Medienkompetenz: Filmemacher zeigt Kids, wie leicht Fake News entstehen

Medienkompetenz

Foto: pixabay

Ihr Lieben, Lutz Winde ist Filmemacher und dreifacher Familienvater und hält nun auch an Grundschulen Vorträge zum Thema Medienkompetenz, zu Fake News, Desinformation und Quellenrecherche: Sein medienpädagogischer Workshop soll vor allem aufklären. 

Ich kenne Lutz Winde schon seit über 20 Jahren persönlich (ja, so alt sind wir schon!), weil ich ihn damals in Berlin mal auf einer Party angesprochen habe, weil ich mir sicher war, dass wir uns kennen. Kam raus: Er war damals als Schauspieler der Marco Busch bei Marienhof gewesen (Ja! Das hab ich damals neben Verbotene Liebe geschaut). Es war sehr peinlich (für mich). 

Seitdem haben wir sporadisch Kontakt, er hat dann lustigerweise später auch erst ein Mädchen und dann Zwillingsjungs bekommen wie ich und seine Große ist mittlerweile mit 12 im handyfähigen Alter, was ihn zu der Frage führte: Warum zum Teufel wird eigentlich nicht systematisch an deutschen Schulen Medienkompetenz gelehrt? 

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Lieber Lutz, worüber hast du am meisten gestaunt, seit eure Tochter ein Handy hat? 

Das waren vor allem zwei Dinge: 1. Es hat mich überrascht, wie schnell sie mit allen Programmen umgehen konnte, wie schnell sie sich vernetzt hat und wieviel gemeinsam mit Mitschüler*innen z.T. sehr Kreatives entstand, z.B. Tanzvideos und Ähnliches.

Es gab aber auch Momente, in denen sie wie hypnotisiert auf ihr Handy starrte und immer wieder weiterswipte. Wo musstest du dich selbst erstmal reindenken? 

Ich musste mich in die Inhalte reindenken und warum welcher Inhalt meiner Tochter (an)gezeigt wird. Wenn ich hingegen z.B. mal abschalte und aus dem Fenster schaue, dann sehe ich dort vielleicht nicht viel und es bereichert auch nicht unbedingt meinen Geist, aber es ist zufällig und nicht gestellt. Was ich dort sehe, ist wahr, echt oder authentisch.

Alles, aber auch alles, was ich im Internet auf irgendeiner Plattform sehe, ist gesteuert. Jemand möchte Aufmerksamkeit, weil er etwas verkaufen will oder seine Meinung kundtun möchte oder, oder. Und um das zu erreichen, wird eben auch manipuliert und gelogen. Das erkennen aber Kinder und Jugendliche nur schwer.

Wir haben unseren Kindern zu Beginn gesagt: Verschickt niemals was, was ihr nicht im Zweifel auch auf einem riesigen Banner in der nächsten großen Stadt sehen wollt. Und: Bestätigt nur Freundschaften mit Leuten, denen ihr schon mal die Hand gegeben habt (also auch Manuel Neuer bitte ablehnen! Wer weiß, wer sich hinter dem Namen verbirgt…). Welche Regeln sollten wir noch beachten?

Was das Verschicken angeht, gebe ich Dir absolut recht, hier müssen wir Kinder sensibilisieren, was das WWW bedeutet. Nämlich WORLDWIDEweb! Aber noch wichtiger ist eben das Annehmen von Nachrichten oder Freundschaftsanfragen, denn die sind durch Algorithmen und KI inzwischen natürlich auch oft manipuliert und unwahr. Das muss man tatsächlich in aller Deutlichkeit immer wieder erklären, auch wenn wir die Kinder damit nerven. So kam es auch zu meinem Workshop.

Wie hast du deinen Workshop für Medienkompetenz aufgebaut? 

Dieses ewige Erklären und „theoretische Besserwissen“  ging meinen Kindern auf die Nerven und ich habe mir überlegt, wie ich Kinder kreativ und mit Spaß an das Thema heranführen und dafür sensibilisieren kann. Da ich schon viele andere Filmworkshops entwickelt und gegeben habe, und Kinder und Jugendliche alles, was mit FILM zu tun hat, immer cool finden, lag es nahe, dass ich etwas Kreatives und letztlich Handwerkliches mit ihnen versuche (Wer Interesse hat: info@windefilm.de).

Der Workshop soll den Kindern und Jugendlichen zeigen und beibringen, wie man Nachrichten redaktionell schreibt, dreht und schneidet. Das heißt wir beschäftigen uns mit Bildern und Texten, die die Wahrheit vermitteln sollen aber schon hier zeigt sich, dass es unterschiedliche Meinungen gibt.

Im zweiten Schritt mache ich den Teilnehmer*innen klar, wie leicht es ist, mit den gleichen Bildern, die anders geschnitten wurden und etwas anderen Texten, eine komplett andere Aussage zu treffen (Fake News). Und im dritten Schritt zeige ich auf, was man mit KI noch viel manipulativer anstellen kann (Deep Fake News).

Wir können der zuvor aufgenommenen Person, die die Nachrichten spricht, etwas komplett Anderes in den Mund legen und das mit ihrer eigenen Stimme. Das kombiniert mit Fake-Bildern macht das Resultat dann noch schockierender.

Bei einer Nachbetrachtung analysieren wir dann zusammen, worauf zu achten ist, um zu erkennen, was Fake oder was kein Fake ist. Wo beginnt die Manipulation und wie bringt uns ein Algorithmus dazu, immer nur das zu sehen, was andere wollen und nicht wir. Der Workshop kann in einer Projektwoche an Schulen stattfinden, über ein halbes Schuljahr verteilt oder als Crashkurs am Wochenende in Jugendheimen gegeben werden.

Welche Rückmeldungen bekommst du von den Schülerinnen? Erzählen sie wilde Geschichten? 

Der Fantasie eines Kindes sind da natürlich keine Grenzen gesetzt. Wir drehten einen Nachrichtenbeitrag, in dem wir von einzelnen Ratten auf dem Schulhof berichteten, die mit Gift bekämpft wurden. In der Fake News waren es hunderte und die Kinder mussten sich auf ein Klettergerüst retten, um nicht angefressen zu werden. In der Deep Fake News haben die Ratten dann schließlich die Macht an der Schule übernommen und die Schüler unterrichtet.

Das hat beim Dreh natürlich sehr viel Spaß gemacht, aber es hat die Kinder auch sensibilisiert und schockiert, als sie gesehen haben, dass aus ihrem Mund Worte kommen, die sie nie gesagt haben oder Dinge tun, die sie niemals tun würden.

Woran kann mein Kind denn nun Fake News erkennen? 

Das wird leider immer schwerer. Man sollte im Zweifel die Herkunft hinterfragen, was nicht immer einfach ist. Bekomme ich also Nachrichten zugesandt, weil ich mich vorher mit dem Thema beschäftigt habe, dann würde ich immer hinterfragen und nach anderen Nachrichten zu dem Thema suchen. Wenn viele Nachrichten, unabhängig voneinander das Gleiche behaupten, kann ich beruhigt sein und ist der Herausgeber ein bekannter Nachrichtendienst und kein chinesischer, russischer oder privater Anbieter. 

Natürlich kann man Fake News noch manchmal an der Tonqualität erkennen und die Bilder sind oft an manchen Stellen unscharf oder zeigen digitale Fehler auf, aber der Fake wird immer besser und auch mir fällt es dann schwer, sie sofort zu erkennen.

Sollte ich wirklich alle Spiele der Kinder und alle Social Media Plattformen auch selbst mal ausprobiert haben?

Grundsätzlich ist es natürlich gut, wenn man mitreden kann und den Kindern klarmacht, dass menschenähnliche Wesen zu töten nicht unbedingt das Ziel eines guten Spiels sein sollte, aber wir haben ja auch als Kinder schlecht animierte Raumschiffe abgeschossen. Ich vertraue da eher ausgebildeten Psychologen und der USK, was die Altersfreigabe angeht.

Ist es sinnvoll, dem Kind einmal die Woche zu sagen: Hey, ich respektiere deine Privatsphäre, aber freitagsnachmittags schauen wir immer mal gemeinsam rein, um ins Gespräch zu kommen? (Bei uns entstanden dadurch tolle Gespräche) 

Schwieriges Thema! Würden wir unseren Kindern auch Zugriff auf unsere WhatsApps gewähren? Aber grundsätzlich ist es toll, wenn es gelingt, mit den Kindern auf Augenhöhe solche Themen zu besprechen. Ich würde da aber eher im Einzelfall darauf zu sprechen kommen. Oft gibt es zu diskutierende Fälle z.B. in Schulchats und die Kinder fragen von selbst, wie sie sich verhalten sollen. Oder man bekommt eine Mail von anderen Eltern, dass im Klassenchat nicht korrekt miteinander umgegangen wurde. Dann kann man sich prima austauschen. Oder man zeigt seinen Kindern, wenn man selbst gerade ein Spam im Postfach hat oder einen blöden Kommentar bei Facebook.

Was möchtest du Eltern noch mit auf den Weg geben, die gerade dabei sind, ihrem Kind den Zugang zu einem mobilen Endgerät zu ermöglichen?

Haltet durch und seid lieber etwas zu streng! Nicht umsonst regulieren Staaten den Umgang mit Social Media immer härter. Solange die Plattformen ihre Inhalte nicht besser in den Griff bekommen, wird es immer schwieriger unsere Kinder zu schützen, denn auch wir können bald Fake und Nichtfake nicht mehr auseinander halten.

Spiele hingegen können Spaß machen und sogar bilden, man muss nur nach guten suchen. Es gibt auch tolle Apps und telefonieren kann man ja schließlich auch mit den Endgeräten. An den Geräten liegt es also nicht, wobei ich sagen würde, dass aus dem Fenster schauen, manchmal auch etwas für sich hat…

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1 comment

  1. Ich finde es schade, dass sich da in den letzten Jahren nicht mehr im Schulunterricht in der Hinsicht getan hat. Es ist wichtig, dass Kinder nicht alles glauben, was sie im Netz sehen. Toll was Lutz da macht.
    Aber falls es an der eigenen Schule keine guten Informationen über Videomanipulationen gibt, kann man auch online danach suchen. Es gibt Videos, die genau das zeigen und erklären. Man kann daher auch als Eltern dort mit den Kindern schauen (z.B. Telekom und FC Bayern mit „FC Bayern ist ein Scheißverein“). Da werden den Spielern die ausgesprochenen Sätze verdreht.

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