Ihr Lieben, neulich haben wir hier den Bericht von Caro, deren Sohn Asperger Autist ist und aufgrund von ADHS-Medikamenten heftige Tics bekam. Daraufhin hat sich Hanna bei uns gemeldet, deren Sohn ganz andere Erfahrungen mit ADHS-Medikamenten gemacht hat. Nach jahrelangen Kämpfen konnte er sich endlich konzentrieren und auch das ganze Familienleben entspannte sich merklich. Hanna fand es wichtig, auch diese Seite zu erzählen und wir freuen uns über so vielfältige Blickwinkel auf gewisse Themen!
Liebe Hanna, dein achtjähriges Kind bekommt derzeit das ADHS Medikament Ritalin. Lass mal bitte ein bisschen zurück in die Vergangenheit. Was für ein Baby/Kleinkind war dein Sohn?
Mein Sohn war schon immer „anders“. Er hat schon als Baby/ Kleinkind tagsüber kaum geschlafen. Nachts zwar sehr gut, allerdings dauerte das Einschlafen immer ewig, so an die 90-120 Minuten täglich. Auch heute schläft er relativ spät ein. Er war schon immer ein sehr energiegeladenes Kind und ist es heute noch. Dank Sport hat er mittlerweile einen guten Ausgleich.
Ab wann begannen die Herausforderungen mit ihm und wie genau hat er sich verhalten?
Im Kindergarten war er ein Außenseiter. Heute weiß ich, dass er komplett reizüberflutet war. Er spielte nie, saß nur in der Ecke und trommelte mit seinen Fingern. Alle fanden ihn seltsam, was er natürlich gespürt hat.
Zuhause hatte er dann Wutanfälle wie von einem anderen anderen Stern. Ich muss dazu sagen, dass der Kindsvater leider mit ihm sehr überfordert war und dann auch gewalttätig wurde: Er brüllte uns alle an, schüchterte uns ein, trat neben dem Kind in den Schrank, sodass ein Loch im Schrank war.
Mein Ex ist ein Narzisst – das weiß ich heute, weil ich mir Hilfe gesucht und mich getrennt habe, um meine Kinder (ich habe noch einen kleinen Sohn) und mich zu schützen. Ich glaube, dass die Erfahrungen mit dem Vater den Großen extrem geprägt haben – ich wünschte, ich wäre schon früher gegangen…
Wie lange hat es gedauert, bis dein Sohn eine Diagnose hatte?
Mein Sohn bekam aufgrund der Tatsache, dass er wirklich niemals spielte, bereits mit drei Jahren eine Spieltherapie verordnet. Zu diesem Zeitpunkt konnte er bereits bis 500 zählen- auf Deutsch und auf Englisch. Auch kannte er alle Buchstaben und konnte kurze Worte lesen. Zahlen und Buchstaben waren nämlich das Einzige, wofür er sich interessierte.
Dank der Spieltherapeutin kamen wir dann zu einer Kinderpsychiaterin, die über mehrere Monate Tests mit meinem Sohne gemacht hat. Da war er 5 Jahre alt. Das ist noch sehr früh, um ADHS zu diagnostizieren, aber sie war sich bereits sehr, sehr sicher. Die endgültige Diagnose bekam er dann mit 6 1/2 Jahren.
Du hast uns gesagt, dass es ohne Ritalin eine Katastrophe war. Wie hat das ADHS euer Familienleben beeinflusst?
Bevor mein Sohn das Ritalin bekam, war er wie ein Pulverfass. Er hatte wahnsinnige Wut- und Weinanfälle, kannte keine Grenzen, musste alles ausreizen.
Das letzte Kitajahr konnte er in einer Vorschule verbringen, in der er engmaschig betreut wurde und Konzentrationsübungen lernen konnte. Auch die Pädagogen dieser Vorschule rieten uns bereits dazu, es mit Ritalin zu versuchen, weil unser Sohn wirklich nicht eine Minute ruhig sitzen konnte. Der Kindsvater allerdings stellte sich quer, weil die Tabletten ja einen schlechten Ruf haben.
Wie ging es deinem Sohn in dieser Zeit?
Er war sehr oft traurig, weil er merkte, dass er anders war. Dabei wollte er doch nur dazugehören, was die Frustration und damit den Wutkreislauf weiter befeuerte. Freunde hatte er nur aus der Vorschule, denn diese Kinder hatten ein ähnliches Krankheitsbild.
Wann und warum habt ihr euch dann für Medikamente entschieden?
In der 1. Klasse. Ich war mit den Kindern bereits ausgezogen und wir kamen langsam endlich zur Ruhe. Während eines Elterngespräches in der Schule sagte die Lehrerin meinem Ex-Mann nochmal ganz klar, dass unser Sohn sehr klug sei, sein Können und Wissen aber niemals ausschöpfen können wird, weil er überall und nirgends mit seinem Kopf ist. Und sie hat ihn gefragt, ob er sich bewusst ist, dass er unserem Sohn die Chance verwehrt, sein Potenzial ausschöpfen zu können. Da hat es Klick gemacht. Wir haben die Medikation dann im 2. Halbjahr der 1. Klasse begonnen.
Und wie hat euer Sohn sich verändert? Und euer Familienleben?
Unser Sohn ist immer noch sehr energiegeladen, braucht sehr viel Bewegung. Das ist aber ok, der Sport hilft seinem Bewegungsdrang gut. Er kann sich in der Schule konzentrieren, lässt sich nicht mehr sofort (und sofort ist wirklich sofort) ablenken. Mittlerweile geht er in die 3. Klasse und ist einer der besten Schüler. Ich bin sehr stolz auf ihn.
Was möchtest du denen sagen, die meinen, mit Ritalin würde man die Kinder nur ruhig stellen und dass es ja noch andere Wege geben sollte?
Mein Kind war zu keinem Zeitpunkt ruhig gestellt. Ich bin kein Arzt, aber wenn ein Kind ruhiggestellt wirkt, dann bekommt es meiner Meinung das falsche Medikament und/ oder die falsche Dosis.
Unser Sohn ist wieder ansprechbar, rollt sich nicht mehr nur auf dem Boden herum. Er lässt sich nicht mehr so leicht ablenken (natürlich passiert es manchmal noch, aber das ist ja auch ok, er ist ja schließlich ein Kind!). Aber er ist bei sich, hat viele Freunde, ist sehr beliebt. Ich bin wahrlich kein Fan von Medikamenten, schon gar nicht, wenn es darum geht, dass Kinder Medikamente nehmen müssen.
Ich habe wirklich alles versuch: Öle, Spiele, Mediationen, Bioresonanz, Energiematten, Spagyrik, Homöopathie, Kinderyoga, Osteopathie, Lithotherapie…….nichts half. Wir haben übrigens die Ernährung auch schon lange umgestellt, es gibt wenig Zucker, dafür viel Gemüse. Und Omega 3. Das alleine half aber auch nicht sehr viel. Erst in Kombination mit Ritalin kam es, dass unser Sohn von sich aus sagte, dass er nun besser aufpassen kann in der Schule.
Und was kannst du Eltern raten, die vor der Entscheidung stehen, ob sie Medikamente geben sollen oder nicht?
Ich rate dazu, sich eine/n guten KinderpsychiaterIn zu suchen, und wirklich offen über Ängste und Sorgen zu sprechen. Hätte unser Kind Nebenwirkungen von Ritalin bekommen, hätten wir die Tabletten sofort abgesetzt. Sie bauen keinen Spiegel auf, das wäre also absolut möglich.
Aber Ritalin hat unserem Kind ermöglicht, „normal“ zu sein. Er wurde so viel glücklicher, hatte auf einmal Freunde. Ich habe auch immer offen mit ihm gesprochen, dass, wenn er die Tablette nicht nehmen möchte, es ok ist. Aber er wollte, weil er gemerkt hat, dass er seinen Kopf ordnen kann – so hat er es immer selbst beschrieben. Eine gute Beratung, eine entsprechende Ernährung und das Kind beobachten: für uns war Ritalin der Weichensteller, und ich würde es mit entsprechender fachlicher Begleitung immer wieder zumindest probieren, das bin ich meinem Kind doch schuldig, wirklich alles auszuprobieren, um ihm zu helfen.




4 comments
Ich kann uns mit dieser Geschichte sehr identifizieren. Es hat uns leider lange gebraucht, damit wir mit meiner Frau an die Realität dieses ADS Syndroms bei unseren beiden Söhnen glauben. Aber die Beweise haben sich akkumuliert, bis wir entschieden haben, das zu tun, was man uns empfohlen hat. Das hat ihr Leben stark verändert. Blieb nur noch als Schwierigkeit, das Selbstbild, dass man einen Nachteil trägt, der keiner sehen kann. Ist es wirklich wahr oder bin ich nur „langsam“? Wie kann ich es simpel erklären? Aber alles in allem, mit der Zeit haben unsere Jungs fast nur noch die Vorteile davon. Sie wissen, wie sie mit dem Rest umgehen können. Also, nur Mut…
Danke für diesen Artikel! Gut bis zu 15% der Kinder mit ADHS sind später auch Erwachsene mit ADHS, bei gut 70% bleiben einzelne Symptome das ganze Leben bestehen. (Quelle: http://www.adhs.info) und viele von uns bekamen als Kind keine Medikamente, sei es, weil nicht erkannt wurde worunter wir leiden oder weil die Eltern sich dagegen entschieden haben.
ADHS ist so vielfältig – manche erleben es als Superkraft und leben ohne Medis sehr gut, andere haben einen sehr hohen Leidensdruck. Die Berichterstattung über z.B. Ritalin spiegelt das aber eben leider selten wieder… Für mich waren die Medikamente Game Changer mit 35. Ich durfte und darf mich nach wie vor endlich selbst kennen lernen, was mir sehr sehr lange durch den „Nebel im Kopf“ und den ganzen Problematiken, die sich einem mit unerkannten und unbehandelten ADHS stellen, verwehrt war. Ich freue mich ehrlich, auf eurer Seite diesen Artikel zu lesen, denn ich hab euch auch schon des Öfteren in Kommentaren kritisiert. Danke, dass ihr hier aber nun ADHS in seiner Vielfalt mehr Raum lässt.
Ein sehr guter letzter Satz! Man kann es zumindest probieren ob es dem Kind (und somit der Familie) hilft. Das ist man dem Kind schuldig. Bei anderen nötigen Medikamenten macht man das ja auch.
Ich kann den Erfahrungsbericht übrigens zu 100% unterschreiben, bei uns in der Familie war es ähnlich und seit den Medikamenten läuft es rund und und harmonisch. Für uns sind die Medikamente ein Segen.
Vielen Dank für deinen Erfahrungsbericht!
Das nimmt mir ein bisschen die Angst. Unser Sohn (5,5 Jahre) ist auch seeeehr energiegeladen, unaufmerksam (verpasst einfach viel was wir und seine Erzieher sagen) und lässt sich extrem leicht ablenken. Im Moment kommen wir noch durch, indem wir uns Erziehungsberatung holen, ihn beim Sport auslasten ( wir gehen inzwischen 4 Mal pro Woche zum Sport; Schwimmen, Fußball, Turnen) und Dank eines ganz tollen Gruppenleiters in seiner Kita, der ihn einfach handeln kann, was andere Erzieherinnen nicht schaffen. Allerdings hat unser Sohn sehr viele Freunde, ist beliebt und hat keinen Leidensdruck. Deswegen sind wir mit ihm noch nicht beim Psychiater oder Psychologen gewesen.
Ich habe allerdings ziemliche Angst vor der Einschulung im nächsten Jahr. Ob es mit der Schule ohne Therapie klappt und ganz am Ende auch ohne Medikamente ist fraglich. Dein Bericht macht mir Mut, falls wir uns im Laufe der Grundschulzeit auch in diese Richtung bewegen sollten. Vielen Dank!