auswirkungen von Gewalt und Missbrauch in der Behindertenarbeit löste den Impuls zur Gründung der Hannah-Stiftung aus. Denn die Ausübung von menschenverachtender Gewalt, Macht und sexuellen Übergriffen zumeist durch Männer, ist erschreckende, alltägliche Wirklichkeit.

Hannah Stiftung gegen sexuelle Gewalt

Die Hannah-Stiftung gegen sexuelle Gewalt trägt dieses Thema dauerhaft in das öffentliche Bewusstsein, und fördert Maßnahmen zur Prävention von Gewalt und unterstützt spezifische Einrichtungen, die Hilfen für Opfer von Gewalt und sexueller Gewalt anbieten.

Der „Fall Hannah“ und wie die Notfallseelsorge nach der schrecklichen Tat unterstützen konnte, ist Teil meines neues Buches „Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war“ geworden. Im Rahmen einer kleinen Feier für alle ProtagonistInnen und Beteiligten, die (oder deren Verwandte) im Buch vorkommen, lernte ich Linda, Hannahs Schwester, kennen und irgendwie hat es sofort Klick gemacht. Nun führt sie zusammen mit ihrer Schwester die Stiftung weiter und erzählt uns ein bisschen zu ihrer wichtigen Aufgabe für die Gesellschaft.

Hannah Stiftung

Liebe Linda, du hast, als du jugendlich warst, deine kleine Schwester Hannah durch ein Gewaltverbrechen verloren, sie war 14 Jahre alt. Teilst du dein Leben auch heute noch in ein Vorher und ein Nachher ein?

Definitiv ja! Diese Einteilung ist nicht immer präsent, aber es gibt viele Momente in denen ich merke, dass mein Leben und meine Jugend doch so anders verlaufen sind, als bei vielen meiner Freunde und Bekannten.

Ich musste mich seit meinem 18. Lebensjahr mit Traumatherapie, Tod, Trauer und einer vorerst völlig verwirbelten Familie, in der jeder unterschiedlich mit dem Tod von Hannah umgegangen ist, auseinandersetzen. Vor Hannahs Tod war mein Leben durchweg (bis auf die normalen Schwierigkeiten in der Jugend) leicht und unbeschwert. Ich habe mir über wenige Dinge große Gedanken gemacht oder über einen tieferen Sinn des Lebens nachgedacht.

Heutzutage würde ich fast sagen, der Tod von Hannah und all die Themen, mit denen ich mich so früh beschäftigt haben, haben mir einen ganz anderen Tiefgang gegeben. Also würde ich diese Einteilung in Vorher und Nachher nicht nur als negativ beschreiben.

hannahmord

Heute bist du erwachsen und selbst zweifache Mama, wie würdest du sagen, verlief dein Weg deer Verarbeitung? Wie hast du das überlebt?

Ich glaube es waren die vielen besonderen Menschen um uns herum, die mich getragen haben und von denen die meisten nach wie vor in meinem Leben sind. Sicherlich aber auch eine tiefe Resilienz, die ich aufgrund meiner schönen Kindheit habe. 

In erster Linie waren es meine Eltern und meine Schwester, die trotz all der Trauer und der unterschiedlichen Arten, mit Trauer umzugehen, mich und meine Bedürfnisse als Jugendliche dennoch gesehen haben.

Es waren meine Freunde die nicht die Straßenseite gewechselt haben, wenn sie mich gesehen haben, sondern die da waren – zugehört haben, mit geweint haben und besonders schwierige Tage mit getragen haben. Bis heute!

Es war Albi Roebke (unser damaliger Notfallseelsorger und heutiger Freund der Familie), der uns vor einigen Klippen gewarnt hat, Situationen und Reaktionen immer wieder erklärt hat, Kontakte zu z.B. Therapeuten hergestellt hat und bis heute Ansprechpartner in schwierigen Situationen meines Lebens geblieben ist.

Es war meine Therapeutin, die mit mir über viele Jahre hart an all den teilweise riesigen Hürden in meinem Alltag nach Hannahs Tod gearbeitet hat, mir Dinge medizinisch erklären konnte, lange das EMDR-Verfahren gemacht hat und mir immer beratend zur Seite stand.

Es war unser damaliger Opferschutzbeauftragter der Polizei, der uns vor Medien schützte, Dinge klar aber einfühlsam benannt hat und uns beratend zur Seite gestanden hat.

Dein Vater Volker hat direkt nach dem Auffinden deiner Schwester (sie war zuvor einige Tage als vermisst gemeldet) den Satz gesagt: „Auf diesem Misthaufen sollen Blumen wachsen“. Und rief die Hannah Stiftung gegen sexualisierte Gewalt ins Leben. Worum ging es ihm dabei?

Papa ist in seinem Leben vor allem im beruflichen Kontext viel mit sexueller Gewalt in Kontakt gekommen. Ich glaube nach Hannahs Tod wollte er endlich handeln und helfen können.

Er hat 2008 die Hannah-Stiftung gegen sexuelle Gewalt gegründet. Ziel der Stiftung war es Betroffene von sexueller Gewalt und deren Angehörige zu unterstützen. Zum Beispiel durch ein neues Bett (weil im alten der Missbrauch stattgefunden hat), einer tiergestützen Therapie oder auch einer regulären Traumatherapie. 

Papas Herzensprojekt war aber seit Beginn die Prävention und das Präventionstheater „Mein Körper gehört mir“ in Kooperation mit der Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt in Bonn, dem Kinderschutzbund, der Polizei und der Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück.

Dabei geht es darum, Kindern im Grundschulalter zu vermitteln, dass ihr Körper nur ihnen gehört. Kinder werden befähigt zu erkennen, wenn Grenzen überschritten werden und es werden ihnen Möglichkeiten aufgezeigt, sich Hilfe zu holen. Sie lernen auf sich und ihren Körper – das „Ja- oder Nein Gefühl“ zu Vertrauen. Zudem werden Eltern aber auch LehrerInnen geschult.

Nun ist dein Papa im letzten Jahr verstorben. Jetzt führst du zusammen mit deiner Schwester die Stiftung weiter, wie klappt die Zusammenarbeit?

Wir mussten uns zunächst in dieser neuen Rolle finden bzw. sind noch immer dabei. Ich habe bereits seit einigen Jahren mit Papa zusammen gearbeitet, habe ihn zu Veranstaltungen begleitet. Der administrative Teil war aber komplett seine Aufgabe. Wir haben uns einige Bereiche aufgeteilt um direkte Ansprechpartner zu haben. So ist Jana zum Beispiel für die Homepage und ich eher für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Welche gemeinsamen Ziele habt ihr euch gesetzt?

Für uns beide stand direkt fest, dass wir Papas Herzensprojekt weiter verfolgen wollen. Das Thema Missbrauch ist nach wie vor so verbreitet und dennoch so ein enormes Tabu, aber auch ein angstbehaftetes Thema. Ich bin selber Mama und bin daher so froh, dass es qualifizierte Menschen gibt, die sich dieser Thematik angenommen haben.

Es ist so wichtig, unsere Kinder vor Übergriffen zu schützen und ihnen angstfrei zu vermitteln, auf ihre Gefühle zu hören, zu wissen, dass sie niemand schlagen darf. Wenn dieses Projekt noch größer wird, können wir noch mehr Kinder empowern und Erwachsenen die Angst vor diesem wichtigen Thema nehmen.

Linda Wiedeck

Wie groß sind die Fußstapfen, in die ihr tretet?

Riesig! Mir wird jetzt erst bewusst, was Papa da aufgebaut hat, wie viel er geleistet hat und wie viel Arbeit es ist, eine Stiftung verantwortungsvoll zu leiten, Spenden zu akquirieren, Projekte weiter zu entwickeln und die Stiftung weiter wachsen zu lassen.

Das Projekt „Mein Körper gehört mir“ soll nun auf den Rhein Sieg Kreis ausgeweitet werden (bisher eher in Bonner Schulen). Dafür haben wir im November eine Infoveranstaltung mit allen SchulleiterInnen und Kita-Leitungen stattfinden lassen. Es ist toll, zu sehen, wie sehr dieses wunderbare Projekt wächst. Es macht aber gleichzeitig auch Angst, weil ich weiß, dass bald mehr Anfragen an die Stiftung herangetragen werden.

Wie können wir euch in eurer Arbeit unterstützen – ganz praktisch oder auch finanziell?

Ganz praktisch, indem wir alle die Augen aufhalten und unseren Kindern (so klein sie sein mögen) zuhören. Ihnen glauben, wenn sie sagen „Mich hat xy angefasst“, „Ich will nicht dahin, die sind immer so komisch“. All das können ganz harmlose Sätze sein, es kann aber auch der Hilfeschrei sein, dass etwas ganz und gar nicht stimmt.

Finanziell, ja bitte gerne (alle Infos zu Spenden gibt es hier)! Insbesondere durch die Erweiterung des Projekts in den Rhein-Sieg-Kreis habe ich die Sorge, nicht alle Schulen mit einer Teilfinanzierung Bedenken zu können. Es wäre großartig, wenn wir alle gemeinsam dieses wichtige Thema anpacken.

Was möchtest du uns, die wir hier vor allem Eltern sind, noch mit auf den Weg geben?

Nochmal der Hinweis, auf unsere Kinder noch mehr ein Auge zu haben und ihnen zuzuhören. Sie in ihren Gefühlen zu stärken und sich selbst mit der Thematik von Missbrauch auseinanderzusetzen. Nur so ist es auch bei unseren Kindern kein Tabu und sie trauen sich über Nein- Gefühle und ggfls. Übergriffe mit uns zu sprechen.

1be0be5fe79b4f8dba830a6168476c87

Danke für das Interview und eure wertvolle Arbeit nach dem Mord an eurer Schwester, liebe Linda!



1 comment

  1. Danke für den Artikel und an die Familie gerichtet mein allerhöchstes Mitgefühl und größter Respekt, dass sie mit dieser Tragödie so umgegangen sind. Und es tut gut zu lesen, dass es hilfreiche Unterstützer gegeben hat. Alles Liebe und eure Schwester wird nie vergessen sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert