Mach´s gut, Uroma: Wenn Teenager Abschied nehmen

Uroma

Ihr Lieben, als mich in der letzten Woche der Anruf erreichte, dass es meiner Oma nicht gut gehe und wir bitte dringend kommen sollen war der Papa grad auf Dienstreise und ich sagte zu den 17Jährigen, dass es sein könne, dass es mit ihrer Uroma zu Ende ginge und dass ich mich jetzt sofort mit meiner Mutter auf den Weg zu ihr mache.

Ich legte ihnen Geld hin und sagte, sie könnten sich zusammen mit unserem Gastkind eine Pizza bestellen. „Na klar, das machen wir“, sagten sie. Und dann fragte einer von ihnen: „Hey, aber: Wie geht es denn DIR damit jetzt?“ Und diese Frage traf mich so ungefiltert ins Herz, dass ich eigentlich nur warm lächeln konnte.

Ich war noch mitten im Funktionieren und Organisieren und dann kommt da so eine Empathie daher, so ein echtes Interesse und so viel Menschlichkeit, dass es sich jetzt beim Schreiben noch ganz wolkig-weich anfühlt. „Ich glaube, es ist okay, aber wir schauen jetzt erstmal nach ihr“. Vielleicht hab ich sowas geantwortet, aber ich weiß es nicht mehr.

Mit 92 Jahren darf man von dieser Welt gehen. Und trotzdem endet natürlich eine Ära. Und da sind plötzlich wieder Bilder aus der Kindheit und Jugend. Da läuft der letzte große Geburtstag, die Party zum 90. mit so vielen Menschen nochmal wie ein Film vor dem inneren Auge ab. Da merkt man, dass jetzt auch die Letzte aus der älteren Generation wirklich geht. Da sortiert sich das Gefüge wieder neu.

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Und dann kommst du an und kümmerst dich und fährst wieder und dann kommt doch wieder ein Anruf, es sollten jetzt doch alle wiederkommen, es könnte sein, dass sie es schafft. Und dann bist du ganz im Moment. Hörst auf jeden Atemzug. Singst Lieder. Hältst Hände. Spürst den Familienzusammenhalt. Wortloses Zusammenspiel. Und ein klares „Hier geht niemand allein“.

Du schläfst wenig und bist Teil einer Zwischenwelt. Dockst ab und zu zu Hause an und legst dich einfach neben deinen Teenager auf die Couch. Fährst weg, kommst wieder und wirst umarmt: „Mama, wir dachten, wir träfen dich jetzt in Tränen aufgelöst“. Es geht, es geht, danke, dass ihr so auf mich schaut. Und dann schafft sie es. Meine Oma. Ihre Uroma.

Meine Mutter ruft an, wir fahren los. Die Kinder sind noch in der Schule, ich sage allein Bescheid. Wir fahren jetzt erstmal los. Wir sind jetzt erstmal dort. Ich schaue mir auf dem Handy Bilder meiner Oma an. Das Gerät schlägt mir einen Film aus den Bildern vor. Mit Musik unterlegt. Auch diesen schicke ich in die Familien-WhatsApp-Gruppe. „Oh Gott“, „Arme Oma“, „Och nööö“, „Wir zünden ein Kerzchen an“.

Die Uroma sieht ganz friedlich aus. Sie ist in ihrem Zuhause gestorben. Alles wie immer. Und nichts mehr wie zuvor. Ich verbringe den Nachmittag bei ihr, mit Tante, Mama, Cousin. Ich schreibe: „Kinder, wir könnten heute Abend alle nochmal zusammen Tschüss sagen gehen.“ „Hmm.“ Unsere Kinder haben das Glück, bislang von größeren Schicksalsschlägen verschont worden zu sein, sie haben noch nie eine gestorbene Person gesehen, nur unseren Hund als er gegangen war, das erinnern sie noch.

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Ich fahre heim, wir essen zusammen zu Abend, dann ruft meine Mutter an, ob wir sie abholen können. Unsere Jungs nutzen grad jede Gelegenheit, um Auto fahren zu können. Ich frage: Würdet ihr mitkommen? Die Oma abholen? Der Uroma Tschüss sagen? Ihr dürft auch fahren. Einer hin, einer zurück. Okay. Lass uns los.

Ich erzähl, dass das Bett wie immer rechts um die Ecke steht. Dass die Uroma ein bisschen aussieht wie eine Figur bei Madame Tussauds, wie im Wachfigurenkabinett. Dass Augen und Mund geschlossen sind. Dass sie friedlich aussieht. Du gehst aber vor, Mama.

Uroma, mach´s gut

Als wir ankommen ist der Arzt grad da, um den Totenschein auszustellen. Okay. Wir schauen nur kurz in den Raum, gehen eben ums Eck und schauen aufs Bett. Zur Uroma. Uff. Da stockt schon mal kurz der Atem. Da will man schon eigentlich direkt wieder raus. „Könnten Sie kurz rausgehen, dauert nicht lang?“, sagt der Arzt. Und wir verlassen die Situation, holen kurz Luft, gehen nochmal dahin, wo wir das letzte Eis mit der Oma gegessen haben, schauen in die Kapelle, erinnern uns.

Dann gehen wir nochmal hoch. In Ruhe. Genießen den schönen Ausblick aus ihrer Wohnung, stellen uns Arm in Arm ans Fußende des Bettes. Zwilling, Oma, Zwilling, Mama. Tschüss, Uroma. Mach´s gut.

„Wir verdanken ihr so viel“ steht auf der Traueranzeige. Acht Enkel und 13 Urenkel stehen drauf. Das 14. Urenkelchen ist unterwegs. Es wird ein riesengroßes Familientreffen, wenn wir morgen alle zusammen an ihrem Grab noch ein letztes Mal Abschied nehmen. Ein kleiner Urenkel möchte unbedingt „beim Einbuddeln“ helfen. Ein anderer möchte Taschentücher mitbringen, um sie an traurige Erwachsene zu verteilen. Und das dürfen sie. Alle dürfen Teil des Ganzen werden. Egal, ob groß oder klein.

Ein großes weiches Familienmosaik aus verschiedensten bunten Teilen, in dem die Uroma weich gebettet von dieser Welt gehen darf. In Frieden. Für immer. Und geliebt. <3

Man darf mit 92 gehen.

Und trotzdem darf auch das traurig sein.

Wie gut, dass wir uns alle gegenseitig haben.

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5 comments

  1. bei uns starb die Oma vor 2 Wochen. 2 Tage vor dem 94iger. Dement und sie wollte nicht mehr essen. war für sie so besser.

    Bei der Trauerfeier hat es mich dennoch mitgenommen. Aber die Angst vor dem Begräbnis habe ich verloren.

  2. Meine liebe Omi, auch eine Uromi ist vor einer Woche im Alter von 90 Jahren gestorben.
    Ich kenne jedes der beschriebenen Gefühle. Es tut weh, aber man ist nicht alleine.
    Alles Liebe für deine Familie.

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