Ihr Lieben, wenn das eigene Kind an einer psychischen Erkrankung leidet, ist das für Eltern nur sehr schwer auszuhalten. Die 15jährige Tochter unserer Leserin ist magersüchtig geworden. Sie hat irgendwann das Essen fast gänzlich eingestellt, dazu aber fast eine Art Sportsucht entwickelt, was zu einem stationären Klinikaufenthalt führte. Wie es der Familie in dieser Zeit erging und wie es heute um die Tochter steht, erzählt die Mama hier im Interview.
Du Liebe, deine 15jährige Tochter ist magersüchtig, wie ist der aktuelle Stand grad?
Meine Tochter ist jetzt seit sieben Wochen stationär in der Klinik. Es ist eine Klinik speziell für Essstörungen. Dort macht sie gute Fortschritte, die wir zu Hause nie hätten erreichen können.
Was sind das für Fortschritte, die ihr zu Hause nie erreicht hättet?
Dass sie jetzt wieder mehr und strukturierter isst. Sie hatte anfangs in der Klinik eine Essbetreuung. Sie redet wieder viel mehr und offener. Sie hat den Wunsch, wieder gesund zu sein. Ich denke, das ist das Wichtigste.
Kannst du sagen, wann das so ungefähr begann bei ihr, dass der Körper Thema wurde?
Es begann Anfang letzten Jahres ganz harmlos. Sie wollte auf Süßigkeiten verzichten, dann ging es schleichend immer weiter. Sie hat dann kein Essen mehr mit in die Schule genommen. Sie aß nur dreimal am Tag und das wurde alles berechnet.
Wann hast du gedacht: Hm, ein bisschen ist ja normal, aber das nimmt hier jetzt Formen an, die nicht mehr gesund sind?
Ich bin aufmerksam geworden, nachdem sie über einen längeren Zeitraum ihre Periode nicht mehr bekam. Ich vereinbarte mit ihr einen Termin bei der Gynäkologin. Dort bekam sie die Pille verschrieben, um damit die Periode wieder herbeizuführen. Das fühlte sich für mich aber nicht richtig an, auch der Kinderarzt sah es als nicht richtig an.
Wie bist du darüber mit deiner Tochter ins Gespräch gegangen, konntet ihr darüber sprechen?
Ich habe immer wieder mit ihr gesprochen und Termine beim Kinderarzt und der Psychologin vereinbart. Diese Termine fanden im zwei- bis dreiwöchigen Abstand statt. Aber all das half ihr nicht, es wurde alles zwanghafter und es entwickelte sich zusätzlich ein krasser Bewegungsdrang bei ihr.
Wann hat sie sich selbst eingestanden, dass sie Hilfe braucht, wie ging es ihr da, wie sah sie da aus, was wog sie da?
Das war Anfang des Jahres, als sie gemerkt hat, dass sie da so nicht mehr selbst rauskommt. Die Stimme in ihrem Kopf wurde immer lauter. Es ging ihr zunehmend schlechter und zusätzlich war da ja noch der Bewegungsdrang, der an eine Sportsucht grenzte.
Sie hat in einer Garde getanzt und spielt Basketball, das konnten wir ihr bis kurz vor der Klinik nicht nehmen. Beim Basketballtraining wurde ihr dann aber schwarz vor Augen – und trotzdem: selbst da hätte sie am liebsten noch weiter gemacht. Zum Zeitpunkt als sie in die Klinik kam wog sie nur noch 43kg, war blass und wirkte apathisch.
Und: Wie ging und geht es dir mit all dem? Hattest du auch mal Sorge, um ihr Überleben?
Mir ging und geht es nicht gut, mein Nervensystem steht häufig unter Strom und ich sorge mich sehr. Ja, ich hatte tatsächlich sehr große Angst um ihr Überleben und das ist so schlimm, dass man es kaum aushält.
Zurück ins Heute: Wie ist es für dich als Mutter, das jetzt zu begleiten? Ist da Hilflosigkeit? Oder hinterfragst du dich selbst? Oder hast du tolle Ansprechpartner, die dich da beruhigen können und die bestätigen, dass es da ganz viele verschiedene begünstigende Faktoren gibt, die zu Magersucht führen können?
Es war eine schlimme Zeit bevor es in die Klinik ging, weil wir nicht an sie herankamen und ihr nicht helfen konnten. Das Gute war, dass sie selbst in die Klinik wollte und sich eingestanden hat, dass sie Hilfe braucht. Ich glaube, das ist das Allerwichtigste!
Was werden bei euch jetzt die nächsten Schritte sein?
Sie wird jetzt noch fünf weitere Wochen in der Klinik bleiben und sich dort hoffentlich noch weiter stabilisieren. Und wenn sie nach Hause kommt, wird sie hier weiter zur ambulanten Therapie gehen.
Was wünschst du dir für alle Familien, die in einer ähnlichen Lage sind wie ihr?
Ich wünsche allen viel Geduld in der Begleitung und frühzeitige Hilfe durch TherapeutInnen.




2 comments
Ein so wichtiges Thema! Unsere Tochter kämpft auch. Es ist ein Marathon und sehr anstrengend. Man kann es als Außenstehender nur sehr schwer nachvollziehen was in den Kindern vor sich geht und das selbst mitzuerleben ist die Hölle, wie das Kind immer weniger wird❤️🩹😢
Ich drücke euch von Herzen die Daumen. 🫂
Toll, dass ihr auf dieses Thema aufmerksam macht. Leider sind so viele junge Frauen betroffen.
Bei unserer Tochter fing es vor ca. 1 Jahr an extrem zu werden. Sie hatte aber vorher schon häufig mit Bauchschmerzen und Kopfschmerzen zu kämpfen und kein Arzt konnte die Ursache finden. So hat sie sich dann mit veränderter Ernährung selbst „geholfen“ und ist in die Magersucht gerutscht (schlussendlich ist es eine Sorbit und Fructose Intoleranz) . Durch schnelle Therapie und eine tolle Ernährungsberatung hat sie es ohne Klinikaufenthalt geschafft und kämpft sich jeden Tag ein bisschen mehr ins Leben zurück.
Leider denken viele, auch die Schule, dass sobald die Therapie beendet ist, auch alles wieder normal laufen muss. Da würde ich mir mehr Verständnis und Unterstützung wünschen.
Ich wünsche euch viel Kraft für die Zukunft.