Kein Stress, viel Ruhe, viel Me-Time: Annett über ihre Zeit in der Mutter-Kind-Kur

Mutter-Kind-Kur

Foto: Freepik

Ihr Lieben, heute gibt´s mal eine schöne Geschichte zum Thema Mutter-Kind-Kur. Vielleicht überlegt ja gerade, eine zu beantragen und braucht einen letzten Stupser? Dann solltest du das Interview mit Annett unbedingt lesen, denn sie hat in ihrer Mutter-Kind-Kur ganz ganz viel Kraft tanken können.

Liebe Annett, du warst kürzlich mit deiner jüngsten Tochter zur Kur. Warum hast du dich entschieden, eine Kur zu beantragen?

Seit Jahren ist mein Alltag sehr voll – drei Kinder mit Hobbys (wir wohnen auf dem Land, deshalb gehen Kinderhobbys mit einigen Fahrdiensten einher), Haus, großes Grundstück, verantwortungsvoller Job und ich kümmere mich intensiv um meine Großeltern. Beide haben einen Pflegegrad und ich übernehme Einkäufe, Arzttermine mit ihnen, wasche die Wäsche und kümmere mich um praktisch alle Belange ihres Lebens. 

Da ich mit dem Grundsatz „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ großgezogen wurde, fällt es mir unheimlich schwer Pausen einzulegen. Ich möchte schnellstmöglich Aufgaben und Probleme abhaken – weshalb die tägliche To-do-Liste mich meist bis Mitternacht beschäftigt. Fünf Stunden Schlaf sind über Monate hinweg doch recht wenig. Bei mir haben sich dadurch Stresssymptome wie Engegefühl im Brustkorb, Kopfschmerzen, unendliche Müdigkeit und Erschöpfung angesammelt, die auch während Urlauben nicht weggingen. Ich fühlte mich wie eine Getriebene. Meine Hausärztin war sofort dafür, eine Kur zu beantragen und meinte dann, wir können im Antrag nicht alles aufzählen was zu den Belastungsfaktoren gehört, sonst klingt es, als würden wir übertreiben. 

Wir haben den Antrag im Oktober gestellt, im November war die Genehmigung der Krankenkasse da und mit viel telefonieren und Glück hatte ich dann einen Restplatz bereits für Januar ergattert.

Du hast ja drei Kinder – warum sind die Großen nicht mitgekommen?

Meine große Tochter ist bereits 15 und somit zu alt für eine Mutter-Kind-Kur. Mein mittlerer Sohn mit 11 Jahren hätte mitgekonnt und wäre aufgrund einer schweren Allergie, die mit ständigen Lungenentzündungen einhergeht, sogar gut aufgehoben gewesen. Allerdings wollte er nicht drei Wochen in Schule und Sportverein fehlen und ohne die Kumpels ist in dem Alter eh alles doof. Er hat sich deshalb klar gegen die Mitfahrt entschieden. Die beiden Großen waren zu der Zeit bei ihrem Vater, also meinem Exmann und seiner Familie. Dort sind Sie sowieso ähnlich dem Wechselmodell und in dem Fall für den gesamten Kurzeitraum. 

Wo warst du genau zur Kur und was war dein Ziel dort?

Wir waren in Graal-Müritz an der Ostsee. Mein persönliches Ziel war es, vollkommen zur Ruhe zu kommen, drei Wochen keinerlei Stress zu verspüren, wieder ohne engen Brustkorb durchatmen zu können. Zeit mit meiner jüngsten Tochter ohne die Sätze „Jetzt nicht…“, „Später vielleicht…“, „Beeil Dich!“ Außerdem wollte ich möglichst viel Bewegung an der frischen Luft.

Wie sah ein typischer Tag dort für dich aus?

Je nachdem wann die erste Therapieeinheit losging (u.a. stand im Therapieplan Nordic Walking, Rückenschule, Kräftigung, Achtsamkeitstraining, Gruppengespräche u.v.m.) konnten wir unter der Woche bis etwa 7.15 Uhr schlafen. Dann waren wir gemeinsam frühstücken – das Essen war abwechslungsreich und lecker.

Anschließend habe ich meine Tochter in die Kinderbetreuung gebracht und bin zur Therapie gegangen. Es gab Tage mit vollem Therapieplan von 9 bis 13.30 Uhr, aber auch einen Tag pro Woche den wir ganz für uns nutzen sollten. Oftmals gab es auch ein Stündchen zwischen den Therapien zur freien Verfügung – die man mit Lesen, Schlafen, einem Schwatz bei Kaffee oder Dingen verbracht hat, die einem in dem Moment guttaten. Ich habe beispielweise oft die Laufschuhe angezogen und war draußen.

Um 14 Uhr habe ich meine Tochter aus der Betreuung geholt. Entweder wir haben dann an einem freiwilligen Angebot für Eltern und Kind (z.B. Igelballmassage, Kerzen gießen oder kochen in der Lehrküche) teilgenommen oder waren am Strand, auf dem Spielplatz, im Wald. Auch Malen, Basteln, Puzzeln oder Karten spielen ohne Zeitdruck haben wir sehr genossen. 17.30 Uhr sind wir dann meist zum Abendessen und haben uns anschließend auf unser Zimmer zurückgezogen. Wir haben uns gemeinsam bettfertig gemacht, gekuschelt und vorgelesen und 20 Uhr ist meine Tochter eingeschlafen. Um 21 Uhr ging auch bei mir das Licht aus und ich habe tief und erholsam geschlafen. 

Wie wohl hat sich deine Tochter dort gefühlt?

Für meine Tochter waren die ersten Tage ein großes Abenteuer. Neue Umgebung, viele Kinder, ein komplett anderer Tagesrhythmus und dazu noch Kinderbetreuung bei erstmal fremden Personen. Sie hat das toll gemeistert und meine Sorge im Vorfeld war vollkommen unbegründet. Schnell waren Freundschaften geschlossen und mit großer Freude wurde auf den Tages-Aktionsplan neben der Betreuungstür geschaut.

Da meine Tochter Begleitkind war, hatte sie keine Therapien in dem Sinne, sondern hat einfach das Programm der Kinderbetreuung mitgemacht – was mit Highlights wie Freundschaftsbänder knüpfen, Ostseeflaschen gestalten etc. – aber auch täglichem Besuch des Strandes versehen war. 

Anfangs hatte sie etwas Probleme mit der zeitlichen Orientierung – wie lang sind drei Wochen, wann kommt Papa uns besuchen, wann fahren wir heim. Wir haben dann eine Kalenderübersicht gebastelt und sie hat abends den Tag durchgestrichen. Somit war alles etwas greifbarer. Die Wochenenden haben wir mit dem Besuch bei Karls Erdbeerhof, im Zoo Rostock oder auch einem Bummel durch Warnemünde gefüllt. Am mittleren Wochenende war mein Partner/der Papa meiner Tochter zu Besuch. Er hatte eine Ferienwohnung nur wenige Straßen neben der Kureinrichtung. 

Insgesamt hat meine Tochter die gesamte Kurzeit unheimlich genossen. So viel Mamazeit! Aber auch Telefonate mit den großen Geschwistern durften nicht fehlen, und letztlich hat sie sich auch sehr gefreut, als wir als Familie wieder vereint waren.

Was war für dich die größte Erkenntnis während der Kur?

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Mir war von vornherein klar, dass eine Kur die Menschen um mich herum und meine Probleme nicht lösen kann. Das kann ich nur selbst. Mir haben über Jahre hinweg Zeit und innere Ruhe gefehlt, über mein Leben reflektiert nachzudenken. Das konnte ich während der Kur. Ich habe bewusst auch viel Zeit allein verbracht und war spazieren, habe nachgedacht – nicht gestresst und getrieben – sondern liebevoll und achtsam. Das war eine intensive Erfahrung.

Die erste Woche habe ich tatsächlich benötigt, um erstmal runterzufahren, loszulassen. Auch kamen in meinen Träumen nachts manchmal Ereignisse hoch, die ich vor längerer Zeit verdrängt hatte. Auch solche Dinge habe ich auf meinen Frischluftrunden im Geiste betrachtet, teilweise verabschiedet oder manchmal einfach eine Träne vergossen, die ich zum damaligen Ereigniszeitpunkt verkniffen hatte. Letztlich habe ich mich in Reinform wiedergefunden, was unglaublich schön war.

Gibt es eine Routine, die du von dort aus mitgenommen hast und heute noch machst?

Grundsätzlich bin ich erstmal gespannt, wie lange das Gefühl noch anhält ausgeruht zu sein. Auch bin ich derzeit noch wesentlich stressresistenter. Ich kann mich besser abgrenzen, nehme nicht alles gleich als Problem war und bin dadurch insgesamt ausgeglichener. Die Nächte sind leider schon wieder viel zu kurz und die Tage zu voll. Aber das ist mein Leben und ich habe mir vorgenommen, mich nicht darüber zu ärgern oder aufzuregen, sondern sanfter mit mir selbst zu sein. 

Es gibt ja immer wieder Stimmen, die negativ über solche Kuren sprechen. Was meinst du ist wichtig, damit ein Aufenthalt gelingt?

Grundsätzlich sollte man sich informieren wie groß die Einrichtung ist und welche Schwerpunkte sie hat. Ich hatte mich bewusst für ein kleines Therapiezentrum entschieden um z.B. das Risiko für u.a. Magen-Darm-Erkrankungen etwas zu minimieren. Auch der Lärmpegel ist in Essen- und Gemeinschaftsräumen umso höher, je mehr Personen da sind. 

Während einer Kur treffen Leute aufeinander, die alle nicht grundlos dort sein. Jeder hat sein Päckchen. Ich persönlich war auch nicht dort, um Freunde zu finden, sondern um mich selbst wieder zu finden. Unsere Therapiegruppe bestand aus 10 Personen und natürlich verbringt man gemeinsame Zeit, quasselt beim Essen und tauscht sich aus. Dennoch habe ich bewusst viel Zeit für mich und auch allein mit meiner Tochter verbracht.

Auch was die Therapien anbelangt – jeder bringt eine körperlich unterschiedliche Verfassung mit. Während sich die einen bei den Übungen langweilen, sind die anderen vollkommen ausgepowert. Die einen sind dankbar über Erfahrungen oder Hinweise in Gruppengesprächen, andere fühlen sich dabei unwohl. Aber auch hier kann man persönliche Anpassungen vornehmen und klar kommunizieren. Wem z.B. bei uns Nordic Walking zu langweilig war, der ist in der Zeit eben rennen gegangen und hat von den Therapeuten trotzdem die Unterschrift erhalten. Kommunikation hilft. 

Erzählst du uns eine Szene aus der Kur, die dich besonders glücklich gemacht hat? 

In der letzten Woche hatte ich einen Zustand erreicht, in dem ich mich ausgeruht und erholt gefühlt habe. Ganz aus meinem Inneren kam plötzlich eine Erinnerung an den Film „Die Herrlichkeit des Lebens“. Der Film zeigt das letzte Lebensjahr von Franz Kafka, in dem er seine große Liebe Dora trifft – in Graal-Müritz! Ich war direkt Feuer und Flamme und wollte meine therapiefreie Zeit am nächsten Tag unbedingt nutzen, um auf den Spuren von Franz Kafka zu wandeln. Ich bin deshalb extra in die Touristeninformation gegangen und habe gefragt, ob das Haus noch steht in welchem Kafka während seines Aufenthaltes gewohnt hat.

Das Haus steht nicht mehr, aber eine Gedenktafel und ein Weg wurde nach ihm benannt. Ich habe den Plan in die Tat umgesetzt, war 8 km auf Kafkas Spuren unterwegs. Ich war so dankbar, dass ich die Zeit hatte diesem inneren Bedürfnis nachzugehen, noch dazu ohne Ablenkung, Stress, mit dem Wissen, das meine Tochter währenddessen gut betreut war, ohne schlechtes Gewissen, weil Haushalt liegenbleibt oder andere Dinge erledigt werden müssen – einfach, weil es in diesem kostbaren Moment nichts anders gab als mich in Reinform. Das war pures Glück und ein unglaubliches Gefühl, von dem ich hoffentlich noch lange zehre. 

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9 comments

  1. Auch wenn es böse klingt.
    Wenn jemand eine Mutter Kind Kur braucht dann bitte selbst bezahlen.
    Es gibt soviel kranke Menschen die soviel selbst bezahlen. Meine Mama hat mit fast 80 meinen Papa bis zum Ende gepflegt und musste um alles betteln bzw von der Krankenkasse genehmigen lassen. Aber Mutter Kind Wellness wird bezahlt. Total verkehrte Welt

    1. Eine Mutter-Kind-Kur ist kein Wellness, sondern Therapie und Prävention. Eltern können durchatmen, neue Impulse bekommen, Strategien für einen besseren Alltag lernen. Das ist der Anstoß für ein gesünderes Leben und kann viele Beschwerden lindern oder dafür sorgen, dass sie gar nicht erst auftreten. Ich finde es gut, dass es diese Möglichkeit für Familien gibt.

  2. An unsere beiden Mutter-Kind-Kuren denke ich gerne zurück. Was ich bei der ersten Kur unterschätzt habe: es ist kein Urlaub. Sowohl für die Kinder als auch für mich gab es täglich ab ca. 8 Uhr einen vollgepackten Tagesplan, mein Sohn tat sich mit anderthalb Jahren mit der Betreuung sehr schwer, er kannte bis dahin noch keine Fremdbetreuung und ich musste deshalb den ein oder anderen Termin absagen. Der Trubel bei den Mahlzeiten in unserer größeren Kurklinik war nicht zu unterschätzen. Trotzdem bin ich dankbar für drei sonnige Wochen an der Ostsee mit netten Leuten. Sechs Jahre später fuhren wir nochmal. Mit zwei größeren Kindern war das viel entspannter.

    1. Also ich weiß nicht, so gut ich den Ursprungsartikel fand, so sehr klingt in diesem Kommentar (mindestens) das Thema „super, Urlaub auf Kosten der Solidargemeinschaft “ an.

      1. Ich hatte eher den Eindruck, dass der Kommentar „verrutscht“ ist und zu dem Artikel gehört, wo man einen Urlaub gewinnen kann.

  3. Alles in allem kann ich das Gesagte nur unterstreichen, aber man muss sich im Klaren darüber sein, dass es mit der Kinderbetreuung, me-time und Erholung in dem Moment vorbei ist, wo das Kind krank wird. Dann ist unter Umständen-vor allem bei Magen Darm Symptomen – Zimmerarrest für die ganze Familie angesagt und das Elternteil darf, wenn überhaupt, nur zum Wäschewaschen raus.
    In meiner Kur (anderer Ort) waren einige Familien betroffen, deren Kinder nach einem Eisdielenbesuch Symptome einer Lebensmittelvergiftung zeigten (Staph. aureus- Intox). Also nichts ansteckendes. Die waren trotzdem für 4 Tage mit allen Kindern in ihre Zimmer verbannt, essen wurde ihnen vor die Tür gestellt, wie im Gefängnis.
    Noch ein Tip: nach Bewilligung muss die Kur innerhalb eines halben Jahres angetreten werden. Da die Bewilligung i.d.R. schnell geht (Rechtsanspruch nach SGB für gesetzlich Versicherte), sollte man den Antrag nicht im August stellen, wenn man sich die Kur im Sommer wünscht.

  4. Danke für den schönen Kurbericht. Ich war im Sommer letzten Jahres mit meinen Kindern zur Mutter-Kind-Kur und habe es auch sehr genossen. Wir waren an der Nordsee. Es tat so gut, einfach mal aus dem Alltag rauszukommen. Am liebsten würde ich gleich wieder fahren.

  5. Wir hatten im Februar/März 2024 auch eine wunderbare Kur als gesamte Familie, mein Mann, ich und unsere 5 Kinder im Erzgebirge. Wir haben jeder eine Mutter- bzw. Vater-Kind-Kur beantragt und eine Klinik gefunden, die uns alle gemeinsam aufnimmt. Es war eine wunderbare Zeit für uns als Familie, als Paar und auch jeder für sich konnte etwas daraus mitnehmen! Wir möchten diese Zeit nicht missen und würden sofort wieder losfahren, wenn es denn möglich wäre.
    Perfekt wäre es, wenn man im Anschluss an die Kur noch eine Unterstützung hätte, die vielen Anregungen und Anstöße dauerhaft in den eigenen Alltag zu integrieren. Das ist nämlich auf Dauer gar nicht so einfach, wenn sich dann das Hamsterrad einfach wieder weiter dreht. Sobald es möglich ist, würden wir wieder eine Kur beantragen.
    Kleiner Tipp am Rande: bei uns in der Stadt gibt es von der Caritas einen Service, der einen bei der Beantragung der Kur bei der Krankenkasse und beim Finden einer passenden Kureinrichtung unterstützt. Das war wirklich eine große Hilfe für uns!

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