Ihr Lieben, wusstet ihr, dass Pilates ursprünglich ein Reha-Programm war – von einem Mann für Männer entwickelt? Trotzdem hört unsere Leserin Olga Keller, die ein Pilates-Studio in Zürich betreibt noch immer oft: „Das ist doch ein Frauen-Sport“. Dabei hat sie aktuell mehr Männer als Frauen im Studio!
Viele von ihnen kommen nach Schlüsselmomenten: Verletzungen, Rückenprobleme, Stress, Umdenken. Viele wurden aber ursprünglich von ihren Frauen geschickt! Damit sie fit und beweglich bleiben und nicht irgendwann ins sprichwörtliche „Zwingertraining“ müssen. Warum gerade Familienväter von 50 Minuten Pilates effektiv profitieren? Stichwort: weniger Zeit fürs Fitnessstudio, mehr Fokus auf Alltagstauglichkeit.
Olga sagt: „Ich trainiere Männer mit Schreibtischjobs, familiärer Belastung oder sportlicher Vorgeschichte – z. B. Läufer, Ex-Fußballer oder Freizeitsportler in der Midlife-Phase. Mein Fokus liegt auf einem Training, das zeitlich schlank ist, aber eine Woche lang trägt – Pilates, wie es ursprünglich gedacht war: für Kraft, Beweglichkeit, Haltung, Regeneration. Wie das aber läuft, wenn die Frauen ihre Männer mit ins Studio schleppen, das erzählt sie uns sehr anschaulich hier… Da wird soeben mal der eine oder andere Mann zu seinem Glück „gezwungen“ 😉
Von der Macht der liebenden (Ehe-)Frau
Die Macht der liebenden (Ehe)Frau… sie wirkt! Und ja, auch bei den hartnäckigsten, widerspenstigsten männlichen Wesen. Du musst sie dir so vorstellen: Diese Frauen schreiben mir E-Mails, freundlich, klar, mit genauen Vorstellungen.
„Ich will (als Frau mit zwei Kindern) dringend etwas für meine Figur tun – Arme, Beine, Po und Rücken. Ach ja, und der Beckenboden (liegt dazwischen) wäre auch noch dran. Wann hättest du einen Termin, Olga? Montag-, Dienstag- oder Mittwochvormittag nach 8.30 Uhr wäre perfekt – wenn die Kids versorgt sind.“
So weit, so klar. Aber dann kommt oft noch dieser Nachsatz, der mich jedes Mal schmunzeln lässt: „P.S.: Ich bringe meinen lieben Mann mit Rückenproblemen mit. Er ist von Pilates nicht überzeugt, obwohl ihm sein Physiotherapeut genau das bei seinem Morbus Scheuermann geraten hat. Er denkt, Pilates sei nur was für Frauen. Einfach, dass du schon mal vorbereitet bist.“
Na wunderbar, denke ich mir dann. Sie will. Er muss. 😉 Aber genau das ist ein Teil meiner täglichen Arbeit: „Mitgebrachte Männer von liebenden (Ehe)Frauen in pilatesierende Überzeugungstäter verwandeln.“
Und das klappt erstaunlich oft. Denn diese Frauen wissen genau, wann sie ihren Mann zu einem Termin überreden können – und was wirklich funktioniert: Nicht als „gemeinsame Zeit“ (bloß nicht!). Sondern als gemeinsame Planung, wenn die Kinder betreut sind und beide mal kurz aus dem Alltag rauskommen.
Dann sitzen sie da, diese Paare. Meist sind es stille, zierliche Frauen, die mit einer unsichtbar großartigen Macht ihren kräftigen, stolzen Mann ins Pilates schleppen – und mir den Rest überlassen. Du ahnst es vielleicht schon, was Männer wirklich über Pilates denken. Auch bei deinem Mann wird es vermutlich nicht anders sein. Bei Marco war das so. Und bei Volker, Philipp, Bruno … und vielen anderen.
Sie alle kamen mit hochgezogenen Augenbrauen und dieser leisen Skepsis im Blick: „Na gut, wenn’s sein muss.“ Aber glaub mir – nach der ersten Lektion höre ich fast immer denselben Satz: „Wow. Das hätte ich nie gedacht. Das tut richtig gut!“
Das Verwundernde ist, dass Männer, sobald sie auf dem Reformer liegen und ihre Beinarbeit gegen die Stahlfedern starten, plötzlich merken: „Hey, das ist ja eine gute Linie – von den Beinen zu den Bauchmuskeln bis in den Rücken.“
Sobald sie auf dem Cadillac sitzen und eine Stange vor sich her bewegen, die an einer Feder befestigt ist, spüren sie sofort, wie wohltuend diese Bewegung nach vorne und wieder zurück in der Wirbelsäule wirkt. Sie bewegen sich – oft zum ersten Mal seit Langem – in alle Richtungen.
Und wenn sie schließlich auf dem Hügel, dem sogenannten Spine Corrector, liegen, können sie ihre Wirbelsäule richtig ablegen, ihre Brust öffnen und einmal tief durchatmen – etwas, das vielen Männern im Arbeitsalltag schlicht nicht gelingt.
50 Minuten Pilates helfen schon
Weil 50 Minuten Pilates reichen, um zu merken, wie sich etwas verändert. Im Rücken. In der Haltung. In der Energie. Kein Lärm, kein Druck, keine Muskel-Poser – nur gezielte Bewegung, Atem, Ruhe.
Viele dieser Männer kommen später allein wieder. Nicht, weil ihre Frauen sie schicken, sondern weil sie selbst spüren: Das tut mir gut.
Und ja, manchmal braucht es dazu die Macht einer liebenden Frau, die weiß, wann sie den richtigen Moment erwischt. Aber am Ende sind es die Männer selbst, die erkennen, dass 50 Minuten pro Woche reichen können, um sich wieder stark, aufrecht und beweglich zu fühlen. Wenn du also so einen Mann zu Hause hast – skeptisch, aber rückengeplagt – dann bring ihn ruhig mit. Ich übernehme ab da gern. 😉
Info: Joseph Pilates hat seine Methode im Ersten Weltkrieg im Internierungslager für andere Männer erfunden. Seine ersten „Schüler“ waren Mitinhaftierte in einem Camp. Die Übungen, die er ihnen beibrachte, waren alles andere als leicht – sie basierten auf harter deutscher Gymnastik, eigener Körperbeobachtung und viel Körperdisziplin.




7 comments
Mal abgesehen von dem Begriff Familienvater, den ich genauso befremdlich finde, habe ich den Artikel irgendwie ganz anders gelesen.
Für mich ging es darum, Männer von einem Sport zu überzeugen, weil er ihnen gut tun könnte und den sie nicht in Betracht ziehen, weil er „nur was für Frauen“ ist. Vielleicht ähnlich, wie wenn mein Mann mich „zwingen“ würde, Boxen auszuprobieren, um auf Arbeit angestauten Frust abzubauen. Auf die Idee, Boxen zu gehen, würde Frau von alleine vielleicht nicht so richtig kommen, das ist ja nur was für Männer.
Man kann seinen Partner/seine Partnerin schon herausfordern, mal über den Tellerrand zu schauen. So habe ich „zum Sportglück zwingen“ verstanden.
Befremdlich finde ich auch die Vorstellung, meinen Mann – den „Familienvater“ – zum „Sportglück zu zwingen“. Das ist so abseits unserer Beziehung, ich kann gar nichts ausdrücken, wie befremdlich das ist.
Wie immer bei solchen Vorstellungen: einfach mal die Beteiligten umdrehen. Der Mann zwingt die Frau zum „Sportglück“. 😉 Finden wir ganz toll, oder?
Ich leiste mir einen Mann, der in Bezug auf solche Dinge einen sehr eigenen Kopf mit sehr eigenen Gedanken hat und wollte auch im Leben nicht von ihm zum „Sportglück gezwungen“ werden. Boah, es schüttelt mich.
@Carina: genau das habe ich auch gedacht! Abgesehen davon, dass ich meinen Partner nicht so bevormunden möchte, sehe ich es auch nun wirklich nicht als meine Aufgabe, ihn zum Sport zu „nötigen“.
Noch eine Aufgabe, um die sich „Mutti“ zu kümmern hat. Und im nächsten Artikel lesen wir dann, wie man den Mental Load besser verteilt 😆
@Eva: zwei Dumme, ein Gedanke😂
Geht mir genauso wie Dir, Carina. Aber da ist noch mehr schönes drin. Die Frau macht es für die Figur, terminiert und guckt, dass die Kinder versorgt sind und schleppt dann den Ernährer mit und erfüllt damit auch gleich noch das Klischee, dass Frau für die Gesundheitsfragen und Versorgung zuständig ist. Die sorgende, kümmernde, organisierende Mutti.
Demnächst kommt dann wieder ein Coaching zum Thema Mental load…..
LOL, ich dachte dasselbe und habe genau deshalb vor ein paar Tagen gar nicht erst kommentiert. Aber jetzt muss ich so lachen, dass ich es doch nicht mehr lassen kann. 😀
Die Verantwortung für seinen Körper soll Männe mal schon bei sich behalten. Ich würde im Traum nicht dran denken, mir das auch noch aufzuhalsen.
und da ist er wieder mein Lieblingsbegriff der Journalisten aus dem letzten Jahrtausend: Familienvater. warum sagen wir nicht einfach Vater? Hat schon mal jemand was von der Familienmutter gehört? Hat der Vater allein die Familie geschaffen und die Frau ist „nur“ Mutter geworden?
geht der Begriff noch auf die alten Konzepte z.B. der Römer zurück, des pater familia, dem Frau, Kind, Sklave, Vieh gehörten und unterstellt sind?
ich finde den Begriff merkwürdig bis befremdlich und wäre stark dafür, ihn aufzugeben.