Ihr Lieben, ihr habt alles im Griff, aber wer hält euch? Wer seid ihr, wenn ihr aufhört, für alle anderen da zu sein? Und wie kommt ihr aus der „Ich mach das schon“-Falle raus? Genau darum geht es im neuen Buch von der bekannten Fitness-, Yoga- und Wechseljahres-Expertin Mimi Lawrence: Ich habe alles im Griff. Und genau das ist das Problem. Wie du endlich wieder für dich da bist.
Es ist für alle Frauen, die nicht mehr funktionieren, sondern wieder leben wollen. Nicht nur funktionieren, kümmern, alles zusammenhalten. Nicht mehr ständig müde sein, aber nie wirklich Pause haben. Nicht mehr „Alles gut“ sagen, wenn gar nicht alles gut ist. Denn was passiert, wenn Frauen aufhören, es allen recht zu machen?
Liebe Mimi, eine 19-Jährige aus meinem Umfeld hat neulich ihren fünftägigen Mädelstrip einen Tag früher beendet, weil sie ihre Chefin im Café nicht im Stich lassen wollte. Für die frühere Rückreise zahlte sie das Doppelte, ihr Gehalt ging also dafür drauf. Einerseits: verlässliche Arbeitnehmerin. Andererseits stellt sie sich selbst zurück, um anderen einen Gefallen zu tun. Wie lassen sich in solchen Fällen Grenzen setzen?
Die meisten Frauen, die ich kenne, sind nicht hilfsbereit. Sie haben Angst, zu enttäuschen. Das klingt hart – aber schau dir die Geschichte dieser 19Jährigen an. Sie hat ihren Urlaub abgebrochen, sogar ihr Gehalt ausgegeben und wahrscheinlich noch ein schlechtes Gewissen gehabt, dass sie überhaupt gezögert hat. Das alles hat rein gar nichts mit Stärke zu tun. Das ist ein Muster.
Eines, das die meisten Frauen nicht mit 19 anfangen – sondern mit 19 bereits perfektioniert haben. Die Frage lautet also nicht, wie sie Grenzen setzt. Die Frage ist, warum sie glaubt, dass das Wohlbefinden ihrer Chefin ihre Verantwortung sei. Die Chefin hätte das Café anders organisieren können. Hat sie aber nicht, weil sie wusste, dass ihre junge Mitarbeiterin einspringt.
Der erste Schritt ist daher nicht ein großes Nein. Er ist eine ehrliche Antwort auf die Frage: Tue ich das gerade, weil ich es will – oder weil ich Angst habe, was passiert, wenn ich es nicht tue?
Wir wollen da sein fürs Umfeld, möglichst niemanden enttäuschen. Das kennen wir als Mütter ja auch selbst. Am Ende verlieren wir uns selbst im Dienste für die anderen. Was hast du da für Tipps?
Irgendwann passiert etwas Schleichendes. Du hilfst nicht mehr, weil du es willst. Du hilfst, weil du das Gefühl hast, dass du es musst. Dass ohne dich irgendetwas zusammenbricht. Dass du, wenn du Nein sagst, keine gute Ehefrau, Mutter, Freundin, Kollegin etc. bist. Und irgendwann weißt du gar nicht mehr, wie sich ein echtes Ja anfühlt – weil du so lange aus Pflicht „Ja“ gesagt hast.
Was hier oft hilft ist eine einzige ehrliche Frage, bevor du das nächste Mal automatisch „Ja“ sagst und die ist, wie eben schon erwähnt: „Will ich das – oder habe ich nur Angst, was passiert, wenn ich Nein sage?“ Das schlechte Gewissen danach ist kein Zeichen, dass du etwas falsch machst. Es ist ein Zeichen, dass du gerade etwas Neues lernst.
Wir funktionieren, kümmern uns, halten alles zusammen. Wie schaffen wir es, uns darüber nicht zu verlieren?
Indem wir aufhören, funktionieren mit leben zu verwechseln. Ich habe mit so vielen Frauen gesprochen, die nach außen alles im Griff hatten. Familie läuft. Job läuft. Alltag läuft. Aber innerlich? Alle fühlten sich leer und irgendwie ausgelaugt. Viele sprachen von einem Unsichtbarsein im eigenen Leben.
Das Tückische ist: Wir verlieren uns nicht durch große Krisen. Wir verlieren uns durch tausend kleine Entscheidungen gegen uns selbst. Ein abgesagter Spaziergang. Ein verschobener Arzttermin. Ein freier Abend, der sofort wieder mit Verpflichtungen gefüllt wird. Und dann kommt irgendwann dieser Moment.
Der Moment, wo du merkst: Ich habe mich jahrelang um alles gekümmert. Nur nicht um mich. Genau deshalb heißt mein Buch: Ich habe alles im Griff. Und genau das ist das Problem.
Wie finden wir die Unterscheidung zwischen dem, was wir tun – und dem, was uns guttun würde?
Es gibt eine Frage, die ich mir selbst stelle – und die erschreckend ehrlich ist: „Würde ich das auch tun, wenn niemand es bemerken würde?“ Vieles, was wir tun, tun wir nicht für uns. Wir tun es, weil wir es schon immer getan haben. Weil es erwartet wird. Weil das schlechte Gewissen sonst größer ist als die Erschöpfung. Weil es einfach auch normal geworden ist, so zu handeln.
Der einfachste Test: Wie fühlst du dich direkt danach? Nicht erschöpft im guten Sinne – sondern eher leer, ausgelaugt oder gar froh, dass es vorbei ist? Dann war es wahrscheinlich nicht gut für dich. Wir haben so lange nicht auf uns gehört, dass wir verlernt haben, den Unterschied zu spüren. Aber der Körper vergisst nichts. Wir haben nur aufgehört, ihm zuzuhören.
Gehen wir mal davon aus, dass eine Mutter schon drei Ehrenämter hat. Nun wird gefragt, wer beim Sportfest noch einen Kuchen mitbringt. Sie ist die Einzige, die sich nicht meldet. Und fühlt sich miserabel, obwohl sie doch sonst schon so viel tut… nur eben hier nicht…
Diese Frau leidet nicht darunter, dass sie keinen Kuchen backt. Sie leidet darunter, dass sie glaubt, es erklären zu müssen. „Ich habe ja sonst so viel.“ „Ich wollte ja, aber…“ „Ihr wisst ja, wie das bei mir gerade ist.“ Kein Mann auf diesem Sportfest erklärt, warum er keinen Kuchen mitgebracht hat.
Er hat keinen mitgebracht. Fertig. Wir dagegen rechtfertigen uns – nicht, weil wir etwas falsch gemacht haben, sondern weil wir gelernt haben, dass wir einen Grund brauchen, um nicht zu helfen. Dass Nein alleine nicht reicht. Dabei ist Nein ein vollständiger Satz. Und drei Ehrenämter sind es erst recht.
Wie gefällt dir der Ratschlag, sich selbst so zu behandeln wie die beste Freundin?
Ich würde nicht unbedingt sagen: wie die beste Freundin– sondern dein Lieblingsmensch. Denn nicht jede Frau hat eine beste Freundin. Aber einen Lieblingsmenschen hat fast jeder. Und mit diesem Lieblingsmenschen gehen wir oft liebevoller um, als mit uns selbst. Wenn er erschöpft ist, sagen wir: Ruh dich aus.
Wenn wir selbst erschöpft sind, befehlen wir uns: Reiß dich zusammen. Wenn er einen Fehler macht, zeigen wir Verständnis. Wenn wir selbst einen Fehler machen, werden wir unser härtester Kritiker. Die Frage lautet also nicht: Wie würde dein Lieblingsmensch mit dir umgehen? Die eigentlich spannende Frage lautet: Warum glaubst du, weniger Mitgefühl verdient zu haben als andere?
Und was sagst du zu dem Tipp, sich selbst jeden Tag zehn Minuten im Handykalender für sich selbst zu reservieren? Als verpflichtende Routine?
Brauchen wir wirklich noch mehr Aufgaben in unserem vollen Alltag? Wir leben in einer Zeit, in der alles schneller, lauter und hektischer wird – und die Lösung soll ein Kalendereintrag für uns selbst sein? Viele Frauen machen sogar aus Selbstfürsorge eine To-do-Liste.
Dann wird aus Entspannung wieder Leistung. Und dann fühlen wir uns schuldig, wenn wir die zehn Minuten nicht geschafft haben. Dabei geht es hier weder um Regeln noch um Routinen. Es geht darum, wieder zu spüren, was einem gerade guttut. Vier bewusste Atemzüge. Ein Kaffee, der wirklich getrunken wird – nicht zwischen zwei Aufgaben weggespült. Ein Moment, der dir gehört und niemandem sonst. Das reicht. Mehr brauchst du nicht.
Hast du weitere Tipps für uns?
Frage dich regelmäßig: Was würde ich tun, wenn ich niemandem etwas beweisen müsste? Wo sage ich Ja, obwohl ich Nein meine? Was kostet mich gerade mehr Kraft, als es mir gibt? Und dann bitte nicht mit einer großen Lebensveränderung anfangen. Mit einem Nein, das du wirklich ernstmeinst. Einem freien Abend, der auch wirklich frei bleibt.
Keine Waschmaschine, keine Spülmaschine und auch kein Telefonat mit einer Freundin, die gerade deinen Rat braucht. Selbstfürsorge beginnt selten mit einer großen Entscheidung. Sie beginnt mit vielen kleinen Dingen, die in deinen Alltag passen – nicht umgekehrt.
Und noch etwas: Wenn du anfängst, weniger zu funktionieren und mehr zu leben, wird nicht jeder in deinem Umfeld begeistert sein. Manche Menschen profitieren davon, dass du immer verfügbar bist. Aber genau dort beginnt Freiheit. Du bekommst vielleicht weniger Applaus. Aber deutlich mehr innere Ruhe.
Was antwortest du auf den Satz einer Frau: „Ich bin nicht egoistisch genug, mich nur um mich selbst zu kümmern.“
Die meisten Frauen, die diesen Satz sagen, kümmern sich seit Jahren um alle anderen. Nur nicht um sich. Das ist kein Egoismus-Problem – es ist ein Erlaubnis-Problem. Sie glauben, sie müssten sich ihre Ruhe verdienen. Ihre Pause verdienen. Ihre Bedürfnisse erst rechtfertigen, bevor sie sie haben dürfen. Dabei braucht kein Mensch eine Erlaubnis dafür, sich selbst wichtig zu nehmen.
Was heißt für dich wirklich wieder zu leben – und aus dem Hamsterrad der Fürsorge auszubrechen?
Für mich bedeutet es, wieder eine Beziehung zu mir selbst aufzubauen. Zu wissen, was ich denke, was ich fühle und auch was mir wichtig ist. Auf keinen Fall nur vermeintlich perfekt zu funktionieren, oder nur Erwartungen zu erfüllen, oder Rollen zu bedienen.
Viele Frauen merken irgendwann: Ich habe mich um alles gekümmert – außer um mich. Wieder zu leben bedeutet nicht, weniger für andere da zu sein. Es bedeutet, auch für sich selbst da zu sein. Denn hier ist die unbequeme Wahrheit: Wer sich selbst dauerhaft hintenanstellt, hat irgendwann nichts mehr zu geben.
Wir können andere nur wirklich lieben und glücklich machen, wenn wir zuerst bei uns selbst anfangen. Denn am Ende geht es nicht darum, alles im Griff zu haben. Es geht darum, sich selbst nicht zu verlieren, während man versucht, alles zusammenzuhalten.
Ich habe alles im Griff. Und genau das ist das Problem.

3 comments
Ich frag mich schon auch immer ein bisschen wo unsere Gesellschaft hinkommt wenn jeder nur noch auf sich schaut und keiner mehr ein Ehrenamt übernimmt. Ich wäre eher dafür, dass ALLE den „klassisch weiblichen Kümmermodus“ (absichtlich überspitzt formuliert) aktivieren. Dann bräuchte jeder nur ein bisschen was übernehmen, aber niemand so viel. „If everyone became this sensitive, i wouldn’t have to be so sensitive“, singen Maximo Park so treffend!
Was mich an dem Text zutiefst irritiert, ist, das eine Situation als Schablone für ein generelles Fehlverhalten von Müttern dargestellt wird. Erstens kann man den Mittelweg zwischen Selbstfürsorge und Gemeinschaftssinn nicht an einer Situation festmachen, sondern nur aus der Vogelperspektive auf das ganze Leben. Eine Gesellschaft, in der jede kleine Freundlichkeit sofort negativ beurteilt wird, ist ein schrecklicher Ort von unglücklichen Egoisten. An den Unterstellungen der Autorin zur Situation sieht man auch ihre negativen Vorurteile.
Zweitens irritiert mich der gesellschaftliche Ritus, Müttern/Frauen ständig zu erzählen, was sie alles falsch machen und ändern müssten. Sie tun so viel Sinnvolles und Wertvolles für sich (die höhere Lebenserwartung von Frauen ist nicht genetisch bedingt, da Mönche und Nonnen die gleiche Lebenserwartung zeigen) und andere (eine Gesellschaft kann ohne Care-Arbeit nicht überleben und ohne Freundlichkeit ist sie kein schöner Ort zum Leben).
Letztens hörte ich, dass die wichtigsten Faktoren für ein langes Leben darin bestehen gute Beziehungen zu pflegen, und Hilfe geben und annehmen zu können. Stereotyp weibliche Fähigkeiten.
Ich finde, det Artikel ist gut geschrieben. Aber inhaltlich wieder viel Mamamimimi. Eine Aufgabe zu erfüllen, „zu funktionieren“, bedeutet doch nicht zwangsläufig, sich selbst zu vergessen. Es wird aber gerne so proklamiert. Dient das lediglich der Coachingkundenakquise? Ich verstehe das nicht. Im Job bekommt man ein Personalgespräch, wenn man nicht „funktioniert“ und trotzdem muss man sich nicht übergehen. Finde, dass kann man von erwachsenen Menschen erwarten, das steuern zu können, auch wenn es nicht immer leicht ist. Ich vermute aber, dass sich viele Frauen in der sich ewig aufopfernden, überforderten Rolle gefallen. Irgendeinen Benefit muss es geben.