Ihr Lieben, heute geht es um das Thema Sprachentwicklung. Sicherlich habt ihr euch auch schon mal gefragt: Spricht mein Kind altersgerecht? Was kann ich zu Hause tun, um mein Kind in der Sprachentwicklung zu unterstützen. Genau darüber haben wir mit Christine gesprochen, sie ist Erzieherin und Logopädin, spezialisiert auf Kindersprache mit Zusatzausbildung in der entwicklungspsychologischen Sprachtherapie nach Zollinger – einem spiel-und bindungsorientierten Ansatz. Mehr Infos zu Christine findet ihr auf ihrer Homepage: https://www.christinefeuerbach.com
Liebe Christine, ich erinnere mich an enormen Druck, den ich bei Kinderarzt gespürt habe, weil meine Tochter schon 50 Wörter sprechen sollte – was bei ihr aber nicht der Fall war. Was hältst du von solchen Vorgaben?
Diese Richtlinie begegnet Eltern bei der U7 beim Kinderarzt. Die Kinder sind dann fast zwei Jahre alt, und einige von ihnen sprechen die geforderten 50 Wörter noch nicht – wie deine Tochter. Kein Wunder also, dass Eltern unter Druck geraten und sich unsicher fühlen. Der Begriff „Late Talker“ wird dabei oft verwendet: Er beschreibt Kinder, die im Alter von etwa 2 Jahren noch deutlich weniger Wörter sprechen als Gleichaltrige und bei denen eine Tendenz besteht eine Sprachentwicklungsstörung zu entwickeln.
Es ist also keine Diagnose und es bedeutet auch nicht automatisch, dass das Kind dauerhaft Sprachprobleme haben wird. Einige dieser Kinder holen später auf – diese nennt man dann „Late Bloomer“, weil sie dann (meist um den 3. Geburtstag) doch noch sprachlich “erblühen”.
Wird in der U7 festgestellt, dass die Kinder noch keine 50 Wörter sprechen, beginnen viele Eltern die Wörter ihres Kindes zu zählen – doch was zählt eigentlich als Wort? Sind es nur korrekt ausgesprochene Wörter? Oder auch Eigenkreationen des Kindes, die nur die Eltern verstehen? Zählen häufige Gesten wie Winken oder das Zeigen auf Essen dazu? Oder Lautmalereien wie „Wauwau“ oder „Hamham“?
Tatsächlich zählen all diese Ausdrucksformen zu diesen 50 Wörtern, wenn das Kind sie gezielt einsetzt, um sich mitzuteilen. Auch Wörter, die noch etwas unverständlich sind oder Wörter mit Lautersetzungen (z.B. “K” wird als “T” ausgesprochen), sind echte Kommunikationsversuche, wenn sie konsequent genutzt werden und nicht nur einmal vorkommen. Wörter, die dem Kind vorgesagt werden und die das Kind nur nachplappert zählen nicht dazu (“Sag mal…”)
Kannst du konkrete Beispiele nennen?
Klar, „Mi“ für Milch, “Tuchen” statt Kuchen „Hamham“ beim Essen, auf den Teller zeigend. Das Kind führt die eigene Hand zum Mund, wenn es den Teddy füttern will. Trotzdem finde ich diese Zahl als Richtwert problematisch. Die Zahl allein sagt noch nicht viel über die kommunikative Kompetenz aus.
Viel entscheidender ist, dass das Kind versteht, dass Wörter dazu dienen, Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche oder Erlebnisse mitzuteilen, Blickkontakt aufnimmt und das Gegenüber einbezieht, oder Fragen und Gestik einsetzt, wenn es etwas nicht versteht.
Sprache lässt sich nicht auf die Anzahl von Wörtern reduzieren. Entscheidend ist: Versteht das Kind, was die Wörter bedeuten? Kann es seine Bedürfnisse, Wünsche und Erlebnisse mitteilen? Sucht es Blickkontakt, zeigt es Interesse am Gegenüber? Versteht es, dass es bei Unklarheiten Fragen stellen kann – verbal oder mit Gesten?
Viele Kinder, die anfangs noch wenige Wörter haben, erweitern ihren Wortschatz spielend leicht, wenn sie diese Grundlagen beherrschen. Schon einfache Alltagshandlungen, wie eine Geste für „Schlafen“ oder „Trinken“, erweitern die Kommunikationsfähigkeiten und bereiten den Weg zu 50 Wörtern und mehr.
Sprache ist also weit mehr als ein Wortzählergebnis – sie ist ein Werkzeug, um mit anderen in Beziehung und Kommunikation zu treten und die Welt zu verstehen.
Wie du schon gesagt hast: Es gibt einfach Kinder, die früher sprechen, und welche, die später sprechen. Und warum ist das so?
Kinder sind keine Maschinen – sie entwickeln sich individuell. Deshalb ist es wichtig, nicht nur das Alter zu betrachten, sondern auch weitere Faktoren.
Manche müssen ihre Energie zunächst in andere Entwicklungsbereiche investieren – Wahrnehmung, Motorik oder Aufmerksamkeit – und Sprache fällt dann zurück. Deshalb habe ich von Beginn an bewusst interdisziplinär gearbeitet, z. B. mit ErgotherapeutInnen und PhysiotherapeutInnen. Besonders in meiner elfjährigen Tätigkeit in einem sozialpädiatrischen Zentrum in Berlin konnte ich erleben, wie eng Motorik, Wahrnehmung, Spiel und Sprache zusammenhängen.
Auch das Familiensystem, insbesondere die Mutter-Kind-Bindung, ist entscheidend. Ich habe häufig erlebt, dass Kinder trotz logopädischer Therapie nicht vorankommen, wenn Themen im Umfeld ungelöst sind. Ganz wichtig hierbei, es geht nicht um die Frage von Schuld, sondern darum mit ganzheitlichem Blick einen Weg in die Sprachentfaltung des Kindes zu finden und da spielen familiäre Dynamiken eben auch eine Rolle.
Mittlerweile arbeite ich deshalb als Coach und Mentorin für Mamas und pädagogische Fachkräfte von sprachentwicklungsverzögerten Kindern. Besonders wenn die Kinder lange Zeit sehr unverständlich sprechen, lohnt es sich auf die Themen der Mama und das gesamte Familiensystem zu schauen. Mit gezieltem Coaching von Müttern lassen sich oft deutliche Fortschritte erzielen – teilweise sogar ohne direkte Arbeit mit dem Kind.
Bei den bereits erwähnten „Late Bloomer-Kindern“ sind das Sprachverständnis, der Blickkontakt und Interesse am Gegenüber gut entwickelt. Trotzdem sprechen sie später. Da bei ihnen alle Vorläuferfähigkeiten von Sprache gut entwickelt sind, kann zunächst weiter abgewartet werden. Meist bin ich mit den Mamas/Eltern über ein halbes Jahr oder ein Jahr immer wieder im Austausch und begleite den Prozess, denn Abwarten erfordert bei den Eltern trotzdem Geduld und viele sind froh, wenn sie sich bei Unsicherheiten jederzeit an mich wenden können.
Welche Punkte sollten deiner Meinung nach abgeklärt werden?
Geklärt werden sollte: Ist das Kind ein “Late Talker” oder ein “Late Bloomer”? Wo sind Ansatzpunkte beim nicht, wenig oder spät sprechenden Kind? Was kann vielleicht auch in der Familiendynamik verändert werden, damit sich das Kind sprachlich noch besser entfalten kann?
Auch 2-jährige Kinder können über das Spiel schon gut beim Sprechen lernen, begleitet werden. Deshalb ist es sinnvoll all diese Fragen zu klären, um die Sprachentwicklungsauffälligkeiten des Kindes besser einordnen und dann gegebenenfalls auch das Kind therapeutisch unterstützen zu können.
Gibt es klassische Hinweise darauf, was noch „normal“ ist und wann man sich doch professionelle Hilfe suchen sollte?
Ja, das lässt sich gut beobachten – Eltern sind hier oft die ersten ExpertInnen für ihr Kind. Am wichtigsten ist, dass das Kind wirklich versteht, was um es herum passiert.
Ein paar Beobachtungspunkte: Kann es, nach einer verbalen Aufforderung, einen bekannten Gegenstand holen, selbst wenn es ihn gerade nicht sieht, zum Beispiel den Löffel aus einem anderen Raum?
Erfasst es verbale Aufforderungen auch an unterschiedlichen Orten, auch wenn das Objekt anders aussieht, zum Beispiel ein Löffel bei der Oma oder im Kindergarten?
Zeigt es bereits Ansätze zu einem Symbolspiel, also hantiert es nicht nur mit den Gegenständen und probiert Funktionen aus, sondern geht es bereits in kleine Rollenspiele mit den Gegenständen (z.B. Puppe füttern, Spielzeugfeuerwehr fährt los, um einen Brand zu löschen)?
Kinder mit Sprachverständnisproblemen entwickeln oft clevere Strategien, um mitzuhalten: Sie sagen „Ja“, obwohl sie etwas nicht richtig verstanden haben, oder orientieren sich an “Signalwörtern” oder anderen Kindern. Das fällt im Alltag kaum auf – besonders im Kindergarten mit vielen Kindern. Wenn ein Kind beispielsweise viel mit “Ja” antwortet und trotzdem scheinbar nicht richtig versteht und bei Nicht-verstehen auch keinen Blickkontakt aufnimmt oder “nachfragt”, braucht es eine Unterstützung.
Deshalb ist es wichtig, dass Eltern ihr Gefühl für ihr Kind ernst nehmen. Sie sind die ersten, die bemerken, wenn etwas nicht rund läuft. Wenn Unsicherheit besteht oder das Kind über längere Zeit wenig versteht, ist es sinnvoll, Fachpersonen hinzuzuziehen, z. B. LogopädInnen oder Coaches für Eltern.
An erster Stelle steht das Sprachverständnis und alle weiteren sprachlichen Bereiche bauen darauf auf, vor allem der Wortschatz. Bei einem 2- oder 3-jährigen Kind geht es weniger darum, ob es die Worte schon alle richtig aussprechen kann und die Sätze grammatikalisch richtig gebildet werden können. Blickkontakt, das Interesse am Gegenüber und das Sprachverständnis sind viel wichtiger. Denn sind diese Bereiche geklärt, entfalten sich die anderen Bereiche oft wie “von alleine”.
Welche Förderungsmöglichkeiten gibt es, wenn die Sprache stagniert?
Zunächst ist mir wichtig, einen Unterschied zu machen: Förderung ist nicht dasselbe wie Therapie.
Barbara Zollinger, bei der ich selbst gelernt habe und nach deren Therapieansatz ich arbeite, sagt:
„Kinder, die von guter Sprachförderung profitieren, brauchen keine Therapie.“
Förderung passiert überall im Alltag: beim Kochen, Spielen, Spazierengehen, Einkaufen. Kinder lernen dabei neue Wörter, beobachten, wie andere sprechen, und erweitern ihre Kommunikationsfähigkeiten durch echte Begegnungen.
Wenn ein Kind allerdings kein Interesse an Gegenständen und Personen zeigt, reicht Förderung allein nicht aus. Dann empfehle ich, eine Therapie nach dem Zollinger-Ansatz zu beginnen – kindgerecht, entwicklungspsychologisch und spieltherapeutisch aufgebaut. Das Kind wird dort abgeholt, wo es in der Sprachentwicklung steht und in die nächste Entwicklungsstufe begleitet.
Wie kann ich zu Hause mein Kind bei der Sprachentwicklung unterstützen?
Sprache entwickelt sich am besten dort, wo Spiel, Alltag und Beziehung zusammenkommen.
Ein guter Ansatz ist die vorbereitete Umgebung nach Maria Montessori: Räume und Materialien so gestalten, dass Kinder selbstständig vielfältige Erfahrungen machen können und vom funktionalen Umgang mit Dingen zum symbolischen Spiel gelangen. Barbara Zollinger spricht in diesem Zusammenhang von dem “durchschnittlichen Kinderzimmer”. Es müssen keine aufwendigen Spiele oder Materialien zur Sprachförderung besorgt werden, es reichen Materialien, die bei vielen Familien im Kinderzimmer bereits vorhanden sind. Ziel ist immer das Symbolspiel (das ich weiter oben bereits erklärt habe). Auch Sprache ist symbolisch aufgebaut und wird deshalb durch diese Spielform optimal unterstützt.
Beispiele für Spielmaterialien, die in ein Symbolspiel führen: Kochgeschirr, Besteck, Knete, Ausstechformen oder ein Nudelholz für Würstchen, Plätzchen oder Pizza im Rollenspiel, (Tier)Handpuppen, die „essen“ können, um symbolisches Spiel zu fördern, Spielautos, Figuren, Holzeisenbahn oder Bauklötze, um Alltagssituationen nachzustellen. Super sind auch Kaufmannsladenzubehör oder Verkleidungskiste, um Rollenspiel und Sprache zu verbinden
Im Spiel entsteht Blickkontakt, Nachahmung und Kommunikation. Kinder verbessern so ihr Sprachverständnis und entwickeln spielerisch ihren Wortschatz und die Fähigkeit, sich in Sätzen mitzuteilen.
All diese einfachen Spiele, für die es nicht viel braucht und die im Sommer natürlich auch gut im Sandkasten oder Garten gespielt werden können, unterstützen das Kind in seiner symbolischen Vorstellung und somit auch beim Sprechen lernen. Wenn das Kind darüber dann ein Interesse am Gegenüber aufbaut, dann zeigt es auch Blickkontakt und in dem Moment ist es dann auch offen für neue Wörter, die zur Spielsituation passen.
Mein Tipp: Beobachtet euer Kind genau, schaut, was es begeistert, und begleitet es dabei bewusst im Spiel. Wenn ihr das Gefühl habt, dass es noch Unterstützung braucht, könnt ihr Fachpersonen gezielt einbeziehen, um die Sprachentfaltung zusätzlich zu unterstützen – so verbinden Eltern ihr Wissen über das Kind mit professioneller Expertise.
Und: Nutzt Alltagssituationen, um dem Kind mit allen Sinnen neue Wörter nahe zu bringen. Es ist ein Unterschied, ob ein Kind eine Orange fühlen, riechen und schmecken kann oder nur im Bilderbuch betrachtet. Bereitet z.B. mit dem Kind einen Obstsalat zu und fördert so die Begriffsbildung durch echtes Begreifen des Obsts und der Küchengegenstände.
Du arbeitest schon lange in diesem Bereich: Gibt es heute mehr Kinder mit Verzögerungen als früher? Und woran liegt das?
Ich arbeite seit über 20 Jahren als Logopädin und fast von Beginn an auch mit dem Schwerpunkt Kindersprache. In dieser Zeit gab es immer Kinder mit Sprachentwicklungsverzögerungen – aber so viele wie heute habe ich tatsächlich noch nie erlebt.
Eine aktuelle Studie der kaufmännischen Krankenkassen bestätigt das: Von 2008 bis 2023 stieg der Anteil der 6- bis 18-Jährigen mit Sprach- und Sprechstörungen um rund 77 %. Bei den 6- bis 10-Jährigen war sogar jedes sechste Kind betroffen – unter anderem mit Problemen bei Laut- und Satzbildung, begrenztem Wortschatz oder Grammatikschwächen
Auch der Austausch mit FachkollegInnen zeigt, dass besonders die Anzahl der Kinder mit Sprachverständnisproblemen nicht abgenommen hat. Die Gründe dafür sind meines Erachtens vielfältig. Ich möchte hier drei für mich wichtige nennen:
Neue Medien wie Smartphone, Tablet oder Spielkonsole können die Auseinandersetzung mit der realen Welt reduzieren. Aber das erklärt nicht alles – ich sehe auch Kinder, deren Eltern bewusst Medien begrenzen, die trotzdem Sprachentwicklungsauffälligkeiten haben.
Hörprobleme, zum Beispiel durch häufige Mittelohrentzündungen in sensiblen Phasen für die Sprachentwicklung im Kleinkindalter, können die Sprachaufnahme erschweren. Dieser Grund ist nicht neu, doch mein subjektiver Eindruck ist, dass in den letzten Jahren die Infektanfälligkeit bei Kindern ebenfalls gestiegen ist. Deshalb könnte dieser Grund auch mehr zum Tragen kommen als in den Jahren zuvor. Eine Überprüfung des Hörens sollte auf jeden Fall auch jeder logopädischen Therapie voraus gehen.
Veränderte soziale und emotionale Erfahrungen: Die Kinder, die jetzt 6 oder 7 Jahre alt sind, befanden sich in ihrer sensiblen Sprachlernphase mitten in der Corona-Zeit. Viele Kleinkinder erlebten Menschen überwiegend mit Masken, konnten Mimik und Mundbewegungen nur eingeschränkt wahrnehmen und hatten weniger Gelegenheiten, Emotionen im Gesicht anderer zu erkennen. Das beeinflusst sowohl das Sprachverständnis als auch die emotionale Sicherheit im Austausch.
Und was viele vergessen: Auf der Lautsprache baut die Schriftsprache auf und diese Kinder, von denen ich spreche, wurden dieses Jahr eingeschult. Bereits nach den Herbstferien schlugen viele Lehrpersonen bundesweit Alarm, dass bei vielen Kindern große Sprachschwierigkeiten vorliegen, die auch den Start in die Schule und das Erlernen der Schriftsprache erschweren. Und erst Anfang dieses Monats haben hessische Lehrpersonen einen Brandbrief an das Kultusministerium überreicht, in dem sie auch auf enorme Defizite in der Sprachentwicklung hinweisen.
Diese Entwicklungen zeigen, wie wichtig es ist, Frühzeichen wahrzunehmen, auf die Vorläuferfähigkeiten für die Sprachentfaltung zu achten und Kinder gezielt in ihrer Sprachentfaltung zu begleiten. Noch viel zu oft kommen Kinder mit massiven Sprachentwicklungsauffälligkeiten (Auffälligkeiten im Bereich Sprachverständnis, Wortschatz, Grammatik, Artikulation) erst im Jahr vor der Einschulung in den logopädischen Praxen an. Lange Wartezeiten in den Praxen, die auch durch einen Fachkräftemangel entstehen, verbessern diese Situation nicht.
Kommen die Kinder auch oft zu spät zur Sprachentwicklung?
An mich wenden sich immer wieder Eltern von 5- und 6-jährigen Kindern, die sich bereits im Kleinkindalter um die Sprachentwicklung ihres Kindes sorgten. Sie fanden oft über Jahre keine guten Anlaufstellen und bekamen keine logopädische Verordnung vom Kinderarzt ausgestellt. Ich weiß, dass dies keine Einzelfälle sind. Auch im Austausch mit FachkollegInnen wird mir dies bestätigt. Teilweise scheint auch das Wissen bei den KinderärztInnen zu fehlen, dass auch 2- und 3-jährige Kinder bereits gut logopädisch in ihrer Sprachentwicklung unterstützt werden können (z.B. durch die entwicklungspsychologische Sprachtherapie nach Zollinger). “Logopädie ist jetzt noch nicht möglich.” hören viele Eltern von 2- und 3-jährigen Kindern von ihrem Kinderarzt.
Erst Jahre später wird ihnen dann bewusst, dass es in diesem Alter doch schon möglich gewesen wäre und wertvolle Zeit verstrichen ist. Eltern sind dabei die wichtigsten ExpertInnen: Sie spüren, was ihr Kind versteht, wie es kommuniziert und wo Unterstützung sinnvoll ist.
Wenn Eltern bereit sind bei Unsicherheiten eigeninitiativ Fachpersonen einzubeziehen, können auch schon kleine Kinder in ihrer Sprachentwicklung bestmöglich unterstützt werden – auch unter schwierigen Bedingungen.
Wenn du einen Tipp geben müsstest, den Eltern unbedingt umsetzen sollten, welcher wäre das?
Mein Tipp klingt einfach, erfahrungsgemäß war er aber schon für einige Eltern hilfreich. Es geht bei der ganzheitlichen Kindersprachbegleitung nämlich nicht um die Themen die die Eltern als wichtig für das Kind erachten, sondern immer um die Themen des Kindes. Deshalb empfehle ich allen Eltern: “Finde das Thema heraus, dass dein Kind interessiert und wenn ihr dieses GEMEINSAME Thema gefunden habt, dann ist der erste Schritt in die Kommunikation schon getan. “
Und dabei ist es ganz egal ob es sich dabei um Bauernhoftiere, Autos, Dinos, Prinzessinnen, Baustellenfahrzeuge oder Essenkochen handelt. Wichtig ist, dass ihr einen gemeinsamen Grund zum Austausch habt.
Dabei gilt: Nimm dir Zeit, dich auf dein Kind einzulassen – ohne Ablenkung und ohne es zuzutexten, egal auf welchem Sprachniveau es gerade ist.
Nutze den Blickkontakt deines Kindes als Fenster in seine Sprache. Kinder zeigen so, wann sie bereit sind zu kommunizieren und wann sie etwas verstanden haben. Lass deinem Kind Raum zum Wachsen und Entfalten. Sprache entwickelt sich nicht unter Druck, sondern im sicheren, neugierigen Austausch und in freudvollen Momenten
Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Du kannst nicht am Gras ziehen, dass es wächst.“
Übertragen auf Kinder bedeutet das: Du kannst nicht erzwingen, dass Wörter oder Sätze sofort richtig kommen – aber du kannst das Umfeld schaffen, in dem Sprache gedeiht: mit Aufmerksamkeit, Begeisterung für die Welt, Spiel und echten Gesprächen.
So könnt ihr als Eltern den Grundstein für eine gesunde, freudige Sprachentwicklung legen – und für einen erfolgreichen Start in den Bildungsweg.



7 comments
Eine liebe Kollegin meinte nach der Geburt meiner Tochter zu mir: Baden Sie Ihr Kind in Sprache.
Vorlesen, beim Spazierengehen Dinge benennen in der Umgebung (Kinderwagen so lange wie möglich mit Blickrichtung des Kindes zum Elternteil)
Stimmungen und Gefühle benennen, gemeinsam Geschichten erzählen, in der Warteschlange Sprachspiele spielen (Tier-ABC) und reden reden reden. Gerne macht das das Kind natürlich über Themen, die es interessiert, das wird in dem Artikel ja auch toll beschrieben.
Gestern waren wir im Zirkus und in der 20min Pause saß ein Vater mit seinem Sohn (5 oder 6 J) vor uns und hat TikTok-Videos mit dem Sohn angeschaut. STATT MIT IHM über den tollen Zirkus zu sprechen… da zieht es mir die Schuhe aus…
Moin 😊
Der Artikel ist insofern recht interessant, wir hatten ein Kind mit Sprach Verzögerung und es ist gar nicht so einfach, mit zwei bis drei Jahren die richtige Therapie zu bekommen. Das ist wirklich schwierig und man ist einfach so unsicher, wenn die Sprache so hinterherhinkt.
Ich mache jetzt aber mal Fremdwerbung: Das „Heidelberger Elterntraining“ ist in Kreisen von Eltern mit sprachverzögerten Kindern auch oft als hilfreich angesehen, zumindest haben wir das in einschlägigen Foren so wahrgenommen. Leider war unser Kind damals zu alt.
Vorteile vom oben genannten Programm:
1) kann von der KK übernommen werden
2)strukturiertes, evidenzbasiertes Programm
3) Es werden „Eltern“ und nicht nur „Mamas“ ausdrücklich angesprochen
Ich bin keine Hardcore Feministin und gendere eher nicht. Aber man hat auch keine Schmerzen dabei, wenn man statt „Mama Coaching“ lieber „Eltern-Coaching“ benutzt.
Viele Grüße
Stiefelkind
Hallo, etwas verspätet (ich bin Anfang Januar umgezogen) möchte ich auch auf deinen Kommentar noch antworten und dir dafür danken. Denn du hast recht. Es IST oft enorm schwer für viele Eltern, bei einem 2 oder 3-jährigen Kind in seiner Sorge um die Sprachentwicklung schon ernst genommen zu werden.
Deshalb bin ich auch sehr dankbar, dass Katharina mich genau zu diesem Thema interviewt hat. Denn es gibt Möglichkeiten auch bei einem 2- oder 3-jährigen Kind schon logopädische Unterstützung zu geben und wie ich in dem Interview deutlich gemacht habe, ist das auch sehr wichtig. Das kann das Heidelberger Elterntraining sein, das du erwähnt hast oder ein anderer Weg. Natürlich kenne ich das Heidelberger Elterntraining auch. In dem SPZ, in dem ich gearbeitet habe, wurde es auch angeboten. Es kann wirksam sein. Auf jeden Fall ist es gut, dass die Eltern so auch einen Ansprechpartner in diesen 7 Wochen haben. Im Fokus steht meines Wissens allerdings auch sehr die Bildbetrachtung und das Bilderbuch und dafür interessieren sich viele Kinder die „noch weit weg von Sprache sind“ oft noch gar nicht ( auf dem Foto über dem Interview, sind wir in einer Diagnostiksituation, da sind Bücher ein Teil der Überprüfung, in der Therapie nach Zollinger kommen Bilderbücher weniger in Einsatz). Es gilt also wirklich genau hinzuschauen, was das Kind und die Familie braucht.Übrigens gibt es die Therapie nach Zollinger auch über die Krankenkasse. Es braucht eben eine Logopädin mit dieser Zusatzqualifikation in einer Praxis. Und die Zollinger-Therapie ist mittlerweile auch gut erforscht und somit strukturiert und evidenzbasiert. Und natürlich werden bei der Zollinger-Therapie auch immer beide Elternteile angesprochen.
Ich selbst habe mich als Coachin allerdings ganz bewusst auf das „Mama-Coaching“ fokussiert, denn erstens sind es fast nur die Mamas gewesen, die sich an mich gewandt haben und zweitens bin ich selbst Mama eines entwicklungsverzögerten, neurodivergenten Sohnes und kann mich so auch auf Mama-Ebene gut einfühlen und in herausfordernde Situationen hineinversetzen. Mein Coaching ist weit mehr als „nur“ ein Ersatz für eine logopädische Therapie oder die Weitergabe von Wissen zur Sprachentwicklung, da mir in all den Jahren die ich ausschließlich als Logopädin innerhalb des Gesundheitssystems gearbeitet habe, bewusst geworden ist, dass gerade die Mama-Themen oft zu kurz kommen, da es in der Therapie ja um das Kind und seine Auffälligkeiten geht und ich mit meinem ganzheitlichen Blick (der sich vor allem während meines Jahreskurses bei Barbara Zollinger weiter geschärft hat) weiß, wie entscheidend das Thema Mutter-Kind-Bindung für die Sprachentfaltung ist. All diese Themen vereine ich jetzt in meinem 12-wöchigen Coaching, in dem ich auch bewusst neben 12 Gruppencoachings- auch 6 individuelle Einzelcoachings eingeplant habe. Deshalb bereitet es mir an der Stelle schon „Schmerzen“ von Eltern-Coaching zu reden, da es bewusst ein Mama-Coaching ist. An anderen Stellen rede ich, wie auch im Interview, dann gerne wieder von Eltern und grundsätzlich wird bei mir auch kein Papa ausgesperrt;-) Ich hatte auch schon einige Erstgespräche in denen die Papas anwesend waren, denn natürlich ist das Mama-Coaching noch effektiver, wenn auch die Papas den Prozess unterstützen und verstehen, weshalb ich mein Coaching so aufgebaut habe.
Übrigens ist es bei der Zollinger-Therapie egal wie alt dein Kind ist. Auch bei einem 5-jährigen Kind setzte ich im Bereich Sprachentwicklung/Sprachverständnis z.B. auf der Ebene 2,5 Jahre an, wenn sich das in der Diagnostik so zeigt. Denn es geht um das Entwicklungsalter des Kindes und da Logopädie leider oft nicht im Lebensalter von 1-3 Jahren verordnet wird, obwohl ein Bedarf bestehen würde, muss ich dann auch ein 5-jähriges Kind genau da abholen. Doch es dauert dann in der Regel natürlich keine 2,5 Jahre, bis das Kind sich sprachlich auf den Stand eines 5-jährigen Kindes bewegt hat. Wichtig ist, dass es Unterstützung bekommt und das im Idealfall so früh wie möglich und die Erfahrungen der letzten Jahre zeigt leider, dass Logopädie über die Krankenkasse meist zu spät verordnet wird…
Viele Grüße
Christine
Unbedingt abzuklären ist das Hörvermögen. Das kann nicht jeder Kinderarzt. Der richtige Ansprechpartner ist hier der Pädaudiologe.
Genau, das meinte ich bei meinem Hinweis für mögliche Gründe für die Zunahme an Sprachentwicklungsverzögerungen. Und ja, der Pädaudiologe ist der beste und spezialisierteste Ansprechpartner in diesem Fall. Ein guter Kinderarzt wird vermutlich auch an diese Adresse verweisen, wenn ein Verdacht auf eine Hörstörung besteht. Gerade wenn bestimmte Laute nicht korrekt gebildet werden können, kann dies auch damit zusammenhängen, dass sie nicht korrekt gehört werden. Dann sind entsprechende HNO-Maßnahmen oft von entscheidender Wirkung.
Kein(e) LogopädIn wird ohne eine Abklärunge der Hörfähigkeit behandeln.
Danke für deinen wertvollen Hinweis bezüglicher der Pädaudiologen.
Ergänzend möchte ich noch erwähnen, dass ein eingeschränktes Hörvermögen bei den Kindern, die ich in den letzten 20 Jahren nach dem Zollinger-Konzept behandelt habe, in den seltensten Fällen der Grund für die Sprachentwicklungsverzögerung war. Doch ein Abklärung ist in jedem Fall der erste Schritt, da Sprechen und Hören nun mal direkt miteinander im Zusammenhang stehen!
Sprachentwicklung ist bei Kindern immer ein spannender Prozess. Vor allem, wenn Kinder zweisprachig aufwachsen, ist das oftmals eine tolle Hilfe für später. In jungen Jahren kann man Sprachen meist deutlich leichter lernen. Es müssen aber auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes geachtet werden. Ein Kind lernt schneller, das andere braucht etwas mehr Zeit. Auf jeden Fall Danke für deine tollen Tipps!
Ich danke dir für deinen wertschätzenden Kommentar und deinen Impuls zur Zwei/Mehrsprachigkeit.
Das ist ein Aspekt, den ich im Interview nicht beleuchtet habe, da tatsächlich die Mehrsprachigkeit nicht der Grund für eine Sprachentwicklungsverzögerung ist. Es gibt zwar auch viele mehrsprachige Kinder, die Sprachentwicklungsverzögerungen zeigen, doch im Vergleich gibt es weltweit gesehen auch sehr viele mehrsprachige Kinder, bei denen die Sprachentwicklung problemlos verläuft, trotz zwei oder mehreren Sprachen im Hintergrund. Und ja, wie du bereits geschrieben hast, ist es grundsätzlich kein Problem, vor allem als Kind/junger Mensch mehrere Sprachen zu erlernen. Gelingt es nicht, sollte nach dem Grund dafür gesucht werden. Aus ganzheitlicher und entwicklungspsychologischer logopädischer Sicht ist auch hier oft die Mutter-Kind-Bindung von großer Bedeutung. Das weiter auszuführen würde jedoch den Rahmen hier sprengen und wäre ein eigenes Thema. Auf jeden Fall sehr spannend. Die individuelle Betrachtungsweise ist immer sehr wichtig und dafür nehme ich mir am Anfang, wenn ich die Familien kennenlerne, auch immer viel Zeit und besonders die Mutter-Kind-Bindung ist auch ein entscheidender Teil meines Mama-Coachings, von dem ich im Interview sprach.
Ich freue mich sehr, dass du meine Tipps als wertvoll empfindest.