Ihr Lieben, mit dem Satz „Du kannst alles erreichen, wenn du es nur doll genug willst“ fremdele ich schon immer. Grad im Zusammenhang mit dem Thema Familienplanung aber zum Beispiel, empfinde ich ihn sogar als hochgradig verletzend.
Denn manche Frauen wollen nun mal gern Mama werden und können das so doll wie nur möglich wollen und dann macht ihnen die Biologie doch einen Strich durch die Rechnung. Oder der fehlende Partner oder sie wünschen sich ein weiteres Kind und es klappt nicht oder was auch immer. Ihr wisst, was ich meine. Nicht alles lässt sich einfach durch Fleiß erreichen.
Und nein, wer heute mit einem ganz normalen Job ins Berufsleben startet, wird sich, wenn er oder sie nicht gut geerbt hat, aus eigener Kraft kaum ein Häuschen bauen können – so doll er oder sie das auch will. Dafür reicht es heute einfach nicht mehr und deswegen können wir Insta-Spruch-Tassen mit Sätzen wie „Du kannst alles erreichen“ auch einfach mal gepflegt gegen eine Wand hauen.
Lasst uns mal realistisch bleiben
Ihr kennt mich optimistisch, ich weiß – und ich meine das auch gar nicht pessimistisch und ich möchte damit auch keine Zukunftsangst verbreiten, im Gegenteil. Ich meine das REALISTISCH. Denn unsere Kinder vergleichen sich. Sie vergleichen sich mit sehr sehr sehr viel mehr Menschen als wir das in ihrem Alter getan haben, denn sie haben Internet. Sie nutzen soziale Medien. Und was sie da sehen, das kann sie einfach auch schnell unter Druck setzen.
Da heißt es dann so schön: Du kannst mit zehn Minuten Wandpilates am Tag in einer Woche 15 Kilo abnehmen. Du kannst dich als Influencerin einfach nach Dubai einfliegen lassen. Und wenn du es ganz ganz ganz doll willst, kannst du auch aussehen wir Daisy Duck, dafür musst du halt nur genug Zehntausender für die Lippenaufspritzung hinlegen. Puuuuh. (Und ja, Wandpilates wird bestimmt nur mit als Ü40 angezeigt, aber Entsprechendes gibt es ja auch für jüngere Zielgruppen). Und wenn man das dann nicht schafft? Hat man es dann einfach nicht doll genug gewollt?
Einer unserer Söhne hat schon immer einen ganz speziellen Berufswunsch und überlegt ernsthaft, ihn nicht zu verfolgen, weil er meint, man verdiene damit nicht genug Geld. Der andere der beiden wurde gestern im Praktikum gefragt, welche Connection er denn zum Bereich habe, denn man käme ja nur über Vitamin B rein. Wirkt das wie „Man kann alles erreichen, was man sich wünscht, wenn man sich nur genug anstrengt“?
Du kannst alles erreichen?
Ich finde, dieser „Alles erreichen“-Satz macht vor allem DRUCK. Weil wir dann ja im Gegenzug davon ausgehen können, dass wir was falsch machen, wenn wir eben nicht alle Träume unseres Lebens erfüllen können. Dass wir uns nicht genug anstrengen. Und ja, natürlich haben wir vieles in der Hand, aber eben nicht alles.
Manchmal brauchen wir eben auch ein bisschen Glück. Manchmal beschleunigen auch Privilegien Karrieren (leider sogar oft!). Manchmal ist die gewählte Sportart einfach zu teuer für die Eltern, manchmal liegt das Glück vielleicht auch am Wegesrand und nicht am Ziel.
Und ja, natürlich können wir uns anstrengen. Und das heißt trotzdem nicht, dass alles klappt. Haben wir nicht alle schon mal ne Mathearbeit versemmelt, obwohl wir gelernt hatten? Haben wir nicht schon mal ein Turnier verloren, obwohl wir die Besseren waren? Es ist an uns, dann die Wegstrecke zu feiern, die Anstrengung anzuerkennen und nicht das Ergebnis. Und das dürfen wir auch unseren Kindern mitgeben:
Wir können alles versuchen im Leben, das heißt aber nicht, dass auch alles so klappt oder läuft, wie wir uns das vorgestellt haben. Und darüber müssen wir aber nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern dann schauen, wie wir mit dem, was dann halt dabei raugekommen ist, umgehen können.
Das Leben überrascht uns manchmal. Und einen Job nicht zu machen, weil er „zu wenig Geld“ bringt? Nee, da halte ich als Mama dagegen und sage: Wenn das deine Leidenschaft ist, dann wirst du so gut darin werden, dass sich vielleicht andere Quellen auftun.
Ich bringe da gern das Beispiel der Hebamme an. Sie verdient ganz bestimmt nicht „gut“ im herkömmlichen Sinne (besonders nicht dank horrender Haftpflichtversicherungs-Kosten). Aber vielleicht kann sie dann noch ein Buch über ihre Arbeit schreiben, für die sie brennt oder Online-Kurse entwickeln oder was auch immer einem an Sekundärquellen einfällt.
Insofern: Ja, wir können doch vielleicht viel erreichen, wenn wir das wollen. Aber eben nicht alles – und vor allem nicht unter dem Druck und der Versprechung, dass das in jedem Bereich des Lebens immer möglich ist. Wir können es aber versuchen und schauen, welche Höhen und Tiefen wir dabei erleben… und diese dann als Erfahrung abspeichern. Oder wie seht ihr das?
8 comments
Natürlich hat nicht jeder Glück und in diesem Sinne wird auch nicht jeder alles erreichen.
Trotzdem finde ich das Mindset des „ich kann alles erreichen“ sinnvoller, als das von Dir propagierte, „realistische“ Mindset. Denn nur wer daran glaubt, alles erreichen zu können, bleibt offen für die eigenen Chancen und ist risikobereit genug, die Chancen auch zu nutzen.
Nehmen wir mich als Beispiel: Als ich im Jahre 2017 ein paar tausend Euro in Bitcoin investiert habe, haben mir viele „realistische“ Menschen davon abgeraten und gemeint, ich würde mein Geld verschwenden, solle doch lieber in einen sicheren Bausparvertrag oder so ein Zeug investieren.
Die Tatsache, dass ich nicht auf diese Menschen gehört habe, hat mich zwar (noch) nicht zum Millionär gemacht, aber ich kann sagen, dass ich der ersten eigenen Million deutlich nähergekommen bin, obwohl ich selbst nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde.
Und solche Chancen mit dem richtigen Investment enorm zu profitieren, bieten sich immer wieder. Wer rechtzeitig in Amazon-Aktien investiert hatte oder den GameStop-Hype mitgenommen hat, konnte mit kleinem Startkapital finanziell viel erreichen. Auch heute schlummert irgendwo gewiss eine kleine Aktie, die in den nächsten zehn Jahren das fünfzig- oder gar hundertfache ihres heutigen Wertes haben wird.
Wichtig ist vor allem die Risikobereitschaft, die Motivation sich über Dinge wie Investitionen zu informieren und der unerschütterliche Glaube an den eigenen Weg. Und wenn ich mir hohe Ziele stecke und davon nur die Hälfte erreiche, komme ich damit meist immer noch weiter als die ganzen „Realisten“, die gleich tiefstapeln um bloß nicht enttäuscht zu werden.
Und klar kann das schiefgehen und man am Ende mit Null dastehen. Dieses Risiko sollte man aber mit offenen Armen willkommenheißen, denn gerade das macht ja das Leben so spannend.
Ich jedenfalls halte es mit dem guten alten Harald Juhnke, der da sang „Barfuß oder Lackschuh“ oder dem Rapper 50Cent „Get rich or die tryin´“.
Genau das.
Wenn ich „realistisch“ geplant hätte, dann wäre ich nicht da wo ich heute bin.
Klar gehen Sachen auch schief und es ist immer ein Risiko dabei. Aber selbst bei den Sachen, bei denen ich gescheitert bin habe ich etwas daraus gelernt und bin trotz allem froh, dass ich es versucht habe.
Manchmal ergeben sich auch ungeahnte Möglichkeiten, wenn man sich informiert. Ich habe mit einem neuen Hobby begonnen, dass ich eigentlich für zu teuer hielt. Jetzt bin ich in einem Verein und dort kann ich alles an Equipment nutzen.
Lisa hat ja auch nicht gesagt, dass man es definitiv nicht schafft oder dass man nichts Neues riskieren/probieren soll.
Nur eben, dass diese Insta-Suggerierung „Du erreichst alles, wenn Du Dir nur genug Mühe gibst“, nicht wahr ist.
Vielen Dank für diese durchdachten Worte. Ich finde es sehr wichtig, dass sowas endlich mal gesagt wird. Ich hab neulich einen Beitrag von einer YouTube-Mama gesehen. Die hat es perfekt auf den Punkt gebracht. Sie meinte, sie wäre gern Sport-Reporterin geworden. Aber da wäre sie ja nur unterwegs und hätte nicht so viel Zeit für ihre Familie wie sie es gern möchte. Sie macht nun Social Media und will demnächst einen Podcast starten (wenn ich das richtig verstanden habe) Und das macht ihr viel Spaß.
Ihr Learning: Man kann nicht immer alles werden was man will, aber man kann sich Träume schaffen, die greifbar sind.
Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.
Liebe Lisa,
Ich sehe das genauso wie du. Vielen Dank für diesen guten Text !
Dieser Satz, dass Jeder alles erreichen kann was er will, ist in meinen Augen kompletter Blödsinn und extrem realitäts fremd. Oft kommen solche Sätze aber auch nur von Menschen, die der Meinung sind, sie hätten alles selbst in der Hand, was im Leben so passiert. Sie meinen auch, sie könnten ALLES beeinflussen. Mit einer positiven Einstellung kann man einiges beeinflussen, aber bei weitem nicht ALLES. Solche Menschen haben wahrscheinlich wenig Lebenserfahrung ( unabhänig vom Alter ) und auch sehr, sehr wenig Empatie anderen Menschen gegenüber, denn wie sonst sollte man eine solche Haltung einnehmen können?
Das Leben ist komplex und unergründlich. Der Mensch kann sich bemühen aus den Gegebenheiten seines Lebens das Beste zu machen. Aber auch dann, kann er nicht davon ausgehen, dass es das Beste wird.Es gibt keine Garantie für absolut nichts ! Zuerst ist es erschreckend dies zu erkennen, aber wenn man sich das bewusst macht, dann ist man auch viel dankbarer dem Leben gegenüber. Man spührt Demuht, wenn das Leben in geortneten Bahnen läuft und ist friedlich und zufrieden, ob man jetzt grosse Erfolge feiern kann oder nicht….
Meine Meinung ist; der Mensch ist am glücklichsten, wenn er mit gutem Gewissen sagen kann, dass er sich ernsthaft bemüht hat sein Leben gut zu meistern und dankbar ist für das was er hat.Und was Erfolg haben im Leben ist, ist sowieso devinitions Sache !
ein sehr kluger Text!! danke dafür!
viel zu oft wird verglichen, vergleicht man selbst, das sollte man abschaffen können
Liebe Lisa,
danke für den Artikel. Ich bin da ganz bei dir. Unsere Kinder stehen in Social Media im ständigen Vergleich, was zu Unzufriedenheit führt. Wir bringen alle unterschiedliche Talente und Begabungen mit. Diese beruflich zu nutzen, macht glücklich und die Arbeit wird leichter von der Hand gehen. Wir haben in unseren Köpfen auch konkrete Vorstellungen von guten und schlechten Jobs. Davon sollten wir uns verabschieden und lieber auf unsere innere Stimme hören. wie viele Kinder müssen ein Gymnasium besuchen und bekommen regelmäßig zu hören, du kannst alles schaffen, wenn du nur willst.
Dieser Spruch erzeugt Druck und bremst viele Kinder langfristig aus.
In einem Land, in dem der Bildungserfolg nachweislich sehr sehr stark vom sozio-ökonomischen Kapital der Eltern abhängt, ist dieser Satz für viele ein Schlag ins Gesicht. Er sagt dann nur: „du bist selbst schuld.“ dabei gibt es eben nicht alles für jeden. und oft hilft nur Vitamin B oder dass Mann die sozialen Codes verinnerlicht hat, sonst wird man ausgegrenzt.
und für manches ist man vielleicht auch körperlich nicht geeignet (z.B. Pilot) und muss damit leben lernen.
Im christlichen Glauben geht es schon immer um eine Erfüllung, die über Status, Beruf etc hinausgeht und hilft, damit umzugehen, dass wir nicht alles in unseren Händen haben. und es ist eben nicht alles machbar und auch nicht für jeden. damit muss man umgehen lernen. Dankbarkeit für alles, was man hat, ist auch eine gute Tugend.
im Übrigen haben früher viele Familien ihre Häuser mit bloßen Händen am Wochenende gebaut und auch nicht so ohne weiteres gekauft. das wäre nur mit den vielen Vorschriften etc heute nur noch dem möglich, der selbst Handwerk gelernt hat und sich auskennt. und die Zinsen waren in den 80ern um ein Vielfaches höher.