Übersehe ich was? Teen-Time Jugendkolumne zur Loslösung

Übersehe ich was?

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Ihr Lieben, wenn der Kontakt zu den Kindern ein anderer wird, dann bleiben Dinge im Ungewissen und wir dürfen uns immer mal wieder fragen: Übersehe ich was? Manchmal komme ich nach Hause und niemand ist da, ab und zu schau ich dann mal auf die Snapmap, wo ich nachsehe, wer sich grad in etwa wo aufhält. Oh, der eine ist rund um die Köln Arcaden in Kalk unterwegs, die anderen beiden treffen ihre Liebsten. Ok, zumindest zwei von Dreien wähne ich also in Sicherheit.

Neulich fragte ich meinen Sohn, was er für das Wichtigste von Eltern in der Begleitung ihrer jugendlichen Kinder hält und er sagte: FREIHEIT. Das Wort Vertrauen fiel auch und Da sein. Das andere Kind bedankte sich derweil bei uns, dass wir es so lang einschlafbegleitet haben, es hätte das WIRKLICH gebraucht.

Es ging auch um Situationen, die ihnen monatelang nachliefen. Einmal haben sie als Kinder Teile einer Doku über das Gladbeck Drama und die Entführung gesehen, danach hätten sie sich monatelang gefürchtet. Wir haben davon erst jetzt erfahren. Jahre später. Und natürlich darf uns das zu denken geben.

Übersehe ich was? Auch jetzt grad?

Jugendlicher
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Was passiert denn möglicherweise jetzt grad, wovon sie uns erst später erzählen werden? Ist die Antriebslosigkeit nach der Prüfungsphase doch ein kleines Burn-out oder wirklich nur ne kurze Erschöpfung nach dem Stress? Hat der neue Spieler aus der Mannschaft wirklich einen besseren Verein gefunden oder kam es da zu Mobbing? Klappt das wirklich alles so gut in der Schule oder kriegen wir nur nicht mit, dass sich doch einige Lehrkräfte sorgen? Wissen wir es?

Wir können manches nur noch erahnen, wir sind nicht mehr so nah dran. Wir geben uns hin und vertrauen und bauen auf das Gute, hoffen, dass sie sich nicht allzu oft mit Fahranfängern in tiefergelegte BMWs setzen, sich bei Herbstlaub nicht zwingend zu irgendwem aufs Motorrad gesellen und Vapes schon wegen ihrer sportlichen Ambitionen links liegen lassen, aber wissen wir´s? Wir hoffen und glauben es.

Wir bauen darauf, dass wir schon irgendwie mitkriegen werden, wenn etwas doof läuft, wir wünschen uns, dass sie uns erzählen, was ihnen auf dem Herzen liegt – oder dass sich die Clique möglicherweise an uns wendet. Wir wünschen ihnen gute Freunde, mit denen sie auch Dinge ohne die Eltern besprechen können, wir wünschen ihnen wenig Druck und viel Leichtigkeit.

Klavier
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Wir vermuten, dass den einen andere Dinge belasten als den anderen, aber wer weiß, was sich später bei wem als schwierig oder als Durchbruch herausstellt? Wem welches Leben passiert. Am Ende können sie uns Vorwürfe machen, wenn wir sie immer zum Klavierunterricht geschickt haben („Ich wollte das nie, ihr habt mich gezwungen“). UND sie können uns Vorwürfe machen, wenn wir ihnen haben durchgehen lassen, dass sie nicht mehr hingehen („Du hättest mich da viel mehr pushen müssen, dann wär aus mir ein Pianist geworden“).

Wie wir es machen, kann für das eine Kind das genau Richtige sein und für das andere das Falsche. Am Ende müssen also wir selbst schauen, mit welchen Entscheidungen wir uns wohlfühlen und mit welchen nicht, um uns später erklären zu können. Um Begründungen zu liefern, wenn Nachfragen kommen. Um da ein reines Gewissen zu haben.

Wenn ich erzähle, dass wir derzeit zu allen drei Kindern ein ziemlich gutes Verhältnis haben (so empfinde ich das jedenfalls), dann heißt es oft und schnell: „Da habt ihr ja alles richtig gemacht“. In mir löst dieser Satz aber einen inneren Widerstand aus, denn nein: Niemand macht alles richtig.

Was wären wir für Übermenschen, wenn wir alles immer richtig machen würden. Das muss doch aber auch gar nicht der Anspruch sein. Wir geben unser Bestes. Und wir kommen dabei trotzdem an unsere Grenzen. Das dürfen wir den Kindern gegenüber auch so transportieren. Wir sind keine Helden und Heldinnen, wir sind genau wie sie einfach nur Menschen.

Und ja, wir versuchen, in Verbindung zueinander zu sein und zu bleiben, wir geben viel Liebe rein und bekommen unendlich viel Liebe zurück. Aber wir machen alle unsere Fehler. Die Kleinen wie die Großen. Und gerade jetzt, da die Große ausgezogen ist, merken wir alle, die wir hier noch zusammen zu Hause sind, doch sehr deutlich, dass unsere Zeit in einem gemeinsamen Haushalt begrenzt ist – und genießen es nochmal extra.

Das Leben ist zum Lernen da. Und wir haben unfassbar viel voneinander und übereinander gelernt. Das als Schatz mit uns rumtragen zu dürfen, dafür werde ich auf ewig dankbar sein, trotz oder gerade weil wir nicht als Übermenschen unterwegs sind, sondern zu unseren Macken und Kanten stehen. Ist das nicht am Ende das Größte, was uns passieren kann?  

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